Zum Inhalt springen

Stadionfunk Eintracht Braunschweig: Ein Endspiel am Abgrund

  • Datum: 19. Mai 2021
  • Kommentare: 0
Eine Stimmung und Atmosphäre wie zu Aufstiegszeiten. Die Mannschaft wird unterstützt, ihr wird etwas zugetraut. (Bildrechte: Kay Rohn)
Foto von Kay Rohn und Malte Schumacher
Kay Rohn und Malte Schumacher
Alle Beiträge (46)

Am Sonntag waren die Würzburger Kickers zu Gast im Eintracht-Stadion. Dort sollte er getan werden, der große Schritt Richtung Relegation und Klassenerhalt. Die Vorzeichen? Ein Lächeln des Eintracht-Busfahrers vor dem Spiel – aber auch Würzburger Kollegen auf unseren angestammten Presseplätzen…

Malte Schumacher:

Noch ein Endspiel

Nach meiner Zählung ist das heute Endspiel Nummer 3 auf dem Weg zum Klassenerhalt. Das erste, daheim gegen Aue, hat die Eintracht kläglich vergeigt – ich war mit dem FanRadio dabei.

Danach, auswärts in Düsseldorf, haben sie aber nach zweimaligem Rückstand überzeugend einen Punkt geholt. Das sollte doch Selbstvertrauen geben für den heutigen Gegner.

Würzburg ist seit dem letzten Wochenende abgestiegen, und die Kickers gehen nach nur einem Jahr wieder runter in Liga 3. Aufgestiegen waren wir im Corona-Juli 2020 gemeinsam und punktgleich. Heute haben wir satte 10 Punkte mehr auf dem Konto – aus meiner Sicht ist ein Sieg heute Pflicht und bringt uns der Relegation einen großen Schritt näher.

 

Mirja ist zuversichtlich: „Eintracht gewinnt 4:0“

Ich breche sehr früh auf in Richtung Stadion, Fanbetreuung und Fanabteilung haben dazu aufgerufen, den Mannschaftsbus ab 13.30 Uhr mit einem blau-gelben Spalier an der Hamburger Straße zu empfangen.
Bereits bei uns in der Leisewitzstraße aber kommen mir Mirja und Lutz entgegen, beide in blau-gelb. Mirja ist ähnlich zuversichtlich wie ich (4:0 lautet ihr Tipp) – Lutz aber guckt skeptisch und druckst ein „2:2“ heraus.
Unentschieden? Kommt in meinem Kosmos heute gar nicht vor…

Bussi macht Mut!

Schon am Steigenberger Hotel im Bürgerpark, dem Quarantäne-Quartier des Teams, warten viele Fans geduldig und anfeuernd darauf, dass die Mannschaft den Bus besteigt und losfährt. Busfahrer „Bussi“ Skolik wirkt mächtig angespannt, lächelt aber tatsächlich kurz mal rüber in meine Kamera. Am Friedrich-Wilhelm-Platz radele ich vorbei an einem Didi-Plakat aus der #AlleZusammen-Motivations-Aktion. Ich sammele ja an Spieltagen positive Zeichen – Mirja, Bussi und Didi sind schonmal eine sehr überzeugende Ausbeute…

Ein Mannschaftsbus kurz vor der Abfahrt.
Busfahrer Skolik lächelt zum Fotografen herüber - Das wird doch wohl Glück bringen? (Foto: Malte Schumacher)

Blau-gelbes Fan-Spalier

Die Radfahrt an der Hamburger Straße hoch macht dann richtig Spaß und lässt mich an Vor-Corona-Zeiten denken: Überall blau-gelbe Fans jeden Alters, ausgestattet mit Fahnen und Schals – wie das wohl auf die Mannschaft wirkt?
Als der Bus an uns vorbeifährt, merke ich, dass ich da jetzt gern drinsitzen würde. Nur um zu lauschen, was die Spieler sagen zu diesem Support, was das Fan-Spalier mit ihnen macht. Ziehen sie Kraft daraus – oder erdrückt sie die damit ja auch verbundene Erwartungshaltung? Wir werden sehen.

Fan-Spalier an der Hamburger Straße für den Eintracht-Bus.
Fan-Spalier an der Hamburger Straße für den Eintracht-Bus. (Foto: Malte Schumacher)

Würzburger Kollegen auf unseren Plätzen

Nach einer Dose halbgekühltem Wolters Pilsener von der Shell-Tankstelle eile ich zur Presse-Tribüne. Dort sitzen bereits zwei Kollegen von der Würzburger „Main-Post“ auf unseren angestammten Plätzen, und Robin und ich beziehen die Reihe vor den beiden.
Unsere Aufstellung überrascht mich nicht, Robin allerdings hatte auf die Doppel-Spitze Proschi und Manni gehofft – Abdullahi aber ist auf der Bank.

Neben ihm finden sich dort weitere schnelle Spieler, die im Spielverlauf eingewechselt den Druck erhöhen können, wie Ji, Otto und Bär. Okay, Bärchen hat in Düsseldorf getroffen, das hätte auch für einen Startplatz gesprochen. Egal, der Trainer wird sich was dabei denken.
Was wird sein Matchplan sein? Sicher stehen und hinten nichts zulassen, selber ein frühes Tor schießen, Ruhe rein bringen, noch ein Tor schießen – so oder ähnlich stelle ich mir das vor.

Zwei Journalisten auf der Eintracht-Tribüne.
Die Kollegen von der Main Post sind schon durch mit Liga 2. (Foto: Malte Schumacher)

Der Matchplan? Nach 90 Sekunden im Eimer

Ich mache schnell noch ein Foto von der Mannschaft mit dem #AlleZusammen-Banner, und dann geht’s los. Robin ist noch draußen mit unserer FanRadio-Technik, ich bin also noch nicht auf Sendung. Als der Kollege auftaucht, schlägt Würzburg gerade einen Freistoß in unsere Box, und ich würge seine Frage nach dem bisherigen Geschehen ab: „Warte mal, lass mal aufpassen…“ – weiter komme ich gar nicht, der Ball ist im Tor. In unserem Tor, 0:1 nach ungefähr 90 Sekunden.
Das ist der denkbar ungünstigste Spielbeginn, ich muss mich schütteln, und beide raufen wir uns die Haare. Wiebe und Kessel sahen dabei nicht gut aus, Pieringer kam sehr unbedrängt zu seinem Kopfball-Tor.

 

Schuss aus sechs Metern – und Proschwitz scheitert

Okay, egal – wir müssen nun also mindestens zwei Tore schießen, auch machbar. Koby zeigt nach fünf Minuten, was er kann: feine Außenrist-Flanke auf Proschi, der aber aus sechs Metern den gegnerischen Torwart anschießt. Das wär’s gewesen… Torwart Bonmann hält noch zwei, drei solche Dinger – ich bekomme das Gefühl, dass gleich einer unserer Versuche sitzt…

Eine Fussballmannschaft zeigt ein Banner.
AlleZusammen! Die Mannschaft will sich mit dem Banner auch selbst Mut machen. (Foto: Malte Schumacher)

Unglücksrabe Kessel

Denkste – Kessel stellt Pieringer im Strafraum den Fuß hin, Pieringer fällt. Elfmeter für Würzburg nach 19 Minuten.
„Jasmin muss den jetzt halten“ wünschen Robin und ich synchron in unsere FanRadio-Mikros.

Nö – 0:2. Gegen den Tabellenletzten. In einem Endspiel um den Verbleib in Liga 2.
Erstmals schaue ich auf die anderen Plätze: Sandhausen führt, und Osnabrück gegen den HSV ist noch torlos. „Was ist nun zu tun?“, fragt Robin mich und die ZuhörerInnen. Meine These ist, dass wir nicht schon jetzt wechseln, sondern in der Pause Personal und Matchplan neu ausrichten.
Auch hier liege ich falsch, Trainer Meyer vollzieht das alles schon nach 35 Minuten: Kessel raus, Bär rein. Nikolaou geht für den sehr unglücklichen Kessel in die Innenverteidigung, und Bär auf die linke offensive Seite.

 

Was uns fehlt: der Unterschieds-Spieler

Uns wird klar, dass die Startformation nicht gepasst hat, über links lief zuvor gar nichts. In der Pause zermartern Robin und ich uns die Hirne: Wer könnte bloß für den Umschwung und für Torgefahr sorgen? Beim Blick auf unsere Bank aber wird überdeutlich, dass unser Kader zu schwach besetzt ist für Liga 2.

Da ist keiner wie der Heidenheimer Schnatterer, der dem Spiel sofort nach seiner Einwechslung eine andere Qualität bringt. Trainer Meyer sieht das wohl auch so – die Eintracht startet ohne weitere Wechsel in die 45-minütige Aufholjagd.

 

Hohe Bälle – mehr fällt Eintracht nicht ein

Während Robin nun immer lauter nach Gegenwehr und aggressiver Körpersprache verlangt, bin ich längst apathisch und lethargisch, arbeite im Kopf schon am Saison-Fazit.

Für mich steht fest: Das Ding hier gewinnen wir heute im Leben nicht mehr. Die Mannschaft wirkt konfus, folgt keinem zielführenden Matchplan, ist nicht leidenschaftlich, strahlt kaum Gefahr aus – sie kriegen heute mal wieder nichts gebacken.

Würzburg dagegen hat nun zwei Ketten installliert: eine defensive 4er-Kette und nur 15 Meter davor im Mittelfeld nochmal je nach Lage drei bis fünf Spieler. Das reicht – dagegen fallen uns fast ausschließlich hohe Bälle ein, die von der Würzburger Defensive aber leicht weggearbeitet werden.

 

Hilft die Brechstange?

Meyer bringt dann doch noch Ji und Manni, beide geben sich auch Mühe – aber zwingend sieht anders aus. Als Ben Balla das 1:2 macht, ist das ein Brechstangen-Tor. Klar gibt das nochmal Hoffnung auf den Ausgleich.

Aber die Kickers ziehen jetzt alle Zeitverzögerungs-Register dieser Welt und auf der Tribüne unter uns wird’s in Richtung der Würzburger Bank immer lauter – im Angesicht der Niederlage und des drohenden Abstiegs (Sandhausen und Osnabrück führen!) muss die schlechte Stimmung raus aus den wenigen Besuchern.
In der Nachspielzeit dann noch die rote Karte für Ji – danach ist überall Alarm, unter uns, auf dem Platz, ich weiß gar nicht, wo ich hinschauen und hinhören soll. Fejzic ist drauf und dran sich mit dem bereits ausgewechselten Würzburger Munsy zu boxen – ich spüre, das dies das unrühmliche Ende dieses Nachmittags ist.

Verzweifelte Spieler und Betreuer nach dem Abpfiff.
Nach Abpfiff bleiben nur Verzweiflung und Unverständnis. (Foto: Malte Schumacher)

Wer kann diese Niederlagen erklären?

Schlusspfiff, Vorletzter, direkter Abstiegsplatz. Ein Spiel noch, beim HSV. Der wiederum kann nach oben nichts mehr reißen, sie haben in Osnabrück tatsächlich verloren. Wir müssen also am 23. Mai beim HSV gewinnen, und Osnabrück muss in Aue verlieren. Allein, mir fehlt der Glaube daran. Diese Mannschaft ist nicht zweitligatauglich, diese Mannschaft versagt besonders gern direkt nach Erfolgserlebnissen (4:0 in Osnabrück, 2:2 in Düsseldorf, danach jeweils klägliche Niederlagen).

Und wer bitte kann sowas erklären? Ich nicht. In mir sieht es gerade aus wie zuletzt am 13. Mai 2018, nach dem 2:6 in Kiel: finster. Mein Glaube an diese Mannschaft und an die Relegation ist heute nachmittag gestorben…

Eine Mülltonne mit Eintracht-Aufkleber.
Die Leistung gegen Würzburg konntest Du in die Tonne kloppen... (Foto: Malte Schumacher)

Kay Rohn:

Fanspalier wie zu Aufstiegszeiten

Fanspalier, wieder eine neue Wortschöpfung. Ab 13:30 Uhr, zwei Stunden vor dem Spiel, wird der Bus auf der Hamburger Straße erwartet. Mit Fahrrad fahre ich die Strecke ab. Die Atmosphäre erinnert fast an den Jubel am Straßenrand nach einem Aufstieg. Großartig ist der Einsatz aller hier, die der Mannschaft zu zeigen: Kämpft, wir stehen hinter euch!! Viel Hoffnung ist dabei in dem Fahnenmeer, große Banner werden geschwungen. Zuversicht in den Gesichtern. Bis 15:30 läuft alles nach Braunschweiger Plan.

Wer kann mit den Erwartungen und dem Druck umgehen?

Ich kann nur vermuten, welche Anspannung auf den Spielern liegt, wieviel Herzblut da ist, wieviel Löwe in den Spielern ist und bei wie vielen auch ein etwas mulmiges Gefühl im Bauch ist.
Wer kann mit den Erwartungen umgehen, wen spornt das an, wen bringt erst diese Situation dazu, Höchstleistungen zu bringen? Boris Becker konnte das, in entscheidenden Momenten konnte er immer noch den finalen Punch anbringen.
Aus Würzburger Sicht gibt es auch alle Möglichkeiten. Von „locker aufspielen“ über „interessiert mich nicht mehr“ bis „ich muss mich als Spieler noch einmal zeigen“.

Teilweise 75% Ballbesitz, aber 0:2 nach kürzester Zeit – das spricht gegen Eintracht. Und der Spielverlauf ist gegen uns.
Wir können nicht den notwendigen Druck auf die Würzburger entwickeln, der notwendig wäre. Wir sind nicht schnell, nicht überraschend genug.
Es fehlt heute das Vermögen in der Mannschaft, so eine Situation zu drehen.
Mein Erklärungsversuch: Das Umgehen mit Druck steckt nicht in diesem Team. Wir sind über die gesamte Saison nicht zu einer konstanten, für die zweite Liga ausreichenden Mannschaftsleistung gekommen. Führungsspieler haben sich auch heute gegen die Kickers nicht gezeigt und ausgezeichnet.

Ratschläge, Verbalschläge, aber auch Gutgemeintes

Ich „liebe“ die Diskussionen, die sich anschließen. Die schreienden Zeitungsüberschriften. Alles nicht sehr hilfreich. Und sehr zeitaufwendig. Es geht oft ums Recht haben und nicht um konstruktive Kritik.

Lutz sagt, „ich werde Fußballexperte für die Sportschau. Da kann ich ein Spielgeschehen kommentieren, bei dem die Ergebnisse schon vorliegen.“

Diejenigen, die entscheiden müssen, kennen das Ergebnis vorher nicht. Sie treffen Entscheidungen aufgrund ihrer Erfahrung, der Einschätzung und Bewertung von verschiedenen Szenarien und einer Portion Emotion oder emotionaler Intelligenz. Ein gut begründbares Gedankengebäude für die Zukunft wäre ein nächster Schritt.

 

Wie könnte die Zukunft aussehen?

Ein Verein, der langfristig denkt. Seit dem Abstieg aus der 1. Bundesliga haben wir sieben Jahre nicht genutzt, um etwas aufzubauen, wir haben eher mit Flickwerk von Saison zu Saison geschaut.

Ich gebe vielen Recht, die nach einer Identität des Vereins rufen. Für was stehen wir als Eintracht Braunschweig?

Im BTSV e. V., dem Mutterverein, haben wir in den letzten Jahren eine sehr gute Entwicklung zu einem der führenden regionalen Vereine geschafft. Mitgliederzuwachs, neue Abteilungen und Angebote, Pläne für die Zukunft sind Realität geworden. Das müssen wir auch im Profi-Fußballbereich angehen. Das Nachwuchsleistungszentrum unter Dennis Kruppke sollte eine stärkere Rolle dabei übernehmen.

Die Überlegungen für eine Kaderbildung müssen sich weiterentwickeln. Von Ausbildungskonzepten im Juniorenbereich über die Diskussion und Bewertung einer 2. Mannschaft und Eingliederung von Talenten in die erste Mannschaft bis zu Highend-Spielanalyse und Scouting unter Einbeziehung von Datenmanagement gibt es eine lange Liste von Erfolgsfaktoren, die bei Vereinsstrukturen und haupt- sowie nebenamtlichen Tätigkeiten nicht endet.

Mit einer Weiterentwicklung sind wir, ist Eintracht, hier in der Region und in diesem Markt, ein sehr interessanter Partner. Für Fußballfans, für Unternehmen, für Stadt und Region. Lasst uns zusammen diesen Weg gehen.