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Die dicken Eichen im Barnbruch sind besonders geschützt. Dr. Verena Sohns

Geschichte trifft Zukunft
Zwischen Wolfsburg und Gifhorn wird eine Landschaft neu gestaltet

Nicht nur im Technologie-Bereich finden Transformationsprozesse statt. Auch unsere Wälder sind inzwischen einem ganzheitlichen Wandel unterworfen. Autorin Verena Sohns hat sich zusammen mit Mitarbeiterinnen der Niedersächsischen Landesforsten im Barnbruch auf Spurensuche begeben.

„Wenn es geht, Watthose mitbringen. Auf jeden Fall Gummistiefel und Mückenschutz“, so lautet die Anweisung von Annemarie Gawlik. Sie ist im Forstamt Wolfenbüttel zuständig für Flächenmanagement und Naturdienstleistungen und heute mit mir auf Exkursion. Zumindest in Gummistiefeln stehe ich zusammen mit Lisa Jödicke, ebenfalls von den Niedersächsischen Landesforsten und zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, auf einem Parkplatz am Aller-Kanal.  

 

Es geht um Transformation. Bei diesem Begriff denkt wohl jeder zunächst an neue Technologien, künstliche Intelligenz und Digitalisierung. Dieser Ausdruck passt aber auch sehr gut zu dem Wandel, der sich seit einiger Zeit in unseren Wäldern vollzieht, allerdings eher langsam und weniger auffällig. Denn bei einer Transformation geht es nicht einfach nur um eine Verbesserung, sondern um deutlich mehr – nämlich eine ganzheitliche Neuausrichtung. Neue Lebensräume entstehen nicht nur im Harz. Auch in den Waldgebieten in der Region Braunschweig-Wolfsburg kann man diesen ganzheitlichen Wandel beobachten. 

Früher entwässert 

 

Zum Beispiel im Projektgebiet Barnbruch - das über 1.000 Hektar große geschlossene Waldgebiet liegt zu einem Drittel im Stadtgebiet Wolfsburg und zu zwei Dritteln im Landkreis Gifhorn. Es wird vom Forstamt Wolfenbüttel betreut.

 

Hier werden seit 2021 ganz viele verschiedene Maßnahmen durchgeführt, um artenreiche und besonders wasserreiche Wälder aufzubauen. Eigentlich muss man sagen wiederherzustellen, denn vor zweihundert Jahren war der Barnbruch ursprünglich eine morastige Sumpflandschaft. Ständiges Hochwasser machte den Bauern und Dorfbewohnern das Leben schwer. Im Jahr 1860 begannen daher Entwässerungsarbeiten, und der Aller-Kanal wurde gebaut. Die Ableitung des Wassers veränderte den Wald grundlegend. Zunächst wuchsen Birken und Erlen in feuchten Auewäldern, mit zunehmender Entwässerung auch Eichen und Kiefern auf eiszeitlichen Sanddünen. 

Video: Mit Lisa Jödicke und Annemarie Gawlik unterwegs im Barnbruch

Heute wieder vernässt 

 

Die dicken Eichen im Barnbruch sind besonders geschützt, aber einige der alten Kiefernbestände müssen nun wieder weichen. Im Barnbruch sollen wieder mehr Laubmischwälder wachsen, durchzogen von kleinen Gewässern und Sümpfen. Solche wasserreichen Waldgebiete bieten wertvolle Biotope für seltene Pflanzen und Lebensraum für Amphibien, Vögel und Fledermäuse. Sogar der Seeadler brütet hier, und auch Biber fühlen sich wohl. 

 

Um dies zu erreichen, werden einige der damalig angelegten Entwässerungsgräben nun wieder verschlossen oder verfüllt. „Der tieferliegende Aller-Kanal ist nicht abgedichtet. Er zieht in trockenen Sommern das Wasser aus den Waldflächen und führt dieses ab. Daher prüfen wir überall, wo wir wasserhaltende Maßnahmen ergreifen können“, erklärt Annemarie Gawlik. 

Der Barnbruch grenzt an den Aller-Kanal. Einige Wege eignen sich für schöne Fahrradtouren. Dr. Verena Sohns
Der Barnbruch grenzt an den Aller-Kanal. Einige Wege eignen sich für schöne Fahrradtouren.

Kiefern und Birken, Erlenbruchwald, dazwischen Eichen-Kulturen, Wiesen, Kanäle und Gräben, Sumpfflächen, Waldwege mit alten Eichen - der Barnbruch bietet eine große Landschaftsvielfalt. Schon an der nächsten Wegebiegung sieht der Wald wieder ganz anders aus. Wir stehen vor einem Erlenwald „Das hier ist so ein typischer Entwässerungsgraben, den haben wir zugemacht“, erklärt Annemarie Gawlik. Die Gummistiefel waren auf jeden Fall die richtige Wahl, denn an vielen Stellen steht kniehoch das Wasser. „Hier wächst die Wasser-Feder, gerade auch richtig in voller Blüte. Das ist eine Wasserpflanze und für uns ein toller Zeiger, dass wir hier dauerhaft stehendes Wasser haben“.  

Knifflige Aufgabe 

 

Um Wälder im Klimawandel transformieren zu können, spielt das Wasser eine entscheidende Rolle. „Wasser und Wald geht nur zusammen. Wenn der Grundwasserspiegel absinkt, zum Beispiel durch umliegende landwirtschaftliche oder gewerbliche Flächen, dann ist der Wald auch betroffen. Und er kann dann auch nicht mehr als Ausgleich dienen“, erklärt Annemarie Gawlik. 

 

Das Wassermanagement ist allerdings eine knifflige Aufgabe, denn eine Erhöhung des Grundwasserspiegels ist zwar gewollt, kann aber auch dazu führen, dass zum Beispiel Bäume absterben, weil es ihnen zu feucht ist. Und nicht zuletzt ist der Barnbruch keine Insel, sondern von Äckern, Wohn- und Gewerbeflächen umgeben. Daher werden solche Schritte nur partiell und mit Rücksicht auf die umliegenden Flächen umgesetzt. 

 

Mit den Maßnahmen im Barnbruch wurde 2021 begonnen, als Kompensation für Maßnahmen der Stadt Wolfsburg und des VW-Werks. Viele Veränderungen kann man schon sehen, andere werden noch Hunderte Jahre dauern. Transformation ist oftmals mit kontinuierlichen Prozessen verbunden, auch insofern passt der Begriff zum Waldumbau. 

Flächen im Wandel. Ältere Kiefern sterben zu Teil ab, dazwischen wachsen gepflanzte Eichen. Dr. Verena Sohns
Flächen im Wandel. Ältere Kiefern sterben zu Teil ab, dazwischen wachsen gepflanzte Eichen.

Landschaftsgestalter  

 

Neben den wieder vernässten Bereichen gibt es auch eher trockene Flächen im westlichen Teil des Waldgebietes. „Wir wollen auf diesen Flächen hier einen lichten Eichenwald entwickeln. An den Wegen haben wir schon viele verschiedene Schmetterlinge gefunden, wie den großen Fuchs, das Landkärtchen und andere, über die wir uns gefreut haben. Wir hoffen, dass sie sich später in den Eichenwäldern ausbreiten“. 

 

Annemarie Gawlik findet es total spannend zu sehen, wo man mit gezielten Maßnahmen nachsteuern kann, um hochwertige Naturschutzziele zu erreichen. Eigentlich sei dies hier auch ein großes Forschungsprojekt, sagt sie. Um den Wald und die Natur zu verbessern, muss man aber den Schreibtisch verlassen und raus auf die Fläche. Die studierte Landschaftsökologin ist mit ihren Forstkollegen nicht nur bei so schönem Mai-Wetter, sondern auch bei Winterkälte und Regen unterwegs. Die Landesforsten schauen sich Gebiete, die für eine Kompensationsfläche in Frage kommen, wie zum Beispiel für VW, ganz genau an. Das bedeutet es werden der Boden sowie die Grund- und Oberflächengewässer untersucht, dann die Vegetation und Tierarten, um genaue Maßnahmen planen und umsetzen zu können. „Damit später ein sich selbst tragendes Ökosystem entstehen kann“, freuen sich die beiden Kolleginnen. Transformation, die man sehen und erleben kann.