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Mansfeld-Löbbecke-Stiftung – Zehn Fragen an Christiane Redecke

 (Bildrechte: Foto: Marcus Wendt)

Seit vielen Jahren engagiert sich die Mansfeld-Löbbecke-Stiftung für die Akzeptanz von Kindern und Jugendlichen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Hier lernen sie, „kontinuierlich alltagstaugliches, gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten“, werden gesundheitlich, sozial und schulisch gefördert und erleben kind- und jugendgerechte Freizeit. Derzeit betreuen rund 500 Stiftungsmitarbeiter 200 Kinder und junge Erwachsene von vier bis 26 Jahren. Wir haben mit der Vorstandsvorsitzenden und Geschäftsführerin Christiane Redecke gesprochen, die gebürtig aus dem Landkreis Helmstedt stammt und mit ihrer Familie in Wolfenbüttel wohnt. An der Region Braunschweig-Wolfsburg schätzt sie übrigens am meisten deren Vielseitigkeit – vom Harz als Naherholungsgebiet bis hin zu namhaften Unternehmen von Weltrang.

Christiane Redecke - Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführerin der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung (Foto: Mansfeld-Löbbecke-Stiftung)

 

 

Seit wann sind Sie Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführerin der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung und wie sah Ihr Werdegang aus?

Geschäftsführerin bin ich seit Dezember 2012. In den ersten sechs Jahren war ich alleiniger Vorstand. Da ich seit 2018 Unterstützung habe, wechselte ich ab da in den Vorstandsvorsitz. Davor war ich Geschäftsführerin der Evangelischen Stiftung Neuerkerode. Dort war ich insgesamt 33 Jahre in verschiedenen Bereichen und Funktionen tätig – zuletzt als Geschäftsführerin der Neuerkeröder Wohnen und Betreuen GmbH.

Was macht die Mansfeld-Löbbecke-Stiftung im Kern aus?

Bereits im Jahr 1833 gegründet, hat sie eine lange Tradition. Sie ist eine spezialisierte Einrichtung für Kinder und Jugendliche, die schwerwiegende psychische und psychosomatische Erkrankungen haben. Mit Hilfe von externen Psychiatern, Therapeuten und Schulen bieten wir ihnen individuelle Unterstützung und eine Perspektive. Deutschlandweit gibt es nur wenige spezialisierte Einrichtungen mit diesem Erfahrungsschatz.

Wie hat sich die Stiftung im Laufe der Jahre gewandelt?

Im Jahr 1833 ging es noch vorrangig darum, Kindern eine warme Mahlzeit zu ermöglichen. Erst im Laufe der Zeit verbreitete sich in der Gesellschaft die Erkenntnis, dass auch Kinder und Jugendliche psychiatrisch erkranken können. Lange nahm man schlichtweg an, dass sie nicht „funktionieren“. Erst ab den 1960er-/70er-Jahren wandelte sich diese Annahme. Heute verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz und es ist schön für uns zu wissen, dass wir bundesweit eine der führenden Einrichtungen dieser Art sind. In der Zusammenarbeit mit so vielen unterschiedlichen Bundesländern lernt man voneinander. Das ist bereichernd und kommt dieser Region auch wieder zu Gute. Wir haben jede Menge spannende Projekte mit den regionalen Hochschulen und fühlen uns immer als Teil der Region. Zudem freuen wir uns darüber, dass auch im deutschsprachigen Ausland Interesse an unserer Arbeit besteht und wir zum Beispiel auch aus Österreich und Luxemburg angefragt werden.

Wie gehen Sie vor, wenn ein Kind zu Ihnen kommen soll?

Wir suchen den bestmöglichen Weg für das Kind. Der ist individuell, denn wir sind ja alle unterschiedlich. Erste Fragen, die wir uns zunächst stellen: In welchem unserer Wohnangebote kann das Kind wohnen, welche therapeutischen Maßnahmen müssen eingeleitet werden, wie ist die Anbindung der Schulen an unsere Schulen? Unser Ziel ist dabei stets, dass die Kinder befähigt werden, mittel- oder langfristig eine Regelschule zu besuchen.

In welchen Bereichen sind Ihre aktuell 500 Mitarbeiter tätig?

Mit unseren 24 Einrichtungen von Wohnangeboten über Schulen, den Ausbildungsbetrieb, Einrichtungen zur tagesfördernden Unterstützung oder sozialem Kompetenztraining sind wir vom Harz bis nach Lüneburg aufgestellt. Je nach Schwerpunkt und Qualifikation arbeiten manche mehr mit den jüngeren Kindern, manche eher mit den Jugendlichen, an unseren Schulen, in der Therapie oder der Fortbildung, wieder andere wohnen mit den Kindern familienanalog in unseren Wohnangeboten.

Wie muss man sich Ihr Schulangebot konkret vorstellen?

Uns besuchen Schülerinnen und Schüler aus der gesamten Region. Unsere Stiftung hat anerkannte E-Schulen – Förderschulen für soziale und emotionale Entwicklung. Dort können die Kinder und Jugendlichen einen Lernhilfe-, Hauptschul-, Realschul- oder erweiterten Realschulabschluss erreichen. Zum einen umfasst unser besonderes Modell sehr kleine Klassen, zum anderen gibt es in jeder Klasse neben einer Lehrkraft auch eine sozialpädagogische Fachkraft und intensive individuelle Betreuung. Hier gibt es auch großes Interesse von Eltern externer Schülerinnen und Schüler. Nach der Schule können die Jugendlichen bei Interesse bei uns intern oder bei unseren Partnerbetrieben eine Ausbildung beginnen. Bei uns haben sie in Bezug auf eine Ausbildung die Wahl zwischen Hauswirtschaftler/in, Maler/in, Lackierer/in, Tischler/in und Bürokauffrau/-mann.

Welche Bedeutung hat Sport im Leben der Kinder und Jugendlichen hier?

Wir legen sehr viel Wert auf Sport und die Jugendlichen sollen nach Möglichkeit alle in einem Verein sein. Erlebnispädagogisch ist Sport sehr wertvoll, geht es neben dem Fitnessaspekt ja auch darum, Regeln zu akzeptieren, in der Gemeinschaft zu lernen und sich auch mal unterzuordnen. Ob Fußball, Rugby, Paddeln oder Klettern – gerade wenn es um impulsives Verhalten geht, ist Sport eine gute Möglichkeit zur Kompensation. Aber auch musikalische Förderung ist uns wichtig.

Jugendliche und Betreuer treten auf dem Salzgittersee zum Drachenbootrennen an (Foto: Foto: Marcus Wendt)

Wie gestaltet sich die Mansfeld-Löbbecke-Stiftung für ihre Mitarbeiter?

Wir arbeiten ausschließlich mit Fachkräften, zum Beispiel Sozialpädagogen, Erziehern, Heilerziehungspflegern und Heilpädagogen. In der Einarbeitungsphase gibt es bei uns einige Pflichtfortbildungen – beispielweise zur besseren Kenntnis von Krankheitsbildern. Unser Angebot von Fort- und Weiterbildungen wird von unseren Mitarbeitern sehr gerne und rege angenommen. Hier gibt es von unserer Seite aus keine Limitierung, da wir unsere Mitarbeiter optimal geschult wissen möchten. Gerade Schulungen in den Bereichen Selbstsicherheitstraining, Deeskalation oder dem würdevollen Umgang mit übergriffigem Verhalten und Reflexionsgespräche sowie Supervision werden viel genutzt. Bei uns gibt es auch einen Runden Tisch, bei dem Mitarbeiter/innen ihre Vorschläge einbringen können.

Stolze Angehörige, Mitarbeiter und Freunde bei der Schulabschlussfeier (Foto: Foto: Marcus Wendt)

Was schätzen Sie an Ihrer Tätigkeit im psychosozialen Bereich?

Interessiert hat mich hierbei schon immer, mich den gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen und mich für konstruktive Veränderungsprozesse einzusetzen. Sehr erfreulich ist es, jedes Jahr zum Schulabschluss aufs Neue zu sehen, wie sich die jungen Erwachsenen, die wir betreuen, engagiert und entwickelt haben. So haben dieses Jahr fünf Schüler den erweiterten Realschulabschluss geschafft. Wir überlegen sogar, ob wir unser System um den gymnasialen Zweig ergänzen. Die eigene Wohnung, ambulante Betreuung und Studium sind dann auch noch einmal Schritte, über die wir uns als betreuende Institution sehr freuen.

Christiane Redecke und Zimmermeister Michael Sperling beim Richtfest auf der künftigen Dr. David Mansfeld-Schule (Foto: Foto: Andreas Mittendorf)

Was plant die Mansfeld-Löbbecke-Stiftung für die Zukunft?

Der nächste Schritt ist unser 8,5-Millionen-Euro-Projekt in Wolfenbüttel. Die Geschäftsstelle wird dorthin verlegt; zudem wird dort ein neues Wohnangebot für Kinder ab zwölf Jahren entstehen. Zudem wird es dort ein neues Schulangebot geben. Unser Wolfenbütteler Neubau verfügt auch über E-Tankstellen, die ihren Strom von unseren Solarzellen beziehen und für jeden zur Verfügung stehen. Denn Ganzheitlichkeit ist uns grundsätzlich ein großes Anliegen.

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