Zum Inhalt springen

Stadionfunk Eintracht Braunschweig: Deutscher Meister von 1911 zu stark

  • Datum: 3. August 2021
  • Kommentare: 0
Zwei Fußballmannschaften vor dem Anpfiff im Stadion.  (Bildrechte: Kay Rohn)
Foto von Kay Rohn und Malte Schumacher
Kay Rohn und Malte Schumacher
Alle Beiträge (46)

Am Sonntag war der FC Viktoria Berlin zu Gast im Eintracht-Stadion, vor 110 Jahren deutscher Meister. Aber was ist schon eine Heimniederlage gegen die persönliche Bewirtung durch einen Ex-DFB-Präsidenten in seinem Weingut? Malte Schumacher und Kay Rohn berichten.

Malte Schumacher:

Spieltage und Urlaubstage

„Du verpasst Heimspiele für Urlaub??“ fragt mich Michel am Mittwoch via Facebook nicht ohne Empörung, als er sich mit mir verabreden will auf ein Bier nach dem Spiel. Was soll ich machen – die Hochzeits-Feier unseres Freundes Martin wurde bereits zweimal verschoben, und nun wird sie am Freitag in der Nähe von Freiburg endlich steigen.

Gebucht habe ich das alles, als wir noch Zweitligist waren… Als ich noch an die Relegation dachte, sogar an den direkten Klassenerhalt…

 

Gibt´s das? Ein Eintracht-Fan im tiefen Süden

Egal jetzt – am Sonntagmittag geht der ICE zurück nach Braunschweig, und „WiFionICE“ sowie die MagentaSport-App werden mich live dabei sein lassen gegen Viktoria Berlin. Und vorher wird einfach nur gechillt in Vogtsburg-Oberrotweil.

Am Mittwoch Abend sitzen wir in diesem Sinne vor dem Gasthaus „Zum Bären“ und trinken den ersten Kurz-Urlaubs-Rosé – da kommt einer im Eintracht-Trikot auf die Gäste-Terrasse spaziert. Ich denke, mich tritt ein Pferd.

Jens heißt er, ist mit seiner Herzdame schon einige Tage hier und bleibt auch noch länger. Neben ein paar Hinweisen für den Kaiserstuhl gibt er mir auch seinen Spieltags-Tipp mit auf den Weg: „3:1 für uns“.

 

Vom DFB-Präsidenten bewirtet

Auf der Hochzeits-Feier am Freitag habe ich dann die nächsten Erlebnisse aus der Abteilung „Geschichten, die nur der Fußball schreibt“. Wir feiern in der „Keller-Wirtschaft“ im Weingut Franz Keller - und die wird betrieben von Fritz Keller, dem ehemaligen Präsidenten des SC Freiburg (und vom DFB…). Fußball liegt hier also in der Luft.

Der Fritz flitzt dann auch tatsächlich persönlich herum und kümmert sich sehr nett um das Wohl seiner Gäste – ich verschone ihn aber mit der Frage nach einem Spieltags-Tipp - anders als einige der Gäste, die ebenso wie mein alter Freund Martin teilweise tief drin stecken im Thema Fußball…

Zwei Männer, einer im blauen und einer im weißen Hemd.
Überraschende Begegnung: Der Aufsichtsratsvorsitzende und der Fan. (Foto: Malte Schumacher)

Marc ist ein Viktoria-Berliner

Irgendwann plaudere ich dann auch mit Marc, einem von Martins Geschäftspartnern. „Ach, Du bist aus Braunschweig – bei Euch spielen wir ja am Sonntag…“.

Ich bin baff – Marc ist seit November 2020 Aufsichtsratsvorsitzender beim FC Viktoria 1889 Berlin Lichterfelde-Tempelhof e.V.. Und vor mehr als 110 Jahren waren die sogar schon mal deutscher Meister und Vizemeister. Für mich ein komplett unbeschriebenes Blatt, dieser Aufsteiger.

Und Dein Spieltags-Tipp, Marc? „1:1 – und das wäre ein Riesending für uns. Am ersten Spieltag hatten wir Glück, Viktoria Köln hat uns unterschätzt – das wird uns in Braunschweig sicherlich nicht nochmal passieren…“.

 

1500 Kilometer Abstand

Sonntag Vormittag, Matchday – der ICE startet um 13.30 Uhr in Offenburg. Zuvor noch ein Corona-Test – und ein Bummel durch die Innenstadt. Komisch, wie schon bei Fritz Kellers Wirtschaft in Vogtsburg muss auch hier irgendjemand mal Fanclub-Aufkleber von uns geklebt haben… Seit 13.00 Uhr chatten wir in der Fanclub-WhatsApp-Gruppe über die Aufstellung (Kiwi für Schlüter, der Rest wie gegen Lautern) und das Wetter – daheim gießt es wohl in Strömen.

Inga und ich teilen unsere momentanen Standorte – Inga gewinnt mit über 1.500 Kilometer Stadion-Entfernung. Dieter schickt ein Bild aus dem Stadion – immerhin zu fünft sind sie in unserem Block 6, und am Bildrand kann ich auch Angela und Mex erkennen.

„WiFionICE“? Vergiss‘ es…

Als ich meinen Koffer mit dem Eintracht-Aufkleber in die Gepäckablage wuchte, sagt der junge Mann vor mir: „Oh, ein Braunschweiger – gegen Euch haben wir gespielt letzte Woche“ – ein Lauterer also. Lustig, wie klein die Welt ist – und wie verbindend der Fußball.

Apropos Verbindung: Der ICE ist voller als ich am Freitag, und das „WiFionICE“ entsprechend unzureichend. Ich werde also nervös. Den Anpfiff bekomme ich mit, dann friert das Bild ein.

Also „WiFionICE“ ignorieren, mein Datenvolumen sollte das aushalten. Als ich wieder drin bin, fällt das 0:1 – durch Cigerci, der völlig frei mitten in unserem Strafraum einnicken kann. Unsere Abwehr sieht unterirdisch aus dabei. Schultz, Nikolaou und Wiebe – alle sind irgendwie beteiligt, aber leider auch irgendwie gar nicht.

 

Warum spielt Brian Behrendt eigentlich nicht?

Ich mag das Thema „frühe Gegentore“ ja überhaupt nicht mehr leiden. Sofort fange ich an zu grübeln, warum Brian Behrendt nicht spielt in der Innenverteidigung – ich persönlich habe aus der letzten Saison gelernt, dass Nikolaou kein Innenverteidiger ist, sondern ein starker Sechser. Aber das kann der neue Trainer Michael Schiele ja noch nicht wissen… Oder ist es so, wie mir Kollege Felix von der Main Post zum neuen Trainer schrieb: „Mit großen Namen kann er es nicht“ – hat Schiele ein Problem mit Behrendt? Ich hoffe nicht. In diesem Moment verliert Proschwitz ohne große Gegenwehr den Ball an der Mittellinie, Viktoria kontert schnell über links, in der Box sind drei von uns und ein Cigerci – 0:2 nach 31 Minuten.

 

Ist Alkohol eine Lösung?

Boah, ich bin bedient. Eingepfercht in einen übervollen ICE, der langsam aber stetig Verspätung aufbaut, leichtes Kopfweh noch von der Feierei – und auf dem Smartphone so ein schlechtes Spiel. Ich frage die Mädels und Jungs im Stadion via WhatsApp, ob sie wenigstens längst besoffen sind – Jens und Micha antworten: „Wir arbeiten daran. Mehr bleibt ja nicht.“ Fatalismus überall.

Kann die Mannschaft das noch drehen? Und wie ist wohl die Stimmung im Stadion – davon kommt hier bei mir nichts an. Vielleicht ganz gut – „Vollmann raus“-Rufe gibt’s bestimmt längst. Über die Fanbetreuung erreicht mich ein Bild von Block 6 mit unserer Fanclub-Fahne – ich weiß nicht, ob ich mich grämen soll, nicht dabei sein zu können….

 

Das war’s dann wohl…

Nach einer Stunde fällt dann das 0:3, und ich habe keine Lust mehr. Viktoria Berlin ist deutlich handlungsschneller als die Eintracht. Die praktizieren Umschalt-Fußball (in beide Richtungen, offensiv wie defensiv) wie aus dem Lehrbuch. Und wir praktizieren gar nichts.

Ich schaue nur noch sporadisch auf das Smartphone, lieber raus in die vorbeifliegende Landschaft. 0:4 in der 68. Minute – das kannst Du doch keinem erzählen. Absteiger zuhause gegen Aufsteiger – und dann so eine lustlose und erbärmliche Vorstellung? Schlusspfiff, ich bin erlöst. Vergessen ist angesagt, und verarbeiten. Das nächste Spiel? In einer Woche, zuhause im DFB-Pokal gegen den HSV. Ich bin an jenem Abend im ersten Teil unseres Sommerurlaubs in Sindringen, im Hotel „Die Krone am Fluss“. Ob die da ein stabiles WLAN haben, ist mir gerade sowas von Latte….

Die Analyse (Kay Rohn):

Neue Besen… kehren gut?

Ich stehe voll und ganz hinter den Entscheidungen zu Trainerteam und Kader: Mit Dennis Kruppke und Peter Vollmann haben wir im Bereich sportlicher Leitung einen wichtigen nächsten Schritt gemacht. Dennis bringt die Professionalität eines herausragenden Braunschweiger Erstligaspielers mit und Peter Vollmann verfügt über ein sehr gutes Netzwerk im deutschen Fußball.

Auch Marc Pfitzner ist nun Teil des Trainerteams. Endlich hat es geklappt, Braunschweiger Identifikationsfiguren im Verein zu etablieren.

Am Sonntag wurde er im Stadion durch Präsident Christoph Bratmann als Spieler verabschiedet und gleichzeitig wieder eingestellt. Auch dies wieder ein Stück gute Vereinskultur, verdienten Spielern zu danken.

Pfitze bedankte sich, während er im gleichen Atemzug das Publikum aufforderte „Alarm“ zu machen und die Mannschaft zu unterstützen. Pfitze, sehr schön, dass Du weiter zur Eintracht gehörst.

Big City Club Nr. 3

Das große “V” im Logo von Viktoria Berlin verspricht einen Auftritt mit breitem Kreuz. Am ersten Spieltag wurde die andere Viktoria aus Köln mit 2:1 nach Hause geschickt. Der Verein hat eine lange und eine kurze Geschichte. 2013 fusionierten der FC Viktoria 1889 Berlin und der Lichterfelder FC Berlin zu Viktoria 1889 Berlin. Ein chinesischer Investor stieg 2018 mit hohen Beträgen ein, beendete aber ein halbes Jahr später das Engagement wieder.

Noch in der Insolvenz findet Viktoria Berlin einen neuen Sponsor: die SEH Sports und Entertainment Holding, die nun 49 Prozent der Stimmanteile hält.

Es heißt, laut Wikipedia habe Viktoria mit 1.200 Mitgliedern die größte Jugendabteilung aller Fußballvereine. Vielleicht kann sich der Verein ja zum dritten „Big City Club“, in Berlin entwickeln. 

Schlag ins Gesicht

90 Minuten, vier Gegentore, ein gebrauchter Sonntag; war das der Schlag ins Gesicht zur richtigen Zeit?

Alle hatten sich gefreut. Glückliche Gesichter vor der Wahren Liebe, erfreutes Hallo auf den Rängen.

Vor dem Spiel ging noch ein starker Schauer nieder, aber Sonne gab es zum Anpfiff. Ein Bilderbuchsonntag. Die Vorfreude dauerte allerdings nur fünf Minuten, die Berliner führten früh 0:1. Aus unserem Team ragten als einzige Bryan Henning (der auch schon in Kaiserslautern sehr gut spielte) und Jasim Fejzic heraus. Im Mittelfeld klaffte ein großes Loch, der Sturm war harmlos und vor allem die Abwehr hatte einen rabenschwarzen Tag.

Aufgrund der Trainingsleistungen saß Brian Behrendt auf der Bank und kam erst in der 71. Minute für Danilo Wiebe aufs Feld. Diese Maßnahme gab der Abwehr zumindest in den letzten zwanzig Minuten Sicherheit. Auch der Spielaufbau lief ab da meist über Brian Behrend, der dafür auch die nötige Ruhe und Souveränität ausstrahlte. So sollte man diesen „Schlag ins Gesicht“ am Sonntagnachmittag als frühzeitigen Weckruf sehen. Wir sind mit diesem Spiel in der wahren dritten Liga angekommen. Wir sollten daraus lernen und schnell nachjustieren. Die Abwehr muss stabil sein und „kämpfen ohne Ende“.

 

Sind das Fans?

Fan - Ein weiter Begriff. Aber viele, die sich Fans nennen, verhielten sich nicht so, wie mein Verständnis von Fan ist. Die eigene Mannschaft mit Schmährufen und Pfiffen in der Halbzeit und nach Spielende zu begleiten, ist für mich einfach ein sehr schlechtes Benehmen. Leider setzt sich dieses Phänomen, die eigene Mannschaft und das Umfeld zu beleidigen und zu diskreditieren, auf den Social Media-Kanälen fort.

Ganz selten treffe ich auf fundierte Kommentare und sachliche Auseinandersetzung mit Verein, Mannschaft und Spielern. Schönwetterfans gibt’s überall. Der „12. Mann“ sollte genauso trainieren wie die Mannschaft und in besserer Form bei den nächsten Spielen wieder „Alarm machen“, wie Pfitze sagt.

 

Ein echter Führungsspieler

Da machte es Jasim Fejzic besser. Nach Spielende zeigte er wahre Größe. Er trommelte sein Team zusammen, holte einzelne Spieler von der Tartanbahn zurück aufs Feld und machte mit allen zusammen eine kleine Stadionrunde um sich bei den Zuschauern zu bedanken. Jasim ist Führungsspieler und mit Recht Kapitän. Ich bin gespannt, wer im nächsten Spiel die Binde trägt.