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Glocken aus zweiter Hand: ein Fall für den Campanologen

  • Datum: 18. April 2019
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 (Bildrechte: Sebastian Wamsiedler)
Foto von Martina Zingler
Martina Zingler
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Die Glocken von St. Matthäus stehen still. Seit 2016 wird die evangelische Kirche in Salzgitter-Lebenstedt nicht mehr für liturgische Zwecke genutzt. Nach der Säkularisierung wurde das Inventar verkauft, die Orgel ist nun in einer Gemeinde in Polen im Einsatz. Nur die Glocken blieben. Das Schicksal des dreistimmigen Geläutes ist ungewiss.

Fälle wie dieser rufen die Experten von der Glockenbörse auf den Plan. Sebastian Wamsiedler aus Salzgitter und sein Kompagnon Matthias Braun, beide freiberufliche geprüfte Glockensachverständige, haben sich der Aufgabe verschrieben, für Glocken aus säkularisierten Kirchen eine neue Nutzungsstätte zu finden. Die beiden kannten sich schon seit Jahren, denn Deutschlands „Glockenszene“ ist recht überschaubar. Unabhängig voneinander bewegte sie die Frage, was in Zeiten schrumpfender Kirchengemeinden und der damit einhergehenden Schließung von Kirchengebäuden mit den übrig gebliebenen Glocken geschehen solle.

Das Einschmelzen der wertvollen Instrumente konnte nicht die einzige Option sein. Also gründeten Wamsiedler und Braun im Jahr 2015 die Glockenbörse. Über ihre Webseite und dank ihrer nationalen und internationalen Kontakte, helfen sie heute aktiv bei der Vermittlung von Kirchenglocken aller Art. Was Kirchengemeinden oft gar nicht selbst leisten können – die schwierige Suche nach einer neuen musikalisch und architektonisch passenden Verwendungsmöglichkeit ihrer Glocken – die Experten von der Glockenbörse bieten ihnen dafür quasi einen Rundum-Service.

Makler für gebrauchte Kirchenglocken

Sebastian Wamsiedler operiert vom heimischen Salzgitter aus. In Fällen wie der Matthäuskirche wenden sich entweder die Gemeinden direkt an die Glockenbörse, oder die Sachverständigen hören von Kirchen, die geschlossen werden sollen und bieten ihre Hilfe an. Vor Ort ermittelt Wamsiedler die technischen und musikalischen Daten der Glockenanlage, zu der nicht nur das Instrument selbst gehört, sondern auch Aufhängung, Klöppel und Technik. Aufgrund dieser Bestandsaufnahme kann Wamsiedler den Wert der Anlage ermitteln und ein individuelles Verkaufsexposé erstellen – ganz ähnlich wie ein Immobilienmakler.

Wenn die Gemeinde nach Zustimmung der kirchlichen Behörde den Vermittlungsauftrag erteilt hat, geht die Suche los: Wamsiedler aktiviert sein Netzwerk aus nationalen und internationalen Akteuren, denen der Erhalt der Glockenkultur am Herzen liegt, und durchforstet die eigene Datenbank von Kaufinteressenten.

Internationale Märkte

Doch wer kauft überhaupt gebrauchte Kirchenglocken, wenn die Entwicklung doch eher rückläufig ist? „Hin und wieder muss ein Geläut ausgetauscht werden, weil es zum Beispiel aus mangelhaftem Material hergestellt oder einfach klanglich nicht gut ist“, weiß der Experte. „Oder die Gemeinde möchte eine Lücke schließen, etwa wenn die Glocken zu Kriegszeiten eingeschmolzen und bisher nicht ersetzt wurden.“ Der größere Markt liegt allerdings außerhalb von Deutschland. Gerade in Osteuropa sind preiswerte, gebrauchte Geläute äußerst gefragt. Aber auch nach Südeuropa, in die Benelux-Staaten und in den hohen Norden nach Finnland und Island haben die Experten von der Glockenbörse schon verkauft. Besonders spannend fand Wamsiedler die Vermittlung in afrikanische Länder wie Ghana und Tansania im Rahmen von Missionsprojekten.

Ist der Käufer erst einmal gefunden, ist die Hauptarbeit der Glockenbörse getan. Dennoch gibt es auch in der Nachbereitung noch Herausforderungen zu meistern. Wamsiedler berichtet von einem Fall, in dem ein kompletter Glockenturm vermittelt und somit auch versetzt werden musste. Umso mehr freut er sich, wenn er später noch einmal von den vermittelten Glocken hört, wie etwa im Fall der Stiftskirche in Steterburg, deren Geläut in die Ukraine geliefert wurde. Die Kommunikation mit den Käufern ging auch nach dem Abschluss des Projektes weiter, sodass sich Wamsiedler über Fotos von den Glocken am neuen Einsatzort freuen konnte.

Unterwegs als Glockensachverständiger

Die Vermittlung von gebrauchten Kirchenglocken bildet aber nur einen Teil von Wamsiedlers Tätigkeit. Als gelernter Campanologe (Glockenkundler) deckt seine Arbeit auch Beratungen in sämtlichen Glockenfragen für Kirchengemeinden, Landeskirchen und Bistümer ab. Aber auch für Denkmalämter sowie Institutionen, die sich mit der musikalischen, historischen, kunsthistorischen und technischen Erforschung von Glocken und Geläuten beschäftigen. Wamsiedler nennt eine umfangreiche Sammlung von Tondokumenten verschiedenster Geläute sowie Datenbanken mit Geläutedaten aus dem In- und Ausland sein eigen. Sie dienen ihm zu Forschungs- und Vergleichszwecken.

Gerade wurde Wamsiedler als Experte von der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Braunschweig hinzugezogen. Die Klangabstrahlung ihrer Glocken ist nicht optimal und zu laut. Erste Untersuchungen haben ergeben, dass die Grundkonstruktion und der Baustoff Beton des in den 1970er-Jahren errichteten Glockenturms den Klang negativ beeinflussen. Nun ist es an Wamsiedler, Veränderungen zu ermitteln, die zu einem besseren Klangbild des Geläutes führen. „Da gibt es viele Möglichkeiten, wie zum Beispiel etwas an den Klöppeln zu verändern, die Proportionen, die Größen- und Massenverhältnisse oder die Läutewinkel, aber auch konkrete Veränderungen am Glockenturm durchzuführen, wie die Umarbeitung von Schalljalousien zur Lenkung der Schallabstrahlung.“ Wichtig sei zu wissen, welche Maßnahmen in welcher Reihenfolge für die individuellen Gegebenheiten sinnvoll sind und welche Auswirkungen diese haben.

Neben dem Klang können aber auch technische Mängel der Glockenanlage, Sicherheitsanforderungen, Sanierungsmaßnahmen oder denkmalpflegerische Aspekte die Arbeit eines Glockensachverständigen erfordern. Wamsiedlers Leidenschaft für das ungewöhnliche Instrument geht sogar noch ein Stück weiter.

Lobbyist für die Glocken

Er gründete mit dem Forum Campanologie nicht nur eine Möglichkeit zum Austausch und zur Diskussion für Glockensachverständige, Glockengießer und Glockenfreunde im Allgemeinen, die Mitglieder treffen sich auch, um Geläute zu besichtigen und sich fachlich darüber auszutauschen. Wamsiedler führt außerdem Fachtagungen durch und hält Vorträge. Aktuell in seinem Terminkalender: ein Glockenseminar in Königslutter am 18. Mai 2019. Seminare dieser Art führt er mehrmals im Jahr mit verschiedenen Trägern durch. Anmelden kann sich jeder, der sich für das Thema interessiert. „So ein Glockenseminar ist ein Mix aus Theorie und Praxis. Die Teilnehmer erfahren nicht nur unheimlich viel über Glocken, wir gehen auch auf einen Glockenturm und lassen die Glocken mal läuten“, verspricht der Glockenfreund.

Die Glocken der Stiftskirche Steterburg haben einen neuen Einsatzort in der Ukraine gefunden. (Foto: Sebastian Wamsiedler)
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