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Ostfalia-Professor Jain: „Zukünftig wohnen wir dezentral”

Der Braunschweiger Hauptbahnhof. (Bildrechte: Daniela Nielsen/Stadt Braunschweig)

Wie werden die Menschen in Zukunft in der Region Braunschweig-Wolfsburg leben? Über diese Frage haben wir uns mit Professor Andreas Jain von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften unterhalten. Er ist der festen Überzeugung: „die Zukunft des Wohnens ist dezentral.”

Herr Jain, wie blicken Sie auf die Zukunft des Wohnens?  

Jain: Im Grunde geht es dabei um zwei Fragen: Wo wohnen die Menschen? Und wie mobil sind die Menschen? Die Menschen wohnen dort, wo es attraktiv ist, wo es Arbeit und gute Verkehrsanbindungen gibt. Sprich: Mobilität und Attraktivität brauche ich als Grundvoraussetzungen. Aber, und dieser Aspekt kommt hinzu, wir nehmen zunehmend eine gewisse Spaltung in der Gesellschaft wahr, die auch im Wohnen deutlich wird.  

Inwiefern? 

Jain: Es gibt diejenigen, die die finanziellen Mittel haben, sich den Wohnort aussuchen zu können. Und es gibt diejenigen, die darauf angewiesen sind, einen Wohnort zu bekommen, den sie sich auch leisten können. 

Eine Portraitaufnahme eines Mannes in Schwarzweiß.
Prof. Dr. Andreas Jain forscht und lehrt an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Stadt- und Regionalmarketing. (Foto: Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften)

Sehen Sie für diese Entwicklung auch Anzeichen in unserer Region? 

Jain: Ja. Es gibt in vielen Städten bestimmte Viertel, in denen Sie schlichtweg nicht wohnen wollen. Und die Menschen, die es tun, wollen möglichst schnell dort weg.  Wenn man zulässt, dass sich größere Stadtgebiete als „Problemviertel“ herauskristallisieren, dann entwickelt sich daraus perspektivisch oftmals eine Abwärtsspirale. Diese Wohngebiete stehen nachhaltig schlecht da. 

Oder nehmen Sie ein lokales Beispiel. Wenn Sie beispielsweise aus der Braunschweiger Weststadt kommen, dann sind Sie bereits durch Ihren Wohnort stigmatisiert. Wenn man so etwas in einem größeren Bereich zulässt, wird es kritisch. Das sind dann die Gebiete, die vermeintlich schlechter dastehen und im weiteren Verlauf auch weiter entwertet werden. 

Ein Bebauungsplan.
Das Quartier „Am Bahnhof West” im Osten Thiedes hat eine Besonderheit: alle Häuser sollen in Passivbauweise errichtet werden. (Foto: Stadt Salzgitter)

Lassen Sie uns einmal konkret über Wohnorte sprechen. Werden wir in Zukunft in futuristischen Städten leben oder ziehen wir auf das Land? 

Jain: Wir haben alle unterschiedliche Wohnbedürfnisse. Es gibt immer Menschen, die ländlich geprägt sind und die die Überschaubarkeit von ländlichen Regionen zu schätzen wissen. Andere wiederum suchen die Anonymität des „Kampfraumes Großstadt“. 

Es ist jedoch kein eindeutiger Trend erkennbar. Denn über die Jahrzehnte hinweg sind wir zwar urbanisiert, aber mittlerweile haben sich auch die Lebensverhältnisse auf dem Land an die in der Stadt angeglichen. Auch dort geht man in Klubs und erwartet gute Restaurants. Ich nehme deshalb keinen allzu starken Gegensatz zwischen Stadt und Land wahr. 

Allerdings glaube ich nicht, dass die Wohnungsprobleme nur in den Ballungsräumen gelöst werden können. Dort gibt es keinen Platz mehr, um das zu realisieren.  

Wo finden wir also Platz, den wir für weiteren Wohnraum nutzen können? 

Jain: Ich glaube, dass in Zukunft mehr Wohnraum durch das Umnutzen von Büroflächen entstehen kann. Wir sehen, dass Homeoffice inzwischen für viele Arbeitnehmer und Arbeitgeber eine denkbare Option ist.  

Natürlich muss der private Wohnraum entsprechend aufgewertet werden, damit ich dort nicht beengt arbeiten muss. Im Umkehrschluss könnten so viele Büroflächen, die wir insbesondere in den Städten haben, überflüssig werden. Und diese Flächen könnten dann zum Wohnen genutzt werden.  

Oder nehmen Sie das Beispiel Co-Working-Spaces. Im Landkreis Wolfenbüttel könnte beispielsweise Volkswagen Zeitkontingente in den dort schon vorhandenen Co-Working-Spaces für die eigenen Beschäftigten buchen, die sich dann tagesaktuell aussuchen, ob Sie lieber im Co-Working-Space oder in Wolfsburg arbeiten. Die Mitarbeiter sind dann im günstigsten Fall wohnort- und familiennah beschäftigt, sind aber bei entsprechender Ausgestaltung der Co-Working-Spaces weiterhin in die Infrastruktur des Unternehmens eingebunden. Und wenn wir erst einmal ein umfangreiches Netz solcher Orte haben, könnten die Arbeitnehmer in Arbeitsstrukturen arbeiten, die nach wie vor von VW mitdefiniert werden, aber trotzdem lange Arbeitswege vermeiden. 

Eine Gruppe von Fahrradfahrern fährt auf einem Radweg über das Land.
Mobil auf dem Land? Der Fahrradverleih LANDRADL macht das im Elm möglich. (Foto: Christine Roch)

Nicht nur Wohnformen spielen zukünftig eine Rolle, sondern auch Mobilität, sagten Sie bereits eingangs. Wie werden die Menschen in der Zukunft von A nach B kommen? Werden Fahrradautobahnen die Region durchziehen? 

Jain: Momentan gibt es einen starken Fokus auf das Fahrrad. Dieses Verkehrsmittel hat man jahrelang vernachlässigt. Und jetzt wird versucht, dem Fahrrad in vielen Facetten wieder eine Bedeutung beizumessen. 

Sie klingen skeptisch … 

Jain: Ich halte es für gefährlich, ausschließlich sektoral zu denken. Mobilität funktioniert nur, wenn sämtliche Verkehrsmittel gleichberechtigt gedacht werden. Und nur durch einen ausgewogenen Mix kann die Verkehrswende gelöst werden. Hinsichtlich der Mobilitätsform Fahrrad arbeiten wir jetzt nach. Schauen Sie sich beispielsweise das Verkehrsverhalten auf dem Land an: Dort fährt kaum jemand Fahrrad, weil die Infrastruktur fehlt. Nachts auf einer Landstraße ohne Fahrradweg zu fahren, kann lebensgefährlich sein. 

Wie überwindet man das Zentrum-Peripherie-Denken? In der Weststadt in Braunschweig beispielsweise gibt es das Elbezentrum. Dort gibt es Einkaufsmöglichkeiten, aber auch Ärzte, eine Apotheke und allerlei Dinge des täglichen Bedarfs an einem Ort.

Jain: Das wird weniger werden. Der Grund, warum man in die Stadt gehen wird, ist in Zukunft weniger das Einkaufen, sondern soziale Verabredungen beispielsweise mit Freunden. Der Anziehungsfaktor wird eine Art Marktplatzatmosphäre sein. Dort gibt es Restaurants und Events.

Eine Reihe von Appartementhäusern.
Die Steimker Gärten liegen im Südosten Wolfsburgs. (Foto: Frank Spyra)

Ganz konkret: Wie sieht das Haus der Zukunft aus? 

Jain: Das ist smart. Das heißt, es bietet dem Bewohner oder der Bewohnerin viele technische Gimmicks. Man muss aber aufpassen, weil „smart“ häufig sehr industriegetrieben ist. Es wird also weniger nach den Bedürfnissen der Menschen als nach den Verdienstmöglichkeiten geschaut. Aber dass man generell technische Lösungen nutzt, um beispielsweise Wasser oder Energie zu sparen, halte ich für unverzichtbar. 

Ein gutes Stichwort: Werden wir in zehn Jahren standardgemäß Solarkollektoren auf dem Dach haben? 

Jain: Vorstellbar sind auch Windkraftanlagen, die genossenschaftlich Kommunen, Dörfern oder Dorfgemeinschaften gehören. Dadurch wäre auch die Akzeptanz solcher Anlagen vor dem eigenen Haus höher.  

Beim Thema Energiegewinnung halte ich dezentrale Lösungen für äußerst sinnvoll. Denn so werden lange Transportwege ver- und außerdem fossile Energieträger gemieden. Entsprechend würde auch die Einspeisung des Stromes erleichtert. Außerdem verringern Sie durch dezentrale Lösungen Abhängigkeiten, beispielsweise von politischen Großwetterlagen. Damit ist die Energiegewinnung weniger krisenanfällig und hat für Sie einen direkten Nutzen. Und ich glaube, es ist notwendig, an dieser Stelle Energie neu zu denken. Momentan entwickelt sich dieser Prozess allerdings eher angstgetrieben als strategiebasiert.  

Eine Luftaufnahme von einer alten Industriehalle.
Der Braunschweiger Lokpark mit dem Kleingartenverein Sonnenschein im Hintergrund – auch er soll in die Bahnstadt eingebunden werden. (Foto: Daniela Nielsen/Stadt Braunschweig)

Worauf sollten wir in Zukunft außerdem achten? 

Jain: Energieeffizienz wird immer wichtiger, wobei wir hier bereits an die Grenzen der Potenziale gehen. Null-Energie-Häuser beispielsweise gibt es bereits heute. 

Außerdem werden wir in Hinblick auf Naturkatastrophen stärker darauf achten müssen, wo wir unsere Häuser bauen. Im Ahrtal, das 2021 von Überschwemmungen verwüstet wurde, war seit Jahrzehnten bekannt, dass diese Gefahr besteht. Aus dieser Erkenntnis wurden allerdings keine Schlüsse gezogen. Solche Bedrohungsszenarien sind real. Anders das Vorgehen in der Schweiz. Dort gibt es Landkarten die ausweisen, in welchen Gebieten in der Zukunft nicht gebaut werden soll. 

Wir müssen einerseits energieeffizienter arbeiten und andererseits klimagefährdende Stoffe vermeiden. Sonst werden die Einschläge immer näherkommen und auch größer werden. Wir haben gar keine andere Wahl. Und das muss sich dann eben auch in baulichen Strukturen widerspiegeln. 

Ein See in einer Parkanlage.
Naherholung gleich um die Ecke: Parks wie der Braunschweiger Bürgerpark haben während der Pandemie bewiesen, wie wichtig sie als Erholungsraum für die Menschen sind. (Foto: Christian Bierwagen/Stadtmarketing Braunschweig GmbH)

Von Katastrophen zur Erholung: Ist auch die Zukunft der Naherholung dezentral? 

Jain: Ja. Das haben wir zuletzt auch unter Corona gemerkt. Die Menschen entdeckten die Parkanlagen in ihrer direkten Umgebung wieder. Erholung ist eine der Grunddaseinsfunktionen. Um die zu bedienen, braucht es erreichbare Angebote. 

Und das ist auch öffentliche Vorsorge. Speziell Parks sind da unglaublich wichtig. Sie sind Begegnungsorte, in Pandemiezeiten auch auf eine gewisse Distanz. Aber sie können dort auch Sport treiben. Wenn Sie während der Lockdown-Monate in einer Wohngegend lebten, die über keine solche Orte verfügt, dann waren Sie verloren. 

Wie steht es um große Anziehungspunkte wie den Salzgittersee oder den Tankumsee? 

Jain: Solche Naherholungsgebiete sind unverzichtbar. Sie unterstreichen die Attraktivität der Region enorm. Salzgitter bespielt seinen See auf ganz unterschiedliche Arten und Weisen, von Gastronomie über Sportangebote bis zur Liegewiese. Das macht die Stadt in meinen Augen richtig. Oder schauen Sie ins nördliche Harzvorland. Dort herrscht eine hohe Zufriedenheit unter den Bewohnern, aber man weiß gar nicht so genau, warum.  

Bei solchen Großprojekten geht es also gar nicht so sehr darum, neues zu schaffen und bestehendes auszubauen. Häufig reicht schon der Hinweis auf das, was da ist. Werfe ich beispielsweise einen Blick in den Landkreis Wolfenbüttel, sehe ich, dass es dort einfach schön ist. Die Leute wollen gar nicht wegziehen. Aber sie können auch häufig nicht beschreiben, warum sie eigentlich dableiben wollen.

Eine Aufnahme von einem See.
Im Südosten des Lappwaldes liegt der Lappwaldsee. (Foto: Stadt Helmstedt)
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