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Sportlich, sportlich, familiär: Wie Sport-Thieme zum deutschen Marktführer wurde

  • Datum: 23. Juli 2016
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 (Bildrechte: Susanne Jasper)
Foto von Susanne Jasper
Susanne Jasper
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Der Katalog von Sport-Thieme mit Sitz in Grasleben ist so dick, dass er zum Muskeltraining taugt. 17.000 Artikel auf 700 Seiten: von Bällen unterschiedlichster Art bis zum Schulsportklassiker Kasten. Der Versandhändler ist deutscher Marktführer, Global Player und setzt beim Betriebsklima auf die Wurzeln des Unternehmens: Familie. 

Auf dem Weg nach Grasleben, als sich mein bevorzugter Radiosender kurz nach der Autobahnabfahrt knarzend verabschiedet, kommt mir in Anlehnung an die alte Volksweise „Lebt denn der alte Holzmichl noch?“ diese Variation in den Sinn: „Gibt’s denn den alten Sprungkasten noch?“ Diesen Dinosaurier aus Schulsport-Tagen. 6. Stunde, sechsteilige Nadelholzbarriere. Sommer, 30 Grad im Schatten. Und wieder mal beim Kastensprung abgeschmiert. Bella figura ging irgendwie anders.

Als ich zwei Stunden später in der Holzwerkstatt des Versandhändlers Sport-Thieme nach einem passenden Hintergrundmotiv für meine Gesprächspartner suche, steht die Antwort auf meine kleine sangliche Albernheit der Hinfahrt plötzlich vor mir: Ja, es gibt ihn natürlich noch – den Sprungkasten!

Starke Zahlen

Dieses Sportgerät ist wahrscheinlich eines der ältesten und unverzichtbarsten im Sortiment des Versandhändlers. 17.000 Artikel listet der knapp 700 Seiten starke Katalog, der vom Gewicht her locker für eine kleine Bizepsübung zwischendurch am Schreibtisch taugen würde. 150.000 Kunden, mehr als 160.000 Aufträge im Jahr, fünf Standorte in Deutschland, 50 Millionen Jahresumsatz.

Laut Marketingmann Christian Neumann (26) ist Sport-Thieme im Schul- und Vereinssport Deutschlands Marktführer. „Wir agieren weltweit, haben Vertriebspartner in 14 europäischen Ländern.“ Es gäbe noch etliche Zahlenkolonnen, die man hier notieren könnte, Fakten, die sich mehrteilig wie ein Sprungkasten aufbauen ließen. All dies lässt sich nachlesen auf der Homepage des Herstellers. Aber was ist das Besondere an Sport-Thieme, was unterscheidet den Versandhändler von anderen Sportartikelvertreibern?

„Sport-Thieme ist mein Leben“

Auf dem Weg zur Holzfertigung frage ich Hildegard Siemann (62), welchen Sport sie treibt. Die erzsympathische Frau, die schon während unseres Gesprächs oft und herrlich ansteckend in voller, warmer Alttonlage gelacht hat, strahlt mich an: „Ich brauchte nie Sport. Sport-Thieme ist mein Leben.“ In Grasleben geboren, seit 46 Jahren im Unternehmen, in zwei Jahren dann der Ruhestand.

Sie muss gar nicht sagen, dass sie gern bliebe. In vielen Firmen wird ja versucht, die Mitarbeiter zu einer Art Familienbund zusammenzuschweißen, Sport-Thieme musste man diesen Geist nicht einpflanzen. Es ist seit 1949 ein Familienunternehmen. Karl-Heinz Thieme zuckelte nach dem Krieg los, verkaufte Sprungseile und Bälle an die Vereine, knüpfte erste Kontakte. Netzwerk würde man das heute wohl nennen.

Schokolade zum Geburtstag, Massagen in den Pausen

Der erste Katalog war schwarz-weiß, „aber gar nicht mal so schlecht“, sagt Hildegard Siemann. Mittlerweile führen Maximilian Hohe und Katharina Thieme-Hohe die Geschäfte. Familiär ist es geblieben. Wer will, kann die Chefs duzen. Der Chef spielt donnerstags mit beim Betriebssportkick, zum Geburtstag gibt’s immer noch eine Tafel Schokolade und den Glückwunschhandschlag vom Chef. Das ist Tradition.

Und wie bei einer intakten Familie kümmert man sich um das Wohl der Mitarbeiter: Im Snoozleraum bieten zwei Massagesessel kostenlos lockernde Verschnaufpausen, ein Physiotherapeut sorgt ebenfalls kostenlos regelmäßig in der Firma für entspannende Momente. Für Mitarbeiterkinder gibt es in den Ferien eine Woche lang kostenlose Tagesbetreuung. Im vierteljährlich ausgerichteten Kulturcafé kann man zwanglos mit der Geschäftsleitung ins Gespräch kommen.

So eine familiäre Atmosphäre bleibt in einem Interview, auch wenn die Gesprächspartner noch so sehr verströmen, dass sie gern hier arbeiten, letztlich immer Behauptung. Deshalb noch mal ein paar Zahlen: Von mehr als 300 Mitarbeitern sind mehr als ein Drittel länger als zehn Jahre dabei, 25 Prozent haben bei Thieme gelernt.

Facettenreiche Ausbildung

So wie Nadine Masa (40). Die Personalentwicklerin ist seit 22 Jahren dabei, sie wird die Ausbildungsleitung von Hildegard Siemann übernehmen, die diesen Posten nun schon seit 30 Jahren bekleidet. Neben dem familiären Fundament liegt bei Thieme ein Augenmerk auch auf der Ausbildung. Die ist ebenso wie das gesamte Unternehmen nicht in den gestrengen Zeiten eines Turnvaters Jahn stehen geblieben, sondern modern, beweglich und weitgefächert aufgestellt. So beackern alle Auszubildenden (derzeit 26) während ihrer Lehrzeit über mehrere Monate ein Projekt.

Das Mailing – eine flotte Infopost für Kunden, die nicht nur Sportgeräte präsentiert, sondern eine kleine Geschichte des Sports auf Kontinenten erzählt – wurde sogar mit dem Hauptpreis des Marketing-Clubs Braunschweig ausgezeichnet. „Die Azubis sprechen immer noch davon“, sagt Masa. Vielleicht auch deshalb, weil dieses Projekt kein reines Lehrstück, also letztlich für den Papierkorb, gewesen ist, sondern tatsächlich tausendfach an die Kunden versandt worden ist. Das zeugt von Vertrauen und Wertschätzung.

Sportlich, sportlich: Training für Auszubildende

Dass die Jugendlichen einmal wöchentlich kostenlosen Sportunterricht vom Experten erhalten, hat den schönen Nebeneffekt, dass sie die Produkte kennenlernen und in der Kundenberatung sicherer werden. Die Azubis sind ebenso in die Sport-Akademie eingebunden. Das ist gewissermaßen Fortbildung auf Rädern. Sport-Thieme tourt dann durch Deutschland, schlägt in verschiedenen Städten seine Zelte auf und bildet hauptsächlich Sportlehrer, Übungsleiter, Physiotherapeuten an neuesten Geräten fort. Dabei zu assistieren, ist für Auszubildende natürlich nicht nur lehr- sondern auch abwechslungsreich.

Weil Grasleben ja nun wahrlich nicht der Nabel der Welt ist, sieht man auch zu, dass die Azubis flügge werden: Künftige Groß- und Außenhandelskaufleute werden während eines dreiwöchigen fachfremden Praktikums zum Beispiel im Zoo oder einer Arztpraxis in England nicht nur in der Sprache fit, sondern kehren auch selbstbewusster heim.

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