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Nachhaltig, gemeinschaftlich, sozial – das Tiny House Projekt „Wandel.Wohnpark“

  • Datum: 25. Mai 2022
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Ein Tiney-House. Seine Wände sind aus Holz. (Bildrechte: Inga Stang)
Foto von Inga Stang
Inga Stang
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Tiny Houses sind in aller Munde. In der Region soll bald ein ganzes Dorf voller Tiny Houses entstehen, in dem die soziale und ökologische Nachhaltigkeit mit Comfort für den Einzelnen vereinbar sein soll. Unsere Bloggerin Inga Stang hat sich mit dem Team hinter dem Projekt getroffen.

Wie viel Wohnfläche brauchen wir wirklich zum Leben? Ich persönlich lebe und arbeite auf 52 Quadratmetern und könnte – wenn ich zum Beispiel mein Büro auslagern würde – auf einen Teil sicher verzichten. Andere in meinem Umfeld leben wiederum auf viel kleinerer oder aber deutlich größerer Wohnfläche. Grund hierfür sind fast immer die finanziellen Möglichkeiten und unterschiedliche Lebenssituationen.

Was einige von uns hingegen verbindet, ist der Wunsch, ökologisch nachhaltig und langfristig in einer Gemeinschaft zu leben. Nicht im Sinne von einer WG, das haben die meisten von uns hinter sich, sondern im Sinne einer Wohnform, in der man sich unterstützt und vor allem im Alter nicht allein ist. Eine flexible Wohnraumlösung, welche die Aspekte der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit vereinen möchte, will das Projekt wandel.Wohnpark realisieren.

Ideale, die verbinden

Damit ich mir ein besseres Bild vom Projekt machen kann, habe ich mich mit den Initiatoren Astrid und Heiko Hilmer sowie mit den Architekten Andreas Ostermann, Alexander Seifert und mit Wilfried Hohlstein, dem baldigen Bewohner des ersten Tiny House getroffen. Gemeinsam ging es auf einen Campingplatz Nähe Vechelde, auf dem vorübergehend das erste von angedachten 80 Tiny Häusern steht. Auf dem Weg erzählt mir Astrid, wie es überhaupt zu dem Projekt gekommen ist.

Astrid und Heiko Hilmer haben sich 1997 im Studium bei einem Lehrgang für erneuerbare Energien kennengelernt. Die Bauingenieurin und den Versorgungstechniker verband von Beginn an die Leidenschaft für alle Themen rund um Nachhaltigkeit. „Wir machten uns irgendwann auf die Suche nach einem Wohnprojekt, in dem nachhaltiges Leben ganzheitlich möglich ist, mit allem Drum und Dran.“ Dieses „Drum und Dran“ bedeutet für das Ehepaar, dass auch soziale Faktoren mit in das Konzept eingebunden sein müssen.

Eine Gemeinschaft würde es zum Beispiel ermöglichen, dass Care-Arbeiten wie Babysitting, aber auch Gegenstände wie Autos und Lastenräder miteinander geteilt werden könnten. Gleichzeitig ermöglicht eine Gemeinschaft es auch alleinstehende Personen, ein Leben unter Menschen zu führen, ohne dafür weite Strecken zurücklegen oder Geld ausgeben zu müssen. Ein Faktor, der sich besonders mit Blick auf unsere immer älter werdende Gesellschaft als nachhaltig entpuppt.

Das Bild zeigt eine improvisierte Werkbank, auf der eine Notizbuch und allerlei Kleinkram liegen.
Es ist noch einiges zu tun, bis Wilfried Holstein in sein Häuschen einziehen kann (Foto: Inga Stang)

Eine Idee kommt ins Rollen

Die Suche blieb erfolglos und beide zogen in ein herkömmliches Mehrfamilienhaus. Doch die Idee eines Wohnprojekts, dass soziale und ökologische Nachhaltigkeit vereint, lies sie nicht los: „Wir tüftelten lange an der Idee von einem Wohnprojekt im urbanen Raum, dass alle Faktoren vereint und aufgrund der Lage Mobilität ermöglicht, ohne auf das Auto angewiesen zu sein.“ Doch wie kann man ökologisch sinnvoll bauen und trotzdem den Bedürfnissen einer diversen Gemeinschaft gerecht werden? Astrid und Heikos Antwort: Mit Tiny Häusern.

Das Konzept eines Tiny House ist leicht erklärt. Pro Person stehen nur wenige Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, wodurch sich der Gesamt-Energieverbrauch pro Kopf deutlich verringert im Vergleich zu einem Mehrfamilienhaus. Diese kleinen Häuser stehen meist frei auf dafür vorgesehenen Flächen und sind entweder mobil, mit einem Kran transportierbar oder aber fest verbaut. Durch die kleine Fläche braucht so ein House auch weniger Energie, wodurch mit einfachen Mitteln wie zum Beispiel Solarpaneelen zusätzlich CO2 eingespart werden kann.

„Meistens werden Tiny Häuser in Bezug auf ihre Effizienz mit Hochhäusern verglichen.“

Wilfried Hohlstein, Tiny-Haus-Besitzer

Gemeinschaftlich in Zukunft investieren

2018 gingen Heiko und Astrid mit ihrer Idee erstmals an die Öffentlichkeit und präsentierten sie in der Zeitung. „Wir haben hoch gepokert und sind davon ausgegangen, dass wir auf jeden Fall um die 60 bis 80 Personen finden werden, die Lust haben, das Projekt mitzutragen“, erinnert sich Astrid. Heute besteht das wandel.Wohnpark-Team aus ca. 30 Personen sowie vielen Interessenten, die auf einer Warteliste stehen. Das Besondere: alle investieren gemeinsam sowohl Zeit als auch Geld in die Konzeption des Projekts.

„Uns war von vornherein klar, dass wir für ein Projekt dieser Größe, professionelle Projektentwicklung benötigen. Das geht jedoch nicht ohne Geld. Gemeinsam beschlossen wir daher schon sehr früh, die wandel.Schmiede KG zu gründen. Diese soll als Crowd-Invest-Unternehmen ökologische und gesellschaftlich sinnvolle Projekte – wie den wandel.Wohnpark - auf den Weg bringen und schon in den frühen Risikophasen unterstützten.“ Jede Person, die ein bestimmtes Projekt unterstützen möchte, kann sich auf diesem Weg finanziell an diesem beteiligen und erhält im Gegenzug Mitbestimmungsrecht und Anteile. Im Fall des wandel.Wohnparks wird mit dem Geld unter anderem ein Teil von Astrid und Heikos Arbeit bezahlt. So kann sich das Paar voll auf die Abwicklung, Planung und Koordination mit Stadt und anderen Stakeholdern kümmern.

Angekommen im Wohn- Schlaf und Arbeitszimmer

Mittlerweile sind wir auf dem Campingplatz angekommen und Wilfried führt uns in sein Reich auf Rollen. Im Sommer möchte er hier einziehen und muss bis dahin noch einiges fertigbekommen. Das Haus ist maßgeschneidert, da es ihm wichtig war, seine alten Möbel mitzunehmen. Inmitten des baldigen Wohn- und Schlafzimmers stehen Getränke für uns bereit und alle begutachten die neu eingezogenen Wände zum Badezimmer hin sowie den frisch behandelten Boden. Ein wenig Baustellen-Flair kommt noch auf, dennoch lädt die Fläche dazu ein, sich ein Leben hier vorzustellen. Nach und nach erzählen mir auch die anderen, wie sie zum Projekt dazu gekommen sind.

Architekt Andreas ist seit 2018 dabei und wurde durch einen Zeitungsartikel auf das Projekt aufmerksam. Heiko kannte er zu diesem Zeitpunkt bereits aus anderem Kontext und wusste, dass es auch menschlich gut passen würde. Doch nicht alles an der Idee begeisterte ihn von Beginn an: „Ich möchte eigentlich gar nichts neu bauen, sondern bestehende Bausubstanz umnutzen, da einfach schon genügend da ist. Außerdem sind Tiny Häuser, wenn man sie einzeln stellt, auch durchaus umstritten.“

Heiko ergänzt: „Ein großer Kritikpunkt, der immer wieder bei Tiny Houses benannt wird, ist die Fläche, die ein Tiny House allein belegt. Kompaktere Bauweisen wie Mehrfamilienhäuser sind in dieser Hinsicht effizienter. Ganz theoretisch wäre es daher energetisch gesehen schon sinnvoll, wenn man nur noch hohe Mehrfamilienhäuser mit Tiny-Wohnungen bauen würde. Diese Gebäude sind rein ökologisch und klimaschutztechnisch die aller sinnvollste Lösung. Das ist klar und der Kritik müssen wir uns auch aussetzen.“ Entscheidend sei jedoch, was man miteinander vergleicht.

Alles was man braucht – nur eben kleiner

„Meistens werden Tiny Häuser in Bezug auf ihre Effizienz mit Hochhäusern verglichen,“ schaltet sich Wilfried ein. „De Facto leben jedoch viele Menschen in Einfamilienhäusern – Häusern mit Grundstück. Für diese Menschen ist es meist nicht vorstellbar, in ein Hochhaus zu ziehen. Das Konzept des wandel.Wohnparks bietet ihnen hingegen fast alles, was sie vorher hatten – nur auf kleinerem Raum und mit dem Zusatz der sozialen Komponente. Das Projekt ist somit immer noch ein Fortschritt gegenüber den jetzigen Verhältnissen,“ fasst er die Problematik zusammen. Doch von der Kritik angespornt, dachte Architekt Andreas das Konzept einfach weiter und entwickelte das, was am Ende so etwas wie das Herzstück des Wohnparks werden soll: die Tiny-Reihenhäuser.

Ein Haus, das sich anpasst

Mit der Konstruktion von Tiny-Reihenhäusern hat das Team versucht, beide Aspekte zu vereinen: Wohnen auf kleinem Raum und trotzdem eine flexible, sich anpassende Bauweise, die weniger Fläche- und somit weniger Energieverlust vereint. Die Tiny-Reihenhäuser haben einzeln eine Fläche von ca. 50 Quadratmeter und sind für zwei Personen geeignet. Verändern sich die Lebensbedingungen zum Beispiel aufgrund von Kindern, können mithilfe sogenannter Schalträume weitere Parzellen angeschlossen werden. So lässt sich die Wohnraumfläche auf bis zu 90 Quadratmeter erhöhen. Sind die Kinder ausgezogen oder man ist im Alter allein, kann man die Parzellen wieder abstoßen und nur eine Ebene des Tiny Houses bewohnen.

Daneben wurde bei der Konstruktion der Häuser darauf Wert gelegt, mit nachhaltigen Materialien wie Holz zu arbeiten. „Wir nutzen nichts was zementgebunden ist, kein Plastik, sondern nur nachhaltige kreislaufgebundene Rohstoffe,“ erklärt mir Alexander Seifert. Auch er wurde durch den Zeitungsartikel auf das Projekt aufmerksam: „Ich bin als Architekt lange Zeit im Ausland in der Entwicklungs- und Nothilfe aktiv gewesen und irgendwann im Consulting angekommen. Diese Welt war aber nie ganz meine. Das sinnvolle, sinnhafte Planen und Bauen hat mich hingegen viel mehr fasziniert und angezogen. Durch den Zeitungsartikel bin ich dann schließlich zum Projekt gekommen. Mittlerweile habe ich meinen Job gekündigt und bin nun Architekt für modulare, nachhaltige und mobile Wohnformen.“

Nach vielen Jahren in einer großen Wohnung, freut sich Wilfried Hohlstein darüber, bald in seine eigenes kleines Heim auf Rollen zu ziehen. (Foto: Inga Stang)

Reduziert, klein, überschaubar und aus nachwachsenden Materialien

Das Tiny House bei Vechelde ist der erste realisierte Entwurf aus Alexanders Feder. Bei einem der Treffen der wandel.Wohnpark Gruppe motivierte der Architekt seinen Bekannten Wilfried, seinen Traum vom Tiny House unabhängig vom restlichen Projekt einfach jetzt schon umzusetzen. Sobald ein Grundstück für den Wohnpark gefunden ist, lässt sich sein Haus wieder in zwei Teile zerlegen und mittels Anhänger oder auf eigener Achse versetzen. „Mir war meine Wohnung als Alleinstehender schon lange zu groß und zu teuer“, erzählt Wilfried.

„Ich war schon länger auf der Suche nach etwas Kleinerem, jedoch lagen die Mieten meist deutlich über dem, was ich in meiner großen Wohnung gezahlt habe. Die Idee mein eigenes Tiny House zu haben, war daher schon länger in meinem Kopf. Durch die Initiative, die ich durch den Zeitungsartikel gefunden hatte, wurde das Ganze für mich noch reizvoller.“ Eineinhalb Jahre hat es gedauert von der Konstruktion bis zum genehmigungsfähigen Häuschen. Später wird es eines von 10 bis 15 mobilen Tiny Houses im wandel.Wohnpark sein. Der Rest soll aus feststehenden Tiny-Reihenhäusern bestehen.

Neue Herausforderungen

Heiko und Astrid stehen in regem Kontakt mit der Stadt und haben aktuell wieder ein Grundstück in Braunschweig in Aussicht, auf dem das Projekt vielleicht realisiert werden könnte. Häufig waren es rechtliche Probleme, die andere Grundstücke ausgeschlossen haben. „Nach und nach haben wir festgestellt, dass das Projekt auf normalen Grundstücken mit Bebauungsplan gar nicht funktionieren kann, da die Baufläche auf diesen vorgegeben ist – in Dimensionen die alles andere als Tiny sind“, erklärt Heiko. Auch private Flächen wurden ihnen angeboten, doch damit die Bewohner das Tiny House als ihren ersten Wohnsitz anmelden können, muss die Fläche dafür offiziell geeignet und dem Zweck als Wohnraumfläche gewidmet sein. Nur so kann das Projekt den langfristigen Bestand sichern.

Eine Gruppe von Menschen sitzt an einem Tisch und diskutiert miteinander.
Um die 30 Personen gehören zum wandel.Wohnpark Team. Mindestens einmal die Woche treffen sich alle um gemeinsam die nächsten Schritte zu besprechen. (Foto: Inga Stang)

Eine neue Herausforderung für das Projekt sind die steigenden Rohstoffpreise. Heiko: „Leider sind die Kosten für Materialien und Rohstoffe mittlerweile extrem angestiegen. Unser ursprünglicher Traum kostengünstigen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen ist daher voraussichtlich nicht mehr erfüllbar. So wie es aktuell aussieht werden wir voraussichtlich ungefähr zu den Preisen Wohnen und Leben wie früher die Menschen in Einfamilienhäusern.“ Er sieht darin eine Tendenz, die darauf hinweisen könnte, dass Tiny Häuser nicht nur nachhaltiger, sondern auch krisensicherer sein könnten. „In einem Einfamilienhaus zu wohnen kann sich, wenn es so weiter geht, vielleicht gar niemand mehr leisten!“

Ein Thema, das auch die Gruppe belastet. „Wir hoffen, dass die Preissteigerungen nicht am Ende die Durchführbarkeit bedrohen“, ergänzt Alexander. Wer das einzigartige Projekt unterstützen und so einen Teil zu einem Piloten beitragen möchte, kann entweder über den gemeinnützigen Verein reka dem Projekt Spenden zukommen lassen oder sich mit Risikokapital an der wandel.Schmiede KG beteiligen. „Wir wollen nicht nur etwas für uns tun, sondern für die gesamte Gesellschaft. Das Projekt kann Vorbild sein für andere Projekte. Man kann aus unseren Erfahrungen lernen und das Gute nachmachen“, erzählt mir Heiko, bevor wir uns für Wilfrieds Fotosession vorbereiten.