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5 Minuten können Leben retten - Die Corona-App aus Gifhorn

  • Datum: 23. April 2020
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Portraitbild von Professor Dietmar Urbach aus Gifhorn im weißen Arztkittel. (Bildrechte: Helios Klinikum Gifhorn)
Foto von Susanne Jasper
Susanne Jasper
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„Covid-Nein-Danke". So heißt die App, die ein Mediziner aus Gifhorn gemeinsam mit einem Magdeburger Ingenieur entwickelt hat. Es geht darum, das Corona-Virus mithilfe von Daten aus der Bevölkerung besser zu verstehen, die Erforschung der Krankheit voranzutreiben und so den gesundheitlichen Schaden zu minimieren. 4000 Menschen haben dazu in den letzten zwei Wochen einen Fragebogen ausgefüllt. Es dauert nur fünf Minuten! Und doch leistet jeder Teilnehmer mit diesem geringen Zeitaufwand einen entscheidenden Beitrag für die Forschung.

In normalen Zeiten beschäftigt sich Professor Dr. Dietmar Urbach neben dem OP-Alltag mit Schwerpunkt künstlicher Gelenkersatz und Schulterchirurgie auch mit der Erforschung von Gelenkserkrankungen. Das ist sein Forschungsnukleus. Doch was ist schon normal in diesen Tagen.

Ebenso wie viele Ärzte und Wissenschaftler treibt auch Urbach die Frage um, wieso manche Menschen an Covid-19 schwer und sogar tödlich erkranken und andere einen vergleichsweise milden Verlauf der Krankheit durchleben. „Noch vor vier Wochen gab es zudem ganz unterschiedliche Aussagen, warum auch die einzelnen Länder so verschieden heftig vom Corona-Virus betroffen sind“, erläutert Urbach im Telefoninterview sein grundsätzliches Interesse an wissenschaftlichen Fragestellungen. Diese Fragen ließen den Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie im Helios Klinikum Gifhorn nicht mehr ruhen, er wollte einen Beitrag zur Erforschung der Krankheit leisten.

Bundesweit kann jeder mitmachen

Gemeinsam mit Ingenieur Sven Leiß von der Uni Magdeburg entwickelte er zügig einen Fragebogen. Zu welcher Altersklasse gehören Sie? Zeigen Sie Symptome auf? Haben Sie Vorerkrankungen? – All das sind Fragen, die mithilfe der Umfrage ausgewertet und für Forschungszwecke genutzt werden sollen. Dabei spielt es, so Urbach, keine Rolle, ob man sich infiziert hat oder nicht. „Mitmachen kann jeder im gesamten Bundesgebiet. Aufgrund der Eingabe der Postleitzahl können wir in der Auswertung auch wertvolle regionale Rückschlüsse ziehen.“ Eine erste Auswertung liegt vor, nachdem die App am 6. April im Landkreis Gifhorn als Pilotprojekt an den Start gegangen ist. Daraus geht hervor, dass es keinen Anstieg von klassischen Symptomen, beispielsweise trockenem Husten, gibt. Die Zahlen seien eher leicht rückläufig. „Das passt ja auch zu der derzeitigen häuslichen Isolation, in der wir alle leben, und den Kontaktsperren“, so Urbach.   

Haben Medikamente Einfluss?

Dies sei selbstverständlich erst ein Anfang, so Urbach. „Wir lernen ja alle täglich dazu, es gibt ja noch nichts.“ Mithilfe der App soll das Wissen gewonnen werden, ob bestimmte Medikamente einen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung haben, ob bestimmte Impfungen schützend wirken. Außerdem ermöglicht die regionale Eingrenzung den Kliniken, sich entsprechend auf die Versorgung der Bevölkerung vorzubereiten. Sollte die Symptomatik beispielsweise wieder ansteigen, können sich Klinken rechtzeitig und gezielt auf vermehrtes Patientenaufkommen einstellen.

Ein Screenshot der Corona-App aus Gifhorn.
Ein Screenshot der Corona-App. Jeder kann an der kurzen, anonymen Befragung teilnehmen. (Foto: Prof. Dietmar Urbach)

Es darf keinen OP-Stau geben

Die Auswertung der Daten soll in Kooperation mit der Otto-von-Guericke-Universität erfolgen, so Urbach, der in Magdeburg als externer Hochschullehrer das Fach Orthopädie lehrt. Unterstützt wurden Urbach und Leiß zudem von der Stadt und der Presse. „Und natürlich vom Helios Klinikum Gifhorn.“ Für die Entwicklung der App habe er „Arbeitszeitkapazität“ von seinem  Arbeitgeber bekommen. „Elektive Behandlungen sind ja derzeit ausgesetzt, somit sind Kapazitäten frei.“ Gut für die App, aber auch für die Patienten mit Leidensdruck in Knie oder Schulter? „Auf Dauer geht das nicht!“ so Urbach. Elektive, also nicht notfallmäßige Operationen, sind ja deshalb nicht unnötig. Wer auf ein künstliches  Kniegelenk wartet oder eine Schultergelenkserkrankung hat, leidet ja weiter. „Diese Behandlungen müssen wieder hoch gefahren werden, sonst stauen sie sich irgendwann ins nicht Vertretbare.“