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Organisierte Frauenpower – für Gerechtigkeit kämpfen, Realitäten verändern

  • Datum: 16. Juni 2020
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Zwei dunkel gekleidete Frauen stehen nebeneinander. (Bildrechte: IG Metall)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
Alle Beiträge (32)

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Das habe ich während meiner Ausbildung gelernt. Am Morgen dieses Tages schenkten Gewerkschaftsvertreter jeder Frau, die das Werkstor passierte, eine rote Nelke. Ich erinnere mich, dass ich mich den ganzen Tag über die Blume auf dem Schreibtisch gefreut habe.

Heute treffe ich zwei Frauen, die sich nicht nur am 8. März dafür stark machen, dass es den Frauen gut geht. In der Zentrale der IG Metall Wolfsburg bin ich mit Sandra Bollen und Martina Schwarz verabredet. Martina Schwarz ist Vorsitzende des Ortsfrauenausschusses, einem ehrenamtlichen Gremium mit 15 Mitgliedern. Sandra Bollen ist zuständig für die gewerkschaftliche Frauenarbeit der IG Metall Wolfsburg und gewissermaßen das hauptamtliche Pendent.

Der Ortsfrauenausschuss, kurz OFA, ist einer der aktiven Ausschüsse der IG Metall auf Ortsebene. Neben dem OFA wirken in Wolfsburg weitere Ausschüsse wie beispielsweise der Ortsjugendausschuss und der Ortsmigrationsausschuss. Daneben gibt es diverse Arbeitskreise, Arbeitsgruppen und Foren für die unterschiedlichsten Interessengruppen. Die Mitglieder des Ortsfrauenausschusses kommen aus insgesamt sechs Betrieben in Wolfsburg und der Umgebung.

Zwei Frauen an einem Stehtisch
Sandra Bollen und Martina Schwarz von der IG Metall setzen sich für Chancengleichheit und Gleichberechtigung von Frauen ein. (Foto: Beate Ziehres)
Mit Abstand solidarisch

Chancengleichheit und Gleichberechtigung voranbringen

Ich schätze mich glücklich, Martina Schwarz und Sandra Bollen persönlich zum Gespräch zu treffen. Die Besprechungsräume sind in Krisenzeiten größer geworden, die Slots für Termine dafür knapper. Die beiden Frauen sind beschäftigt in diesen Tagen, sie eilen von Meeting zu Meeting.

„Wir arbeiten daran, die Chancengleichheit und die Gleichberechtigung weiter voranzutreiben. Gerade in der aktuellen Situation ist es wichtig, dass wir weitere Unterstützung fordern. Das kann auf betrieblicher Ebene geschehen, beispielsweise durch flexible Arbeitszeitmodelle“, sagt Sandra Bollen. Ziel ist es, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern.

Als Gewerkschaft ist die IG Metall aber auch auf politischer Ebene aktiv, um von dieser Seite Unterstützung für die Frauen einzufordern. „Ein Ausbau der Kinderbetreuung ist dabei ein wichtiger Schritt. Schließlich geht es um verbesserte Rahmenbedingungen für Eltern, die ihre Kinder betreuen“, so Bollen.

Eine blonde Frau sitzt vor einem hellen Laptop in Wolfsburg.
Sandra Bollen ist zuständig für die gewerkschaftliche Frauenarbeit der IG Metall Wolfsburg. (Foto: Beate Ziehres)

Herzensthema: Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Martina Schwarz unterstreicht: „Mit dem Irrglauben, im Home Office sei mit Leichtigkeit Arbeit, Familie und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen, muss aufgeräumt werden. Nur weil ich theoretisch meinen Job auch von zuhause aus erledigen kann, heißt es nicht, dass ich mich gleichzeitig um einen Dreijährigen oder vielleicht um eine pflegebedürftige Person kümmern kann.“

Schnell merke ich: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für Martina Schwarz ein Herzensthema. Beim Gewerkschaftstag der IG Metall 2019 sprach Schwarz vor hochrangigen Funktionären und Delegierten aus dem ganzen Bundesgebiet zu dieser Forderung. Die Gewerkschaftsfrauen brachten einen Antrag ein, in dem es um die Verbesserung der Situation junger Eltern und der Kinderbetreuung durch rechtliche Unterstützung ging. Der Antrag wurde vom höchsten beschlussfassenden Gremium der IG Metall zwar noch nicht angenommen. „Wir haben aber trotzdem etwas bewirkt. Der Impuls, den wir mit dem Antrag gesetzt haben, und die Diskussionen, die daraus entstanden sind, haben dazu geführt, dass dieses Thema jetzt sehr viel präsenter ist“, hat Martina Schwarz festgestellt. Immer wieder werde seitdem Kinderbetreuung in Veröffentlichungen der IG Metall in den Mittelpunkt gestellt.

Eine Frau in gelbem Pullover sitzt hinter einem Tisch.
Martina Schwarz ist Vorsitzende des Ortsfrauenausschusses der IG Metall Wolfsburg. (Foto: Beate Ziehres)

Gleichberechtigung beginnt zuhause

Ich erfahre, dass die Vorsitzende des Ortsfrauenausschusses ihre berufliche Entwicklung im Volkswagenwerk auch ihrem Mann zu verdanken hat. Der jüngere ihrer beiden Söhne wurde geboren, als Martina Schwarz nach dem Studium gerade wieder in den Beruf eingestiegen war. „Mein Mann ist damals ganz selbstverständlich in Elternzeit gegangen, weil ich die bessere Position und das bessere Einkommen hatte.“

Noch heute kocht im Hause Schwarz der Mann und auch beim Thema Wäsche haben sich die Eltern inzwischen erwachsener Söhne längst geeinigt. „Wenn man zuhause keine Unterstützung bekommt, hemmt das die Entwicklung im Job. Ich konnte durch den wirklich partnerschaftlichen Rückhalt den beruflichen Anforderungen gerecht werden und habe mich dort auch entsprechend entwickelt. Ich weiß aber, dass es bei vielen Frauen ganz anders aussieht“, sagt Martina Schwarz.

Nun möchte ich aber doch wissen, wie man Vorsitzende des Ortsfrauenausschusses wird. Martina Schwarz schmunzelt und berichtet, dass sie heute hauptamtliches Betriebsratsmitglied bei Volkswagen ist. Sie war Jugendvertreterin, später Vertrauensfrau und blickt so auf den typischen Werdegang eines Betriebsratsmitglieds zurück – Gewerkschaftsurgestein also. Im Betriebsrat ist sie für den Bereich Technische Entwicklung zuständig, sie arbeitet bei Volkswagen im sogenannten Gleichstellungsausschuss mit und ist schon länger Mitglied des Ortsfrauenausschusses.

„Wenn man zuhause keine Unterstützung bekommt, hemmt das die Entwicklung im Job."

Martina Schwarz
Von Gründerin bis Führungskraft

Frauenbildungswoche erfolgreich etabliert

Mit der Wahl zur Ausschussvorsitzenden durch die 15 Ausschussmitglieder Mitte 2018 ist noch einmal ein ganzes Bündel von Aufgaben hinzugekommen. Sie wurde Mitglied des Leitungskollektivs des IGM-Bezirks Niedersachsen/Sachsen-Anhalt und ist auch im Bundesfrauenausschuss. Daneben schafft sie es, gemeinsam mit ihren Ausschusskolleginnen in Wolfsburg inhaltliche Schwerpunkte zu positionieren.

Ein gemeinsames Herzensprojekt der Frauen ist die erste Frauenbildungswoche der IG Metall Wolfsburg, die im vergangenen Jahr stattgefunden hat. „Wir haben zeitgleich fünf Bildungsurlaube in einem Seminarhotel in Halberstadt angeboten. 100 Frauen haben mitgemacht, auch Frauen, die bisher eher stille Mitglieder waren“, berichtet Martina Schwarz. Die Themen reichten von „Spagat ist meine Sportart – zwischen Privatem und Beruf“ über „Weil ich es wert bin und weil ich es kann – Selbstmarketing und Strategien“ bis hin zu „Let’s burn?! Umgang mit Stress“.

Unter dem Motto „Ein Weg entsteht, wenn Frau ihn geht“ schauten die Teilnehmerinnen der Frauenbildungswoche über den Tellerrand, lernten Halberstadt kennen und feierten. „Wir haben die Energie der 100 Frauen gebündelt auf den Punkt gebracht, das war ein Riesenerfolg“, erinnert sich Martina Schwarz gerne zurück. Auch das Feedback der Teilnehmerinnen fiel durchweg sehr positiv aus. „Einige haben sich gezielt zurückgemeldet und sich bedankt, denn sie haben sich nach dieser Woche getraut, Dinge einzufordern, die ihnen zustehen. Und sie hatten Erfolg damit!“, freut sich Schwarz.

Zwei dunkel gekleidete Frauen stehen nebeneinander.
Martina Schwarz und Sandra Bollen haben die gleichen Ziele. "Wir brauchen verbesserte Rahmenbedingungen für Eltern", sagt letztere. (Foto: IG Metall)

Nächste Auflage der Frauenbildungswoche mit neuen Themen

Schon schmieden Sandra Bollen und Martina Schwarz Pläne für die nächste Frauenbildungswoche, die 2021 stattfinden soll – mit leicht abgeändertem Programm, aber am gleichen Ort. „Wir nehmen den Umgang mit Social Media als Thema mit auf. Außerdem planen wir ein Seminar zu „Let’s vote“. Bei Wahlen jeder Couleur spielt ja eine ganz entscheidende Rolle, wie Frauen ihre Interessen weiterbringen und vor allem, dass sie sich auch selbst wählen lassen“, sagt Sandra Bollen.

Zurück zum 8. März, dem Internationalen Frauentag. Für die Gewerkschaftsfrauen ist dieser Tag ein Standardtermin, sagen sie. Doch es gibt weitere Tage, an denen der Ortsfrauenausschuss der IG Metall Wolfsburg auf die unterschiedlichste Weise aktiv wird. Dazu zählt beispielsweise der Equal Pay Day als internationaler Aktionstag für die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Auch am Tag der betrieblichen Entgeltgleichheit wird alljährlich auf die Diskriminierung von Frauen bei Lohn und Gehalt aufmerksam gemacht. Am Tag gegen Gewalt an Mädchen und Frauen, der 2019 in Wolfsburg erstmals mit vielen Aktionen unter dem Slogan „Orange the City“ begangen wurde, hat sich die IG Metall ebenfalls beteiligt. „Wir nehmen solche Themen natürlich auf und begleiten sie, denn sie betreffen unsere Kolleginnen und Kollegen“, sagt Martina Schwarz.