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Zu jung, um alt zu sein - Der Kreativclub der IG Metall

  • Datum: 19. Juni 2020
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Gruppenfoto unter einem Baum. (Bildrechte: IG Metall)
Foto von Bärbel Mäkeler
Bärbel Mäkeler
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Die bevorstehende Rente ist für viele ein echtes Thema. Wann gehe ich in Rente, wie viel Geld werde ich zur Verfügung haben und vor allem: Was mache ich dann? Ich habe Jürgen Schrader, Rentner und IG-Metall-Mitglied, am Ringgleis getroffen, wo er es sich am 1. Mai nicht nehmen ließ, an der Kundgebung teilzunehmen.

Jürgen Schrader ist seit einigen Jahren im Ruhestand und hat keine Langeweile. Er arbeitet aktiv im Kreativclub der Senioren und im Seniorenausschuss der IG Metall Braunschweig mit. Wie muss ich mir das vorstellen, frage ich den agilen Mittsechziger. Wird gezeichnet, gebastelt oder werden Möbel restauriert?

Im Ruhestand engagiert bleiben

„Nichts von alledem“, schmunzelt Jürgen Schrader, „aber ja, wir tun etwas gemeinsam, und zwar wollen wir alle, die wir bei der IG Metall waren und auch noch sind, uns aktiv weiter engagieren für ein solidarisches Miteinander.“ Immerhin waren ja alle während ihres Arbeitslebens geübt in Auseinandersetzung, im Durchsetzen von Interessen. Nun verlernt man diese Dinge ja nicht, wenn man und frau ins Rentenalter eintritt.

„Was sind denn Ihre vorrangigen Themen?“, frage ich Schrader. „Wer jetzt in Rente geht, den treiben ein paar Fragen um“, sagt er. „Natürlich geht es darum, ob die Rente auskömmlich ist, ob man davon würdig leben kann. Aber es geht auch um mehr: Wie sieht mein Lebensabend in der Stadt aus? Wie will ich leben? Bin ich allein für mich oder will ich mit anderen etwas tun, will ich aktiv und im Gespräch bleiben?“, bündelt der Gewerkschafter die Antworten auf meine Frage.

In diesem Zusammenhang interessiert es mich, wie viele Senioren und Seniorinnen es denn eigentlich in Braunschweig gibt. Das ist schnell herausgefunden: 54 Prozent aller Braunschweiger Haushalte sind Ein-Personen-Haushalte. Unter ihnen wiederum sind beinahe 25 Prozent – rund 19.000 Braunschweiger – 75 Jahre und älter. Da taucht zum Beispiel die Frage nach der Wohnsituation auf. Wie kann man auch als älterer Mensch angemessen wohnen oder welche Ideen gibt es gegen die Vereinsamung von alleinstehenden Menschen?

Hierzu gibt es Ideen, die die Braunschweiger Sozialdezernentin Christine Arbogast anschiebt, zum Beispiel „Wohnen mit Hilfe“ oder Begegnungsstätten mit Beratungsangeboten. „Wir IG Metall-Seniorinnen und Senioren unterstützen solche Konzepte, in denen die Idee der Solidarität weitergetragen wird“ sagt Schrader. Gerade jetzt – in Corona-Zeiten – sei Solidarität hoch gefragt. Es gehe für ältere Menschen um Einkaufshilfen, Beratung und Unterstützung auf vielen Ebenen.

Senior in gelbem Hemd.
Jürgen Schrader ist im Kreativclub der IG Metall Braunschweig aktiv. (Foto: Bärbel Mäkeler)

Wer macht mit beim Kreativclub? Die harten Fakten

Aber stopp. Wir sind unterdessen schon mittendrin im Gespräch um Inhalte der IG Metall Seniorenarbeit. Ganz profan will ich aber erst einmal wissen, wer denn nun beim Kreativclub mitmacht, wie viele Mitglieder es sind und was der Club konkret unternimmt. Also was sind die harten Fakten?

Der IG Metall-Kreativclub wurde vor rund 20 Jahren gegründet. Hier treffen sich IG-Metaller beiderlei Geschlechts, die nicht mehr aktiv im Berufsleben stehen. Ihr Motto haben sie kreativ griffig zusammengefasst: „Zu jung, um alt zu sein. Zu lebenshungrig, um nichts zu tun.“ Der Club zählt um die hundert Kollegen und Kolleginnen im (Vor-)Ruhestand, davon rund 20 Prozent Frauen. Er teilt sich auf in verschiedene Arbeitsgruppen, die vollständig ehrenamtlich geleitet werden und sich mit den Themen Soziales, Freizeitprogramm und Öffentlichkeitsarbeit über die Homepage beschäftigten.

Außerdem gibt es noch den IG Metall-Seniorenausschuss. Er wird von den Mitgliedern im Ruhestand alle vier Jahre gewählt und besteht aus 12 Aktiven. Jürgen Schrader ist einer davon. Während seines Berufslebens war er Vertrauensmann bei VW in Braunschweig, also ein aktiver IG-Metaller vor Ort im Betrieb, nun macht er sich für die Ruheständler stark. Er ist auch einer von 15 Delegierten aus dem Kreis der Senioren, die sich in die 141-köpfige Delegiertenversammlung der IG Metall Braunschweig einbringen.

Eine Gruppe Senioren vor einem Seminarhotel.
Zu den gemeinsamen Unternehmungen und Zielen des Kreativclubs gehört auch die Weiterbildung. Hier ein Gruppenfoto vor einem Seminarhotel. (Foto: Kreativclub IG Metall Braunschweig)

Was treibt die Senioren an?

Die Frage ist leicht zu beantworten. Die jung gebliebenen Gewerkschafter möchten aktiv sein, aber losgelöst von Verpflichtungen, die sie jahrzehntelang hatten. Sie möchten ihre Themen einbringen, informiert bleiben, sich fortbilden, sprich am Ball bleiben, beispielsweise in puncto „was bewegt die Gesellschaft?“.

Und sie möchten sich für ihre Belange stark machen. Dazu gehören einerseits gesellschaftliche Themen, aber auch ganz private Neigungen, denen sie nun nachgehen können. Im Gespräch bleiben, das funktioniert am besten bei gemeinsamen Unternehmungen. Zwischen 40 und 60 Kollegen und Kolleginnen im Ruhestand beteiligen sich in der Regel an den gemeinsamen Veranstaltungen.

Menschen mit Regenschirmen vor dem Braunschweiger Schloss an einem Informationsstand.
Beim Tag der Älteren Generation der IG Metall vor dem Braunschweiger Schloss informierten Gewerkschafter zur solidarischen Alterssicherung. (Foto: Peter Frank)

Von Braunkohlwanderung bis Blechwarenfabrik

Vor Corona und sicherlich auch danach wurden und werden monatlich Freizeitaktivitäten unternommen. Dazu gehören Wanderungen, Besichtigungen, Radtouren oder auch mal einfach Kartenspielen. Beispiele gefällig? Die traditionelle Braunkohlwanderung war wie jedes Jahr sehr gut besucht. Essen, Trinken und Feiern gehören genauso zum Gemeinschaftsgefühl wie sportliche oder informative Unternehmungen. Ganz im Sinne der Nähe zum Element Metall hat die Gruppe im Februar eine  Blechwarenfabrik besichtigt, die fest mit der Braunschweiger Industriegeschichte verknüpft ist.

Und dann war da noch der 1. Mai. Traditionell einer der Anlässe der IG Metall, auf die Straße zu gehen und sich für die Interessen der Arbeitnehmer einzusetzen. Und dieses Jahr? Corona, teilweises Demonstrationsverbot. Da war Fantasie gefragt. Was tun Menschen bei gutem Wetter am 1. Mai? Fahrradfahren! Was liegt dann näher, als in Braunschweig am Ringgleis – natürlich auf Abstand – eine Mini-Kundgebung zu veranstalten. Die Gewerkschaften nutzten diesen (Rad-)Weg, ihre Forderungen an die Menschen zu bringen. Und der Kreativclub war dabei, nicht mit so vielen Teilnehmern wie sonst, aber der umtriebige Jürgen Schrader stand am Wegesrand und zeigte kreativ Flagge.

Ein weiteres Stichwort fällt zwischen den Birken hier am Ringgleis: Der „internationale Tag der älteren Generation“, nicht zu verwechseln mit dem „Tag der Senioren“. Der Tag der älteren Generation wird in Braunschweig am 1. Oktober veranstaltet. Die IG Metall-Senioren sind dann dabei und wollen Einfluss nehmen. Hier wird „deutlich formuliert“, was die IG Metall beispielsweise zur Rente zu sagen hat. Und wieder geht es auch um eine solidarische Stadt, die mit konkreten Forderungen untermauert werden soll.

Das Thema Solidarität weitertragen

Damit sich „junge Alte“ auch weiterhin aktiv für die Zeit nach der Berufstätigkeit einsetzen, bedarf es des Nachwuchses. Normalerweise verbinden wir Nachwuchs mit jungen Leuten. Hier geht es jedoch um jung gebliebene Kollegen und Kolleginnen der IG Metall. Es geht um das Weitertragen von Ideen und Überzeugungen in die Rentenzeit, es geht um Auseinandersetzung in unserer vielschichtigen politischen Gemengelage, es geht darum, sich im Alter nicht aus den Augen zu verlieren.

Dafür, dass Kollegen und Kolleginnen nach der Berufsphase am (politischen) Ball bleiben, werden bei der IG Metall verschiedene Angebote gemacht. „Es ist eine spannende Geschichte, heute immer wieder Menschen zu finden, die das Thema Solidarität weitertragen“, meint der eloquente Jürgen Schrader. Und da ist Einfallsreichtum gefragt – auch im Kreativclub und Seniorenausschuss der IG Metall.