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Rätselhafte Runen und historische Speere: Das Karl-May-Tal im Elm

  • Datum: 15. Juli 2022
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Eine Holzhütte mit altertümlichen Speeren rechts und links des Eingangs. (Bildrechte: Holger Reichard)
Foto von Holger Reichard
Holger Reichard
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Der Dichter Wilhelm Raabe rühmte den Elm einst als „Musterforst“, der weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannt sei. Die Forstwirtschaft ist hier immer noch wichtig, geschätzt wird der bewaldete Höhenzug heute jedoch vor allem als Naherholungsgebiet. Das Reitlingstal und die Waldgaststätte Tetzelstein sind die mit Abstand bekanntesten Ausflugsziele im Elm. Dabei gibt es hier noch so vieles mehr zu entdecken: das Karl-May-Tal zum Beispiel!

Bereits seit 2004 wohne ich am Rande des Elms und habe hier seither immer tiefere Wurzeln geschlagen. Um den Höhenzug vor der Haustür näher kennen- und lieben zu lernen, brauchte es aber erst die Corona-Pandemie. Sie erschwerte bekanntlich die Ausflüge in die Ferne und zwang viele, die sich in ihrem Home Office isoliert und eingesperrt fühlten, zu ausgedehnten Waldspaziergängen in der näheren Umgebung.

Was mir zunächst als Notlösung in den Sinn kam, wurde alsbald ein liebgewonnenes Ritual. Inzwischen vergeht kaum ein Monat, in dem ich nicht mindestens einmal durch den Elm streife und auf diese Weise Energie für den Alltag tanke.

Wald-Auszeit im Lockdown

Alle Waldpfade habe ich noch nicht erkundet, aber schon einige. Zum Glück! Denn als die Corona-Pandemie Mitte Januar 2021 mit einem Lockdown einen weiteren Höhepunkt erreichte, war, wie mir ein Freund aus Braunschweig berichtete, das Areal rund um den Tetzelstein regelrecht zugeparkt.
Auf der geschwungenen Straße durch das Reitlingstal bildete sich sogar ein Stau. Alle wollten raus in die Natur - verständlicherweise.

Meine Frau und ich waren an jenem herrlichen Wintertag in einer ganz anderen Gegend des Elms unterwegs, am Nordrand, und begegneten hier viel seltener anderen Wanderern. Von dem oben beschriebenen Gedränge bekamen wir nicht viel mit.

Die Nachbildung eines Elefanten im Wald.
Vor 300.000 Jahren hier beheimatet: der Waldelefant. (Foto: Holger Reichard)
10 Geheimtipps

Elmsburg, Waldelefant und Hügelgräber

Unbedingt empfehlen möchte ich das Karl-May-Tal, am besten eingebettet in eine 10-Kilometer Wandertour. Start- und Zielpunkt ist das Café und Restaurant Waldfrieden in Esbeck, hier gibt es genügend Parkmöglichkeiten. Nach dem Betreten des Waldes führt ein schattiger Pfad in linker Richtung zum Elmhaus, wo in Originalgröße die Nachbildung eines Waldelefanten zu bestaunen ist, der hier vor rund 300.000 Jahren lebte. Vielleicht gut, dass es ihn nicht mehr gibt - jedenfalls für uns Wanderer.

Auf bequemen Pfaden geht es anschließend weiter, kurz eine Landstraße querend und durch das Ratsholz, zur Ruine Elmsburg. Hierbei handelt es sich um die restaurierten Überreste einer mittelalterlichen Burganlage, genauer gesagt: um die bis zu 90 cm aufgemauerten Fundamente des Kirchenbaus. Infotafeln zur Geschichte der Elmsburg, ein Klangobjekt und mehrere Sitzbänke laden zu einem längeren Verweilen an diesem historischen Ort ein.Unweit der Elmsburg, nur wenige Meter weiter auf der vorgeschlagenen Tour, können Hügelgräber aus der Frühbronzezeit besichtigt werden.

Das Fundament einer mittelalterlichen Burg im Wald.
Zweite Station auf dem Weg ins Karl-May-Tal: die Elmsburg. (Foto: Holger Reichard)

Willkommen in der Kulisse eines Karl-May-Romans

Das erste Drittel des Rundwegs wäre damit geschafft.  Auf geschotterten Waldwegen geht es nun in einem großen Bogen weiter zum Höhepunkt der Tour: dem Karl-May-Tal. Nur wenige Meter führt der Weg dabei an der Landstraße entlang. Ist diese erst einmal überquert, lässt sich erneut auf herrlichen Waldpfaden und schließlich, links abbiegend, auf einem breiten Schotterweg die Natur genießen.

Zur rechten Hand erscheinen sie dann plötzlich: die zwei Torwächter, pyramidal aufgestellte Stämme über Felsen, auf denen kleine »Höhlenmalereien« verewigt wurden. Das Karl-May-Tal ist erreicht. Eine erste Hütte mit willkommener Sitzgelegenheit befindet sich auf dem Pfad hinunter in den Talkessel.

Unten angekommen lädt noch eine weitere, etwas größere Hütte zum Pausieren ein. Beide Hütten sind so gestaltet, dass sie prima zur Kulisse eines Karl-May-Romans gehören könnten. »Der Schatz im Silbersee« drängt sich auf, was letztlich auch zur Namensgebung dieses außergewöhnlichen Rastplatzes geführt hat.

Historische Speere, Runen-Rätsel und ein Grillplatz

Die zugespitzten Stämme, die in den Torwächtern und Hütten verarbeitet sind, verweisen auf die berühmten, rund 300.000 Jahre alten Schöninger Speere im unweit entfernten Forschungsmuseum Schöningen. Die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Menschheitsgeschichte wurden zwischen 1994 und 1998 entdeckt und haben das Bild von der kulturellen Entwicklung unserer frühen Vorfahren stark verändert. Den Mittelpunkt des Karl-May-Tals bildet jedoch ein schneckenhausartiges Labyrinth aus Elmkalkstein. Wer dieses Labyrinth durch ein Tor aus drei mächtigen Stämmen betritt, wird an mehreren Felsen geheimnisvolle Markierungen entdecken. Es sind Runen, die die Besucherinnen und Besucher vor ein Rätsel stellen. (Kleiner Spoiler: Der Schlüssel zur Lösung der Aufgabe ist außerhalb versteckt.) 

Es gibt also gute Gründe, sich etwas länger im Karl-May-Tal aufzuhalten. Nicht zuletzt, weil der Ort auch als Grillplatz genutzt werden kann. Direkt vor dem Labyrinth befindet sich ein großer Findling, auf dem ein Grill installiert worden ist. Hier kann das Essen zubereitet werden wie vor 300.000 Jahren, als die Menschen in diesem Gebiet noch mit Speeren auf die Jagd gingen und dabei den riesigen Waldelefanten begegneten – und zwar leibhaftig. Wer im Karl-May-Tal grillen möchte, muss dies allerdings mindestens zwei Wochen im Voraus bei der Stadt Schöningen anmelden.

Eine Holzhütte mit altertümlichen Speeren rechts und links des Eingangs.
Hüttengestaltung mit Speeren. (Foto: Holger Reichard)

Zum Abschluss: Esbecker Kirschwein

Nach dem Verlassen des Karl-May-Tals geht es nun, weiter dem Schotterweg folgend in Richtung Kirschberg, zurück zum Ausgangspunkt der Tour. Auch die letzten Meter lohnen sich. Denn kurz vor dem Kirschberg führt die Tour einmal mehr rechtsherum auf einen herrlich zugewachsenen, aber bestens begehbaren Waldpfad sowie vorbei an einem Aussichtspunkt mit weitreichendem Blick auf den Ort Esbeck.

Bis zum allmählich herbeigesehnten Biergarten des Waldfriedens sind es jetzt nur noch wenige Minuten. Dort angekommen, wartet als Belohnung ein erfrischendes Getränk. Oder – weniger als Durstlöscher – ein Gläschen Esbecker Kirschwein. Dieser ist als Spezialität in der Region bestens bekannt und wird im Café und Restaurant Waldfrieden auch im Flaschenverkauf für Zuhause angeboten.

Ein Café, Bäume im Hintergrund.
Start- und Zielpunkt der Tour: das Café und Restaurant Waldfrieden. (Foto: Holger Reichard)