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Karl-Heinz Feldkamp – weltweit erfolgreich, der Region eng verbunden. Allianz für die Region GmbH

Trainerlegende Karl-Heinz Feldkamp –
Weltweit unterwegs, regional verwurzelt

Karl-Heinz Feldkamp, bekannt für seine außergewöhnlichen Erfolge als Trainer u.a. beim 1. FC Kaiserslautern und Galatasaray Istanbul lebt inzwischen in der Nähe von Braunschweig und im spanischen Marbella. Unser Autor Atilla Acar hatte Gelegenheit, ihn zu treffen und mit ihm über seine größten Erfolge, über Eintracht Braunschweig und seine neue Heimat in unserer Region zu plaudern.

Ich bin heute unglaublich aufgeregt – ein Kindheitsheld wird mich besuchen und ein Interview mit mir führen. Es klingelt am Telefon: Am anderen Ende „Kalli“, wie ihn alle nennen. Er steht an der Schranke und fragt, ob ich sie öffnen könne. Ich eile sofort in die Tiefgarage, lasse ihn einfahren, und sehe, wie er parkt und aussteigt – ganz selbstverständlich. 

 

Zuletzt hatte ich Kalli 2007 bei einem Trainingslager von Galatasaray in Duisburg gesehen – körperlich hat er sich kaum verändert. Trotz seiner 91 Jahre wirkt er fit, energiegeladen und fährt immer noch eigenständig Auto. Heute beginnt unser Treffen ganz entspannt: Er nimmt sich etwas von dem Spekulatius, den ich bereitgestellt habe, und fragt lachend: „Woher wissen Sie eigentlich, dass Spekulatius mein Lieblingskeks ist?“ – reiner Zufall. 

 

Bevor wir ins Interview starten, erzähle ich ihm von einer persönlichen Erinnerung: 1992, Rückspiel Galatasaray gegen Eintracht Frankfurt im UEFA-Pokal (Vorgänger der heutigen Europa League). Ich war damals noch Schüler und bin mit dem Fahrrad stur vom Unterricht nach Hause geflitzt, um wenigstens die zweite Halbzeit zu sehen. Damals gab es in der Türkei noch kein Flutlicht in den Stadien, die Spiele begannen früh. Unter der Leitung von Kalli, der damals Trainer von Galatasaray war, gewann das Team das Spiel 1:0 (Hinspiel 0:0) und zog in die nächste Runde ein – noch heute ein unvergesslicher Moment für die Gala Fans. Dass Kalli später auch das Double in der Türkei gewann, versteht sich von selbst. 

 

Nicht nur in der Türkei genießt Kalli großes Ansehen. Mit Kaiserslautern wurde er in der Saison 1990/91 überraschend Meister, nachdem er sich gegen Teams wie Bayern München und den VfB Stuttgart durchgesetzt hatte. Auch in Lautern wird seine Arbeit bis heute geschätzt. Darüber hinaus ist er der einzige Trainer, der mit drei verschiedenen Vereinen den DFB-Pokal gewonnen hat – und wer kann schon von sich behaupten, im Europapokal 5:0 gegen Real Madrid gewonnen zu haben? Karl-Heinz Feldkamp kann das. 

Das Estadio Santiago Bernabéu in Madrid – hier verlor Feldkamps Team das Hinspiel, bevor auf dem Betzenberg das legendäre 5:0 folgte. Atilla Acar
Das Estadio Santiago Bernabéu in Madrid – hier verlor Feldkamps Team das Hinspiel, bevor auf dem Betzenberg das legendäre 5:0 folgte.

Große Siege – und Niederlagen, die Spuren hinterlassen 

 

Herr Feldkamp, das Spiel gegen Real Madrid war sicherlich ein Highlight Ihrer Karriere. Gibt es noch andere Spiele, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind – und Sie gelten ja als der „Malocher-Typ“: Was würden Sie sagen, war Ihr Erfolgsgeheimnis? 

 

Ich war viermal im Pokalfinale – 1985 mit Uerdingen gegen Bayern, später mit Frankfurt, Bochum und Kaiserslautern. Ein Spiel, das mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war das Pokalspiel Uerdingen gegen Dynamo Dresden: Im Hinspiel in Dresden hatten wir 2:0 verloren. Im Rückspiel lagen wir zur Halbzeit 3:1 zurück – am Ende gewannen wir sensationell 7:5 (Gesamtergebnis). Allerdings werde ich fast immer nach den großen Siegen gefragt, über die Niederlagen, die wirklich wehgetan und tiefe Spuren hinterlassen haben, fragt mich kaum jemand. 

 

Ein Beispiel für eine besonders schmerzliche Niederlage war das Rückspiel gegen den FC Barcelona (damals unter Johan Cruyff) im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister – dem Vorgänger der Champions League – in der Saison 1991/92. Das Hinspiel hatten wir 2:0 verloren. Im Rückspiel auf dem Betzenberg führten wir kurz vor Schluss 3:0 – doch in der 90. Minute erzielte Bakero noch das 3:1. Die Stille im Stadion danach war unbeschreiblich. Solche Erfahrungen prägen einen – aus so einem Tief wieder herauszukommen, ist unglaublich schwer. 

 

Ich komme aus dem Ruhrgebiet, und der Jargon „Malocher“ stammt ebenfalls von dort. Er steht dafür, belastbar zu sein und Probleme sofort anzupacken, bevor man klagt – und genau das spiegelt auch meine Arbeitsweise wider. 

Johan Cruyff im Barça-Museum – mit seiner Mannschaft lieferte sich Kalli eines der emotional prägendsten Duelle seiner Trainerlaufbahn. Atilla Acar
Johan Cruyff im Barça-Museum – mit seiner Mannschaft lieferte sich Kalli eines der emotional prägendsten Duelle seiner Trainerlaufbahn.

Stolz jenseits von Titeln 

 

Gibt es einen Moment in Ihrer Karriere, auf den Sie besonders stolz sind – und warum? 
 

2025 habe ich das Vorwort zu Peter Briegels Buch geschrieben – ein kleiner, aber besonderer Moment für mich. Briegel war ein außergewöhnlicher Sportler: Mit 16 Jahren sprang er als Zehnkämpfer über sechs Meter. Noch heute pflege ich ein gutes Verhältnis zu ihm und zu Kollegen wie Friedhelm Funkel und Stefan Kuntz 

 

Die Meisterschaft als Nervenspiel 

 

Können Sie uns ein Beispiel nennen, wie Sie in besonders nervenaufreibenden Momenten Ihrer Karriere Entscheidungen getroffen und schwierige Situationen gemeistert haben – und welche Rolle dabei Ihre Familie gespielt hat? 

 

Meine Familie war dabei unglaublich wichtig. Meine Frau hat Sport studiert und viele Spiele auf der Tribüne verfolgt. Bei Niederlagen und Problemen in der Mannschaft habe ich fast immer mit ihr gesprochen, denn ich kann Probleme nicht für mich behalten – ich muss sie am nächsten Tag lösen. 

 

Ein besonders prägendes Beispiel, bei dem meine Familie mir den nötigen Rückhalt gab, war die Meistersaison mit Kaiserslautern. Zwei Spieltage vor Schluss lagen wir vier Punkte vor Bayern, doch das Heimspiel gegen Gladbach verloren wir 3:2. Im letzten Spiel in Köln reichte ein Unentschieden – eine enorme nervliche Belastung für alle Beteiligten.  

 

Am letzten Spieltag traf ich eine harte, aber notwendige Entscheidung: Ich setzte Hodzic und Labbadia, beide Stammspieler, von Beginn an nicht ein. Labbadia hatte bereits bei Bayern unterschrieben und traf ohnehin nicht mehr. Dafür brachte ich Winkler und Haber von Anfang an – und am Ende stand es 6:2: Winkler erzielte zwei Tore, Haber ebenfalls zwei. Ein versöhnlicher Abschluss einer nervenaufreibenden Saison! Um ganz oben bleiben zu können, muss man von zehn Entscheidungen acht oder neun richtig treffen. 

Ein Leben für den Fußball: Feldkamp erzählt von Triumphen, Druck und Entscheidungen. Allianz für die Region GmbH
Ein Leben für den Fußball: Feldkamp erzählt von Triumphen, Druck und Entscheidungen.

Wenn Rivalität Grenzen setzt – selbst für Trainer 

 

Wie empfinden Sie die Derby-Stimmung zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig im Vergleich zu Galatasaray gegen Fenerbahce – und können Braunschweiger Fans mit den lautesten Fans der Welt mithalten? 

 

Die Emotionen beim Spiel Eintracht Braunschweig gegen Hannover 96 lassen sich nicht wegdiskutieren. Braunschweig gegen Hannover lebt von der Rivalität – ähnlich wie Schalke gegen Dortmund – und die Leidenschaft der Fangemeinschaft wird oft schon an die Kinder weitergegeben. Die Atmosphäre erinnert in mancher Hinsicht an Fenerbahce gegen Galatasaray, auch wenn türkische Stadien erdrückender wirken. Natürlich macht die Größe auch einen Unterschied: Ein Stadion mit 22.000 Zuschauern kann nicht mit einem mit 60.000 mithalten. Dennoch spürt man auch hier die Begeisterung: Schon mittags in Volkmarode, wenn die ersten Fans mit gelben Schals und Trikots auf dem Weg zum Stadion sind, spürt man sofort die Energie. Türkische Stadien sind zwar intensiver, aber die Leidenschaft der Braunschweiger Fans ist durchaus vergleichbar. Ein Unterschied bleibt jedoch: Die Rivalität zwischen den großen Mannschaften in der Türkei ist noch strenger geregelt. Als Joachim Löw damals Trainer bei Fenerbahce war, galt es beispielsweise als unerwünscht, sich mit Kollegen auszutauschen oder private Treffen abzuhalten. 

 

Es kann nicht immer der Trainer schuld sein 

 

Eintracht Braunschweig und Galatasaray werden beide als „Löwenvereine“ bezeichnet – sehen Sie noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen beiden Clubs, abgesehen von der Fan-Leidenschaft? 

 
Wirtschaftlich liegen zwischen beiden Vereinen Welten – türkische Klubs sind häufig hochverschuldet. Ein weiterer großer Unterschied ist der Druck der Presse. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber vielleicht: Finanzielle Grenzen werden oft nicht offen benannt. Dabei ist es wichtig, klar zu kommunizieren, warum bestimmte Dinge nicht möglich sind – zum Beispiel, wenn ein Spieler abgeworben wird und dies aus existenziellen Gründen geschieht. 

 

Ich verfolge Eintracht seit zehn Jahren: Es kann nicht immer der Trainer schuld sein, wenn sieben Spieler gehen und elf neue kommen. 

 

Erfolg erfordert mehr als Zahlen 

 

Sie sagen, dass Sie Eintracht Braunschweig schon seit vielen Jahren verfolgen – was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit der Verein langfristig erfolgreicher wird? 

 

Ich kann keine Empfehlungen geben, ohne die Fakten zu kennen. Im eigenen Stadion muss man immer gewinnen. Und wenn man verliert, muss das Publikum spüren, dass die Mannschaft alles gegeben hat. Ich sehe auch kritisch, wie Spieler oft nach Statistiken oder Wertungstabellen beurteilt werden, ohne dass jemand weiß, was der Trainer ihnen gesagt hat. Nur zu messen, wie viele Meter ein Spieler gelaufen ist, reicht nicht – es geht um den Einsatz, die Entscheidungen auf dem Platz und den Teamgeist. 

 

“Jupp Derwall rief mich an meinem Geburtstag an.” 

 

Viele Menschen – unter anderem auch Spieler – in Deutschland und der Türkei schätzen Sie sehr. Worauf führen Sie diese Wertschätzung zurück? 

 

Für mich ging es nie nur ums Geld, sondern darum, mit meiner Familie ein Zuhause zu finden. Am 2. Juni 1992 – meinem Geburtstag – rief mich Jupp Derwall an und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, zu Galatasaray zu wechseln. Wir wollten uns familiär und wohnungsmäßig aufgrund der schulischen Ausbildung meiner Tochter nicht verändern, deshalb wollte ich zunächst gar nicht wechseln. Doch Derwall sagte, dass die Funktionäre von Galatasaray das nicht glauben würden, und fragte, ob ich nicht persönlich nach Frankfurt reisen könne, um es ihnen mitzuteilen. Letztlich überzeugten die Galatasaray-Funktionäre nicht nur mich, sondern auch meine Frau, und unsere Tochter war begeistert von der Vorstellung, in Istanbul zu leben.  

 

In meiner Arbeit als Trainer habe ich immer geschaut, was möglich ist und wie ich das Beste aus meinen Spielern herausholen kann – ohne stur an einem festen Plan festzuhalten. Die Presse staunte damals, als ich den damals 17-jährigen Okan Buruk, der heute selbst Trainer bei Galatasaray ist, einsetzte und dafür einen älteren Spieler draußen ließ. Meine Trainingsphilosophie war ebenfalls anders: Während viele Teams drei bis vier Stunden trainierten, lagen meine Einheiten kürzer, dafür effizient und konzentriert. 

Eine besondere Geste: Kalli signiert ein Galatasaray Trikot. Allianz für die Region GmbH
Eine besondere Geste: Kalli signiert ein Galatasaray Trikot.

“Helmut Kohl lud mich vom Frühstücksempfang aus.” 

 

Gibt es Erinnerungen aus Ihrer Zeit in der Türkei, die Ihnen besonders geblieben sind? 

 

In Rom, als wir zum Europapokalspiel von Rom gegen Galatasaray waren, wollten Journalisten von mir einen Kommentar zu den Brandanschlägen in Solingen und Mölln. Ich war geschockt und tief betroffen. Als ich dann Bilder von Politikern der damaligen Bundesregierung unter Helmut Kohl sah, sagte ich: „Mich interessieren nicht die Politiker, die zu den Opfern gehen und die Familien in den Arm nehmen, sondern diejenigen, die dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert – und die Familien, die ihr Zuhause verloren haben, wirtschaftlich wieder in die Lage versetzen, ein Dach über dem Kopf zu bekommen.“ Diese Haltung vermisste ich bei der damaligen deutschen Regierung. 

 

Auf diese Kritik von mir, als Helmut Kohl dann in der Türkei war, wurden wir sogar vom Frühstücksempfang ausgeschlossen, weil er meinte, ich sei zu aggressiv gewesen. Trotzdem musste er uns am selben Abend begrüßen, weil uns der türkische Ministerpräsident zum gemeinsamen Essen mit der deutschen Delegation in den Dolmabahçe-Palast eingeladen hatte – also kam er nicht ganz an uns vorbei. Ein leichtes Schmunzeln konnte ich mir dabei nicht verkneifen. 

 

Kurzzeitig dachten meine Familie und ich ernsthaft darüber nach, die Türkei zu verlassen, weil wir uns fragten: Wie können wir hier Erfolge feiern, wenn in Deutschland Menschen türkischer Herkunft ihr Leben verlieren? Doch die Menschen in der Türkei haben uns aufgebaut und uns dazu bewogen, doch nicht zu gehen. Das vergessen wir bis heute nicht! 

 

Ein neues Zuhause im Herzen der Region 

 

Sie beschreiben Braunschweig als „wunderbares Umfeld“. Was macht die Stadt oder die Region für Sie besonders?  

 

Vor zehn Jahren sind ich und meine Frau nach Braunschweig gezogen – und wir fühlen uns hier von Anfang an wohl. Meine Familie lebt hier, und meine Enkelin wurde hier geboren. Alles ist nah: Sportangebote wie Eishockey und Basketball, Bundesliga- und Zweitligaspiele, kulturelle Angebote und sogar der Harz ist innerhalb einer Stunde erreichbar. Dass wir uns hier so schnell eingefunden haben, liegt an der Familie – meiner Tochter, meiner Frau und meiner Enkelin. Insgesamt fühle ich mich hier wohler als im Ruhrgebiet. Einziger Wermutstropfen: Der Flughafen bietet nicht durchgehend direkte Flüge nach Malaga. 

Karl-Heinz Feldkamp – weltweit erfolgreich, der Region eng verbunden. Allianz für die Region GmbH
Karl-Heinz Feldkamp – weltweit erfolgreich, der Region eng verbunden.

Nachdem wir Fotos gemacht und er ein paar Trikots signiert hatte, verriet mir „Kalli“, dass ein Filmprojekt über ihn geplant sei – möglicherweise mit seinen ehemaligen Schützlingen wie Falco Götz und Erdal Keser. Ein würdiger Abschluss eines Interviews mit einer Legende – wir warten gespannt auf das geplante Filmprojekt.