Zum Inhalt springen
Zurück zur Übersicht

Stadionfunk: Heute ganz allein zu Haus

  • Datum: 27. November 2020
  • Kommentare: 0
Ein Rundfunk-Reporter im Eintracht-Stadion. (Bildrechte: Kay Rohn)
Foto von Kay Rohn und Malte Schumacher
Kay Rohn und Malte Schumacher
Alle Beiträge (43)

Am Samstag war der Karlsruher SC zu Gast im Eintracht-Stadion. Ein Bericht über einsame NDR-Reporter, einen Pappkameraden und eine 10.000 Euro-Wette - und ein Spiel aus zwei Perspektiven. Unsere Regionäre Malte Schumacher und Kay Rohn berichten.

Malte Schumacher:

Die 10.000 Euro-Wette

Meine Spieltags-Vorfreude wird bereits am Mittwoch aktiviert: Im aktuellen 11FREUNDE-Heft nimmt Klaus Brendes aus Berlin via Leserbrief das Wett-Angebot von Kida Khodr Ramadan aus der vorletzten Ausgabe an. Der Schauspieler (Toni Hamady in „4 Blocks“) wettet 10.000 Euro darauf, dass Max Kruse für Union Berlin mindestens 10 Tore schießt – Klaus Brendes hält dagegen und verspricht, 5.000 Euro von seinem Gewinn „an den BTSV von 1895 Eintracht e.V.“ zu spenden. Geiler Typ – Klaus, melde Dich mal bei mir!

Ein Zeitungsartikel.
Jede Wette: Klaus aus Berlin wettet für die Eintracht. (Foto: Malte Schumacher)

Pöödy und die Inklusion

Am Freitag dann geht’s weiter mit dem Eintracht-Thema: Patrick Leonardi („Pöödy“) ist bei mir zu Besuch. Pöödy ist ehrenamtlicher Behinderten-Fanbeauftragter von Eintracht und sehr aktiv im Fanclub „Eintracht inklusiv“. Ich mache mir Gedanken über Unterstützungsmöglichkeiten für seine Projekt-Ideen, mir fallen die Braunschweigische Landessparkasse und die Stiftung Zukunft Wald als mögliche Ansprechpartner ein. Und sein Tipp für morgen? „Ich habe ein schlechtes Gefühl – und immer, wenn ich ein schlechtes Gefühl habe…“.
Wir sind uns einig, dass die Defensive leider noch viel zu wackelig ist.

EDEKA-Sammelalbum – fast wie damals, mit elf…

Mit Pöödy sichte ich meine bisherige Ausbeute und natürlich die doppelten Sammelbilder für das „Offizielle Sammelalbum zum 125-jährigen Jubiläum“ der Eintracht in diesem Jahr. Pöödy kennt seine Leerstellen auswendig und bedient sich bei meinen Doppelten. Ich fotografiere meine Leerstellen im Album und schicke ihm die Fotos via WhatsApp – so geht sammeln, kleben, tauschen im Jahr 2020. Das war früher anders, auf dem Schulhof in Wolfenbüttel, als ich elf Jahre alt war…

Ein Sticker-Heft mit Aufklebern.
Sammeln, kleben, tauschen: Malte ist im Sticker-Fieber, wie damals als elfjähriger Bub. (Foto: Malte Schumacher)

Christian und das Jubiläums-Magazin

Am Spieltag titelt die „Neue Braunschweiger“: „164 Seiten pralles Sport-Erleben“ – Christian Göttner vom Johann Heinrich Meier Verlag hat ein schönes Magazin gebaut zu „125 Jahre Eintracht“. Okay, nach dem Schlusspfiff nachher radele ich in die City und füge meiner Eintracht-Sammlung auch davon ein Exemplar hinzu.

Im Sportteil der NB wird Trainer Daniel Meyer sehr zuversichtlich zitiert: „Unser Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten wächst, wir werden immer klarer und ich bin optimistisch, dass wir gegen den KSC wieder einen Schritt weiter sind“. Ich denke auch, dass Yari Ottos Last Minute-Ausgleich in Sandhausen vor der Länderspiel-Pause Selbstvertrauen gegeben haben sollte…

Koby, der Pappkamerad

Jetzt noch schnell einkaufen (ein paar Tüten Sammelbilder brauche ich noch), und dann Sky schauen. Mit Jens war ich locker zum gemeinsamen Glotzen verabredet – sein Bruder Micha und dessen Frau Bianca aber wollen heute ab 13.00 Uhr mit ihm auf ihre Petersilien-Hochzeit anstoßen: Glückwunsch zum 12einhalbten Hochzeitstag!

Bei EDEKA erschlägt mich das Eintracht-Thema fast – an der Sammelbild-Station versuche ich aus Koby einen Ergebnis-Tipp für das Match herauszuholen. Vergeblich, der Koby ist aus Pappe… Und da das Eintracht-Jubiläum in die Weihnachtszeit fällt, hat auch Jägermeister eine blau-gelbe Edition am Start – das perfekte Geschenk für jeden Fan…

Allein zu Haus – die Pandemie-Melancholie

Das Stadion ist leer, ich sitze alleine auf dem Sofa – Scheiß-Pandemie! Auf dem Bildschirm als Sky-Experte unser Ex-Trainer André Schubert, der wohl gerade beim Dental-Bleaching war… Ich blättere online durch das „Eintracht-Echo“ – und entdecke darin unsere Fanclub-Fahne. Zudem habe ich einen „Ich schaffe mir Stadionatmosphäre-Plan“: Ich schalte die sowieso immer unsägliche Sky-Tonspur ab und ersetze sie durch „Löwen live – Das Eintracht-Fanradio“, wo heute Christoph Köchy und Robin Koppelmann am Mikro sind.

Die beiden diskutieren die Aufstellung – Ben Balla sitzt nur auf der Bank, das Fehlen von Koby soll in der Offensive wohl Manuel Schwenk kompensieren.

Ein Mann mit Glatze lächelt in die Kamera.
André Schuberts strahlendes Lächeln als Sky-Experte. (Foto: Malte Schumacher)

Eintracht-Radio schneller als Sky-Bild

Anpfiff – und ja, klar: Der Ton von Christoph und Robin erreicht mich deutlich schneller, als das optische Signal von Sky. Ich könnte das regulieren in der Radio-App – nö, so weiß ich eher, wenn wir ein Tor schießen, und bin vorgewarnt, falls dem KSC eines gelingen sollte…

Bei denen vorne drin spielt einer meiner „alten Helden“, Philipp Hofmann. Der hat uns in der anstrengenden Saison mit Schubert den Arsch gerettet mit seinen Buden. Und vor dem habe ich großen Respekt – auch wenn Robin Ziegele vor dem Spiel verkündet hatte, Hoffi-Tore verhindern zu wollen…

Ohne Gegentore geht’s wohl nicht…

Ist das eine 4er-Kette, oder eine 3er-Kette bei uns…? – Christoph vertieft sich in dieses für mich wichtige Thema nicht so wirklich, aber seine Aufgabe ist ja auch der klassische Radio-Kommentar, also die bildhafte Beschreibung des Spielgeschehens. Zudem ist er durch und durch Fan und gleitet stimmlich gerne mal ab in sehr erregte Höhenlagen. So auch in der 14. Minute: Ziegele fälscht einen Karlsruher Schuss zum 0:1 in unser Tor ab, und ich rutsche tiefer ins Sofa.

Als Karlsruhe in der 18. Minute per Freistoß das 0:2 macht, presst Robin einen herzhaftes „Scheiße“ raus. Kannste laut sagen.

Zum Erfolgsfan werden?

So wie ich das sehe, muss unsere Mauer höher spingen beim Freistoß. Hermann schreibt über WhatsApp: „Ich werde jetzt zum Erfolgsfan und mache die Glotze aus…“. Auch ich habe diesmal nicht das Gefühl, dass wir das Spiel noch drehen können, die Abwehr agiert viel zu wackelig. Ziegele, aber auch Schlüter wirken überfordert bei ihrer Defensiv-Arbeit.

Kay und ich hatten zwei Leitfragen für heute identifiziert: „Was macht der Trainer in der Halbzeit?“ und „Wie lange dauert eigentlich eine Findungs-Phase?“. Frage 2 ist schnell beantwortet: leider viel zu lange.

Robin will Bier und Bratwurst holen

Robin wünscht sich derweil im Fan-Radio, was in der Tat auch wir in Block 6 jetzt tun würden, wenn alles so wäre wie früher: Bier und eventuell Bratwurst holen. Mit einem Bier in der Hand lässt sich’s einfach besser jammern… Kurz darauf eskaliert Christoph nochmal, weil Proschwitz sehr geil das 1:2 macht: Annahme, Drehung, Schuss in die Ecke – Tor für uns.

Okay, als wir damit auch in die Pause gehen, greift wieder mal Frage 1: „Was macht der Trainer in der Halbzeit?“ – bereits dreimal haben sie bislang ein Spiel nach der Pause noch gedreht. Gelingt das auch heute?

Eine Hand zapft Bier.
Auch das fällt zu Pandemie-Zeiten aus: Mit einem Bier in der Hand ließe sich’s einfach besser jammern. (Foto: Marcelo Idekda /pixabay)

„Was macht der Trainer in der Halbzeit?“

Aber im Grunde nervt es mich kolossal, dass wir dauernd hinten liegen, und wir einfach viel zu viele Buden kassieren. Im Moment haben wir 16 Gegentreffer, nur Würzburg ist da schlechter. „Offense wins games, defense wins titles“ – ein alter Hut aus der NBA, der hier aber passt, denn nur mit einer stabilen, sicheren Abwehr werden wir diese Zweite Liga halten können.

Auch Robin und Christoph monieren, dass die Gewinnenwollen-Körpersprache bei unserer Mannschaft immer erst dann zu erleben ist, wenn sie schon hintenliegen. Da passt was noch nicht richtig. Aber gut – vielleicht findet Daniel Meyer ja wieder die richtigen Pausen-Worte.

„Die Latte von Kroos…“

Pech haben wir heute auch: In der 57. Minute „luppt“ Felix Kroos einen schönen Freistoß ans Lattenkreuz der Karlsruher, der Abpraller fällt Proschi vor die Füße – der aber ist komplett überrascht und bolzt den Ball aus fünf Metern neben das leere Tor. Mist, das wäre es gewesen. Fünf Minuten später offenbart sich, dass unsere Abwehr-Defizite heute wohl tödlich sind: Ziegele erinnert mich bei seiner komplett kopflosen Rettungsaktion im eigenen Strafraum mit der Hacke sehr an den unglücklichen Steffen Nkansah, Hoffi legt den verdaddelten Ball quer und Choi macht das 1:3.

Ich glaube jetzt an nichts mehr heute, auch Robin und Christoph können mich nicht aufmuntern, im Gegenteil: Robin fasst schon unsere guten Chancen zusammen, darunter auch „die Latte von Kroos“…

Ein Fußballer im gelben Trikot.
Hätte fast den 2:2-Ausgleich gemacht: Felix Kroos hatte Pech mit der Querlatte. (Foto: Malte Schumacher)

Wann spielen wir mal wieder zu Null?

Volker bilanziert via WhatsApp: „Mit so vielen individuellen Fehlern kannst Du nicht gewinnen“ – da sind wir uns einig. Es passiert im Grunde auch nichts mehr – egal, was Trainer Meyer den Jungs in der Halbzeit gesagt hat, am Ende steht eine bittere Heimniederlage. Karlsruhe macht in der Tabelle einen Satz von 15 in die Tabellenmitte, wir dagegen rutschen auf die 15 runter. Klingt noch nicht so schlimm, die Performance aber sah bedenklich aus.

Die große, einzige Leitfrage lautet nun: „Trainer, wie bekommst Du die Abwehr stabilisiert und sattelfest?“. Und wäre alles so wie früher, würden wir in Block 6 eine neue Parole ausrufen: „Wir trinken, bis Eintracht mal wieder zu Null spielt!“…

Kay Rohn

Kalt geduscht

14. Minute. Und dann gleich wieder, 18. Minute. In irgendeinem Forum hat jemand gefragt: „Was wäre, wenn die Mannschaft gleich von Beginn so spielen würde, wie nach dem 2:1 Anschlusstreffer?“

Die Meyer-Elf wirkt anfangs sortiert, der Ball läuft durch die hinteren Reihen - bis sich eine Lücke im Mittelfeld aufmacht. Der Matchplan scheint zu sein, erstmal eine Viertelstunde zu überstehen und sich dann in Richtung Karlsruher Tor zu orientieren.

Ich glaube, es hat sich eine Art Muster in den Köpfen der Spieler festgemacht: Wir bekommen in der Anfangsphase immer Gegentreffer. Vielleicht sollte sich die Mannschaft mehr auf sich selbst und ihre Stärke fokussieren. Vier Minuten waren entscheidend und die kalte Dusche erwischte unsere Eintracht.

Phönix Proschwitz

Nick Proschwitz kommt über den Kampf. Er rennt sich müde, sorgt für zweite Bälle, indem er höher steigt als seine Bewacher. Dreizehn Minuten nach dem 0:2 sorgt er mit einer guten Einzelleistung für den Anschlusstreffer. Er scheint sich wohler zu fühlen als in der letzten Saison. Proschwitz ist einer, der sich reinhängt, der andere mitzieht. Er weiß, dass jetzt ein erfahrener Spieler wie er gefragt ist. Und er nimmt diese Rolle an. Wie Phönix aus dem Rasen.

Hätte, hätte – welche Kette?

Wer interessiert sich nicht plötzlich alles für Spielsysteme, Innenverteidiger, kompakt Stehen bei Ballverlust, Ausschwärmen bei Ballbesitz…? Stürmer sind nicht Stürmer, sie sind genauso Verteidiger wie die nominell ausgewiesenen Verteidiger.
Das Fußballvolk googelt und findet: Die kippende 6 oder ein 3-5-2 um den Gegner in die Breite zu zwingen. Also Dreierkette? Barça steht für 4-4-2.

Der Geschäftsführer Sport der Eintracht, Peter Vollmann, sagt in der Jahreshauptversammlung: „Wir schauen auch nach einem Innenverteidiger.“ Das heißt: Wir kassieren zu viele Tore. Lasse Schlüter ist noch nicht so weit für die 2. Liga, er macht immer mal ein gutes Spiel (vor allem nach vorn), aber nach hinten ist die linke Seite oft einladend offen. Und wenn ich davon ausgehe, dass die Mannschaft komplett von vorn bis hinten gemeinsam verteidigt, dann hat sich dieses Mannschaftsgebilde noch nicht gefunden.

Kein 2:2

Was wäre, wenn der wunderschön getretene Freistoß von Felix Kroos oder der Nachschuss ins Tor gegangen wäre? Das wäre der Ausgleich gewesen und Beginn eines Sturmlaufs mit allen Kräften. So eine Mobilisierung der ganzen Mannschaft habe ich nach der Halbzeit erwartet, aber es ging kein Ruck durch die Mannschaft. War der Gegner zu stark dafür? Haben wir nicht die Qualitäten? Stimmte die Taktik nicht? Alles Fragen und Aufgaben für das Trainerteam. Denn es gab kein 2:2…

Ein Rundfunk-Reporter im Eintracht-Stadion.
Der NDR-Reporter kommentiert in die Stille des Stadions. (Foto: Kay Rohn)

NDR, das Lauteste am Norden

Auf der Tribüne ist es kalt und zugig, der Nebenmann oder die Nebenfrau fehlen. Verstreut sitzt die Heimdelegation in den Sitzreihen. In der Reihe hinter mir sitzen die Pressevertreter.
Ich habe schon eine Menge erlebt. Ruhige Wirtschaftsprotagonisten mutieren während eines Spiels zum schreienden Hardcorefan, Bürgermeister oder Oberbürgermeister kommentieren lautstark jeden Spielzug und lassen dem Eintrachtfan in ihnen freien Lauf. Diesmal ist es der Mann des NDR. Nach Toren spricht er in die Stille der Tribüne jeweils seinen Kurzlivebericht und hat dabei die volle Aufmerksamkeit.

Die drei Tore der Karlsruher so noch einmal zu erleben, ist wie Salz in der Wunde. Direkt hinter mir sitzen zwei Pressevertreter aus Karlsruhe. Die sind sehr ruhig und freuen sich scheinbar ganz still.

Meine Heimat"

Der Bus der Karlsruher trägt die Botschaft ins Land: „KSC Meine Heimat“. Das ist das Leitbild der Badener, heimatverbunden und authentisch. Das Wildparkstadion als Zuhause, in bisschen wie früher. Der Bus und die Mannschaft sollen Botschafter für ein Stück „heile Welt“ inmitten der globalen Vernetzung sein.

Die Vorstellung, wie sich das Karlsruher Team gleich im Bus feiernd auf den Heimweg in die Heimat macht, schmeckt nicht gut. Trotzdem: Obwohl die drei Punkte irgendwo unten im Gepäckraum des Busses verstaut sind, liegt mir der KSC irgendwie am Herzen. Traditionsverein eben.