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Das bewegte Leben der Sibylle von Schieszl

  • Datum: 11. September 2019
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Foto von Bärbel Mäkeler
Bärbel Mäkeler
Alle Beiträge (15)

Ein Frauenort, was ist das? ‒ Boutiquen, Schuhgeschäfte und Kosmetiksalons? Mitnichten! frauenORTE – ja, richtig geschrieben – ist eine niedersächsische Initiative, die historische Frauenpersönlichkeiten vorstellt und dabei deren Erfolgsstorys in den Mittelpunkt der Geschichtsschreibung stellt. In unserer immer noch männerdominierten Gesellschaft ist das allemal gut, wichtig und nötig, finde ich.

Der FrauenOrt Wolfsburg ist im phaeno zu sehen, daneben die Türme des VW-Kraftwerks. (Foto: Bärbel Mäkeler)

Ich treffe mich mit der Leiterin des Gleichstellungsreferats Wolfsburgs Beate Ebeling im phaeno. Das Gleichstellungsreferat ist Kooperationspartner der Initiative frauenORTE. Ebeling möchte mir den frauenORTEN Sibylle von Schieszl zeigen, denn ihr ist im phaeno eine ganze Experimentierstation gewidmet. Das heißt also, Sibylle von Schieszl hat etwas mit Technik zu tun? Genau, von Schieszl war die erste Managerin bei der Volkswagen AG, und das im naturwissenschaftlichen Bereich. Das ist schon einen Podest wert. Aus meiner Sicht sind die Worte – von ihr auf einer Managementversammlung im Jahr 1976 gesprochen – bemerkenswert, analytisch und mutig zugleich:

Wer Manager haben will, d. h. nicht Leute, die dem Herzinfarkt zueilen, kein Familienleben mehr ertragen und durch die Angst vor dem Machtverlust getrieben werden, sondern Männer (oder Frauen), die den Blick für das Neuartige, das Machbare und das Weiterführende haben, Dinge in Gang setzen …, die soll man nicht wie Kleinkinder behandeln.“

Dieser auch heute noch zutreffende Satz zeigt von Schieszls Führungspersönlichkeit und unbeugsamen Willen. Schauen wir uns ihre Vita an, sehen wir, wie sich Mut und Zielstrebigkeit durch ihr ganzes Leben ziehen.

Sibylle von Schieszl hat viel vor

Sibylle von Schieszl wurde 1918 als Tochter von Martha und Walther Schieck, übrigens dem letzten sächsischen Ministerpräsidenten vor der Machtergreifung, in Dresden geboren. Ihre Eltern erzogen sie zu kritischem Denken, dem sie treu blieb. Von 1940 bis 1943 studierte sie Technische Physik an der TH Dresden. 1944 heiratete sie ihren Kommilitonen Karl Theodor Schieszl von Buda und die beiden bekamen eine Tochter.

Trotz der bis 1949 andauernden Kriegsgefangenschaft ihres Mannes gelang es ihr, als alleinerziehende Mutter im Jahr 1948 zum Dr.-Ing. zu promovieren. Ihre Doktorarbeit trug den Titel „Versuche zur Klärung der Gültigkeitsgrenze der Hydrodynamik in dünnen Schmierölschichten“. Damals war ihre Tochter gerade einmal drei Jahre alt. Hier zeigt sich bereits ihr starker Wille, sich als Frau und Wissenschaftlerin durchzusetzen.

Die Türme des VW-Kraftwerks spiegeln sich im Exponat von Sibylle von Schieszl. (Foto: Bärbel Mäkeler)

Mutiger Einsatz für andere

Im Jahr 1950 wechselte sie als Oberassistentin zum Institut für Elektrochemie und Physikalische Chemie. Sie flüchtete 1952 mit ihrer Familie nach West-Berlin, nachdem sie mehrere Studierende vor einer Verhaftung gewarnt hatte. Diese Geschichte zeigt ihren Mut in einer sich drastisch zuspitzenden politischen Situation. Hier die Story, die die Protagonistin sicherlich, wäre sie ein Mann gewesen, zum Helden gemacht hätte:

Sibylle von Schieszls Professor erhielt 1952 in seiner Funktion als Prorektor eine Liste mit rund 20 Studenten, die vermutlich verhaftet werden sollten. In seiner Position als Prorektor meinte er, nichts für die Studenten tun zu können, und gab diese Liste der jungen Studentin Sibylle von Schieszl. Sie wusste sofort, dass sie die DDR werde verlassen müssen, würde sie die Studierenden warnen. Also weihte sie ihren Mann ein und warnte die Studierenden. Von Schieszls verließen daraufhin mit der siebenjährigen Tochter die DDR und ließen sich im Westen nieder.

Frau von Schieszl steigt auf

Ab 1956 arbeitet Sibylle von Schieszl bei VW und baute 1966 die Abteilung „Zentrale Schadensermittlung“ auf, deren Leitung sie 1970 übernahm. 1972 stieg sie zur Hauptabteilungsleiterin der „Qualitätsförderung“ auf und war damit die erste Frau in einer leitenden Funktion bei der Volkswagen AG. Sie engagierte sich bis zu ihrer Pension 1979 für ein aktives Qualitätsmanagement und war damit in der gesamten Automobilbranche anerkannt. Soviel zu ihrer beruflichen Geschichte.

Animierende Experimentierstation im phaeno

Nun zurück zum Science Center phaeno. Was ist dort zu sehen? Neben der Infotafel über Sibylle von Schieszl – in der sich übrigens passenderweise die vier Türme von VW spiegeln – sind zwei Stationen zu bedienen: ein Luftblasen-Viskosimeter und das Exponat „Wie gut klebt Öl?“ Ich habe es natürlich ausprobiert und die ölgefüllten Rohre in Rotation gebracht und ja, Luftblasen haben es schwerer in viskosen (zähflüssigen) Flüssigkeiten, das habe ich nun gelernt. Im Exponat daneben wird meine Kraft getestet. Da ist nicht viel …

Beate Ebeling vor dem Exponat rund um Sibylle von Schieszl. (Foto: Bärbel Mäkeler)

Engagierte Gleichstellungsbeauftragte in Wolfsburg

Beate Ebeling, die noch Zeit für mich hat, hat viel zu erzählen über ihre Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte. Seit 2011 ist die Diplom-Verwaltungswirtin die Leiterin des Referats mit vier Mitarbeiterinnen. Städte mit über 20.000 Einwohnern müssen ein solches Referat einrichten – „ein nicht überall geliebtes Kind“, erfahre ich. Allerdings kooperiert ihr Arbeitgeber, die Stadt Wolfsburg, mit großer Offenheit mit der Abteilung. Was sind denn die Themen ihres Referats, frage ich sie.

Neu: die Täterberatung im Gleichstellungsreferat

Da das Gleichstellungsreferat für die Interessen von Frauen und Männern in Belangen der – wie der Name schon verrät – Gleichstellung zuständig ist, gehen die Themen über Personalentwicklung und Wiedereingliederung von Frauen ins Berufsleben bis zum brisanten Thema der häuslichen Gewalt als Arbeitsschwerpunkt. Die Beratung für misshandelte Frauen (rund 300 Fälle in Wolfsburg pro Jahr!) übernimmt in Wolfsburg der Dialog e. V. Das Team um Beate Ebeling hat seit Kurzem eine Täterberatung ins Leben gerufen, die beispielsweise Verhaltenstherapie für verhaltensänderungswillige Männer anbietet. Bei dem Thema merke ich Beate Ebeling genau an, mit wie viel Herzblut sie bei der Sache ist. Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit sind die Themen, die sie antreiben. Sorgen macht Ebeling allerdings vor allem die Zunahme von rechtsradikalen Ansichten, die sie „als Angriff auf unsere Demokratie“ fürchtet. „Frauen an den Herd“, diese Forderung hatten wir in der Vergangenheit genug, ist sie überzeugt. Darüber lässt sich nicht streiten – da sind wir uns einig. Und kommen wieder zum Thema frauenORTE zurück. Es wird wieder sachlich und Beate Ebeling versucht, mir die Zusammenhänge der Kooperation zu vermitteln.

Beate Ebeling, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Wolfsburg, im Gespräch. (Foto: Bärbel Mäkeler)

Also: Der frauenORT Niedersachsen in Wolfsburg ist eine Initiative des Landesfrauenrats Niedersachsen e. V. in Kooperation mit dem Gleichstellungsreferat der Stadt Wolfsburg, der VW AG, der WMG, dem Science Center phæno und den Soroptimisten (Club Wolfsburg). Das kann aber an anderen niedersächsischen Orten anders aussehen … ein Blick auf die Internetseiten der frauenORTE Niedersachsen hilft hier weiter (www.frauenorte-niedersachsen.de).

Weitere frauenORTE in der Region

In ganz Niedersachsen sind rund 35 herausragende Frauenpersönlichkeiten gelistet. Und wo gibt es in unserer Region neben Sibylle von Schieszl in Wolfsburg weitere frauenORTE?

Nun, in Braunschweig warten Ricarda Huch sowie Minna Faßhauer auf ihre Entdeckung. Ricarda Huch, Schriftstellerin von Weltrang, wurde als erste Frau 1926 in die Preußische Akademie der Künste berufen. Minna Faßhauer, Revolutionärin, war die erste Ministerin in Deutschland, sie bekam das Volkskommissariat für Volksbildung übertragen.

In Peine informiert eine Hörstation über Hertha Peters, die ab 1964 die erste Landrätin im Landkreis Peine war. Das Peine Marketing bietet dazu einen besonderen Stadtrundgang mit einer Schauspielerin an.

In Goslar ist rund um Katharina von Kardorff-Oheimb ein frauenORT entstanden, im Café am Markt ist ihr sogar die Kathinka-Torte gewidmet. Sie engagierte sich in der bürgerlichen Frauenbewegung, z. B., indem sie politische Ausbildungskurse für Frauen organisierte.

Charlotte von Veltheim war die Domina des Klosters Marienberg in Helmstedt, die viel für die Allgemeinheit und für die Mitbewohnerinnen des Klosters bewirkte. Sie führte erstmals Klosterleben und unternehmerisches Denken zusammen.

Der frauenORT in Wolfenbüttel gedenkt Henriette Schrader-Breymann, die sich in Wolfenbüttel für die Bildung von Mädchen und Frauen einsetzte. Ihr Einsatz für die Erwerbstätigkeit von Frauen gilt als wegweisend.

In fast allen Orten werden Stadtrundgänge angeboten und Prospekte informieren über die herausragenden Frauenpersönlichkeiten. Politische Veranstaltungen, Führungen sowie Diskussionssalons greifen das Thema Emanzipation auf und Gedenktafeln sowie Büsten erinnern an die bedeutenden Frauen „von gestern“.

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