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Eine Gruppe Menschen sitzt auf Stühlen in einem Raum. Meike Buck

Psychisch krank von der Arbeit? Hier gibt es Hilfe
Besuch beim Reha-Zentrum St. Leonhard des Lukas-Werks in Braunschweig

Homeoffice und ständige Erreichbarkeit, Corona und Fachkräftemangel – die Anforderungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wachsen. Zugleich steigen die Zahlen an Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen seit Jahren. Das Reha-Zentrum St. Leonhard des Lukas-Werks in Braunschweig bietet Betroffenen in seiner ganztägig ambulanten Tagesklinik für Psychosomatik Hilfe. Meike Buck hat es besucht.

Das Abschalten scheint hier einfach: vor dem Büro von Dr. Tuna Ucgun scheint die Sonne auf die Terrasse, im Innenhof des Quartiers St. Leonhard herrscht ein munteres Kommen und Gehen. Und Rauskommen aus dem Alltag - das ist für die Patientinnen und Patienten der Tagesklinik für psychische und psychosomatische Erkrankungen extrem wichtig.

Aufgrund der alarmierend steigenden Zahlen der Krankheitstage müssen Unternehmen aufpassen: Nach einer Studie sind vor allem Arbeitende in erzieherischen, medizinischen und pflegerischen Berufen, aber auch in Verwaltungen gefährdet – besonders Führungskräfte. Auffällig ist auch der Anstieg der Krankheitstage bei den unter-30-jährigen um 25 Prozent zu 10 Prozent im Gesamtvergleich.

Notbremse ziehen? Fällt schwer!

Homeoffice und Corona haben die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen lassen, Flexibilität und ständige Erreichbarkeit sind Fluch und Segen zugleich. Psychische Erkrankungen kämen nicht von heute auf morgen, es sei ein schleichender Prozess. „Wer heute in eine Klinik geht, ist bereits vor zwei, drei Jahren erkrankt“, gibt Dr. Ucgun zu bedenken. Die eigenen Grenzen zu erkennen und dann die Notbremse zu ziehen, fällt den meisten schwer.

Und auch der Fachkräftemangel erhöht den Druck und führt oft zu einem Dominoeffekt, wenn die Arbeitskolleginnen und -kollegen anfallende Mehrarbeit durch unbesetzte Stellen und Ausfälle auffangen müssen.

Ein Mann in dunklem Hemd sitzt auf einem Stuhl. Meike Buck
Dr. Tuna Ucgun arbeitete früher in einer Akutklinik und war selber schweren Belastungen ausgesetzt.

Reha-Zentrum St. Leonhard ist einzigartig in der Region

Dr. Ucgun, Facharzt für Psychologie und Psychiatrie, ist Chefarzt und Leiter zweier Reha-Tageskliniken, einer für Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen, die andere für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen. 60 Plätze gibt es in der 2020 eingerichteten Tagesklinik für Psychosomatik, dem Reha-Zentrum St. Leonhard. 50 sind zurzeit belegt, darunter viele nach Nervenzusammenbrüchen und Burnouts infolge beruflicher Überlastung.

Das Angebot, die Reha in einer Tagesklinik zu machen, ist einzigartig in der Region - üblicher ist es als stationäre Therapie. Im Reha-Zentrum St. Leonhard hingegen kommen die Patientinnen und Patienten morgens in die Klinik, die Nächte und Wochenenden verbringen sie zuhause. Dr. Ucgun sieht sowohl Vor- als auch Nachteile dieser Form. Auf der einen Seite sei der Aufenthalt etwa in einer stationären Rehaklinik für einige Patientinnen und Patienten wichtig, um Abstand von ihrem Alltag und den Auslösern der Krankheit zu bekommen. Auf der anderen Seite sei die Rückkehr danach oft umso schwieriger und der Erholungseffekt nach der Entlassung schnell verpufft.

In der Tagesklinik dagegen sei es möglich, Erarbeitetes und Erlerntes Stück für Stück in den Alltag zu integrieren, kleinere „Hausaufgaben“ zu bearbeiten und das soziale Umfeld in die Behandlung einzubeziehen.

Ein Mann sitzt einer Frau gegenüber und spricht mit ihr. Meike Buck
Der Aufenthalt in der Reha-Klinik St. Leonhard dauert in der Regel fünf Wochen.

Eine ganzheitliche Behandlung hilft

Idealerweise waren die Betroffenen vorher in ambulanter Behandlung, sagt Dr. Ucgun. Da die ambulante Versorgung jedoch überlastet ist, seien die Wartelisten für eine solche Therapie lang, viele kämen auch ohne vorhergehende Behandlung in das Reha-Zentrum St. Leonhard.

Fünf Wochen dauert in der Regel ein Aufenthalt in einer Reha-Klinik, bei Bedarf kann auf bis zu sieben Wochen verlängert werden. Am Ende schreibt Dr. Ucgun ein Gutachten, wie die Betroffenen weiterarbeiten können. Aber auch danach werden die Wiedereingliederung in den Beruf und der Neustart im Arbeitsleben weiter begleitet. Nach der Entlassung können Patientinnen und Patienten sechs Monate lang eine Nachsorgegruppe aufsuchen.

Während der Reha setzt Dr. Ucgun viele verschiedene Therapien ein und passt sie ganz individuell auf die Patientinnen und Patienten an: Einzel- und Gruppenpsychotherapien, medikamentöse Behandlung, Akkupunktur, Ernährungsberatung und Gesundheitsbildung, Sport- und Bewegungstherapie mit Qi Gong und Yoga, Entspannungsverfahren, Ergo- und Kreativtherapie, Paar- und Familiengespräche.

Ein Team von 25 Therapeutinnen und Therapeuten bilden das Team des Reha-Zentrum St. Leonhard, dazu gehören Ärzte, Psychotherapeutinnen und -therapeuten, Suchttherapeutinnen und -therapeuten, Sozialarbeiterinnen, 20 Sport-, Ergo- und Ernährungstherapeutinnen und -therapeuten.

Ziel: Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit

Ein wichtiger Bestandteil sind auch Gespräche mit den Arbeitgebern. „Das Ziel ist zuerst die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit“, beschreibt Dr. Ucgun. Dazu müsse man den Betroffenen Perspektiven zeigen, wie es nach der Reha im Berufsleben weitergehen könne. Bei den meisten Arbeitgebern erlebe er dabei eine große Offenheit und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. „Sie freuen sich über die Perspektive, dass ein oft schon lange krankgeschriebener Mitarbeiter in den Betrieb zurückkehren kann.“ Ein Wiedereinstieg kann ganz unterschiedlich aussehen und wird mit jedem Patienten und dem Arbeitgeber individuell erarbeitet. Ein Stellenwechsel ist eine Möglichkeit, auch ein anderes Team oder neue Aufgaben. Mitunter ist auch eine Umschulung nötig.

„Wie die meisten Ärzte bin ich selbst ein schlechter Patient.“

Dr. Tuna Ucgun

Und er selbst? Dr. Ucgun lacht. „Wie die meisten Ärzte bin ich selbst ein schlechter Patient.“ Aber mit dem Wechsel von einer Akutklinik in die Leitung der ambulanten Reha-Kliniken des Lukas-Werkes im Juli 2022 hat er viel für sein eigenes psychisches Gleichgewicht getan. Überstunden, Nacht- und Bereitschaftsdienste und unvorhersehbare Krisensituationen von Patientinnen und Patienten waren nach der Geburt seines ersten Kindes mit dem Privatleben nur schwer vereinbar.

Überstunden und Stress als Statussymbol

Eine psychische Erkrankung kündigt sich meist durch Punkte wie Antriebsmangel, Konzentrationsstörungen, eine steigende Fehlerquote, häufiges zu-spät-Kommen, Überstunden, körperliche Beschwerden und inneren Rückzug an. Und hier appelliert Dr. Ucgun auch an die Arbeitgeber, die viel dafür tun könnten, dass eine Behandlung oder Reha gar nicht erst nötig wird. In Gesprächen oder idealerweise einer psychologischen Sprechstunde im Reha-Zentrum St. Leonhard könne dies thematisiert und bereits Strategien zur Vermeidung eines längeren Ausfalls erarbeitet werden.

Ein gesundes Arbeitsklima und eine Schulung der Führungskräfte können ebenfalls dazu beitragen. Denn oft sind gerade die Leistungsträger betroffen, die fleißigen, pflichtbewussten Mitarbeiter, die nicht „nein“ sagen können. Immer noch sei viel Arbeit, Überstunden und Stress in einigen Kreisen eine Art Statussymbol. Und auch wenn Dr. Ucgun eine Veränderung in der Wahrnehmung psychischer Probleme und Krankheiten und gerade bei jüngeren Menschen einen Wandel beobachtet, wünscht er sich noch mehr Offenheit und weniger Stigmatisierung in der Gesellschaft.