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Stadionfunk Eintracht Braunschweig: Hoffnungsschimmer, Mentalitäts-Monster und Löwenbräu

  • Datum: 10. August 2021
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Ein Regenbogen ist über dem Eintracht-Stadion zu sehen. (Bildrechte: Malte Schumacher)
Foto von Kay Rohn und Malte Schumacher
Kay Rohn und Malte Schumacher
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Am Sonntag war der Hamburger HSV zu Gast im Eintracht-Stadion. Malte Schumacher und Kay Rohn berichten über großartige Stimmung, eine überraschende wie logische Aufstellung und blicken positiv in Richtung Eintrachts Zukunft …

Malte Schumacher:

Schon wieder fern der Heimat

Wie schon im letzten Stadionfunk angekündigt — wir sind in Sindringen am Match-Day. Oberhalb des Nachbarortes Forchtenberg wandern wir über Mittag durch das Kupfertal, und ich habe Zeit, über das Pokalspiel heute nachzudenken. Die Klatsche gegen Berlin war heftig, nichts hat mir gefallen. Was soll das heute bloß werden? Der HSV wird uns auffressen… Zudem dann unter der Woche die Nachricht, dass Proschwitz geht. Nicht, dass ich an ihm festhalten wollte — aber wer wird denn nun ganz vorne spielen? Girth? Ohne echte Matchpraxis?

 

Blau-gelbe Zeichen

Auf unserer Wanderung treffen wir jede Menge Radwanderer — zwei davon in blau-gelben Trikots. Positive Zeichen? Ich nehme sie als solche. Um 17.00 Uhr dann Abendessen im „Die Krone am Fluss“, ein großartiges Kalbsragout und dazu „Haller Löwenbräu“ — noch ein Zeichen, und ich schöpfe langsam wieder Hoffnung.



Stabiles WLAN

Auf unserem Zimmer ist alles bereitet: Das IPad geladen, das WLAN wirkt stabil. Ganz andere Bedingungen also als neulich im ICE. Ich stelle meine Entfernung zum Stadion in den Fanclub-WhatsApp-Kanal und es rauschen Urlaubs-Bilder rein ohne Ende. Inga und Jens sind mit ihren Familien in Griechenland, Micha ist über 600 Kilometer weg, Sladdi hat keine Lust — Ralf ist alleine heute in Block 6, nur unsere Fahne begleitet ihn.

Junges Gemüse im Sturm

Die Aufstellung ist beides: überraschend und logisch. Behrendt spielt endlich von Beginn an in der Innenverteidigung, Nikolaou davor. Koby sitzt auf der Bank, Girth nicht mal das — er ist wohl verletzt. Und vorne in der Offensive setzt Michael Schiele auf eine ganze Menge sehr junges Gemüse. Hoffentlich geht das gut gegen den erfahrenen und gut besetzten großen HSV …


Krauße das Mentalitäts-Monster

Anpfiff — die Stimmung im Stadion ist schon mal großartig. Auch das war ja so schade gegen Berlin, die Stimmung kippte sehr schnell ins Negative. Heute sind immerhin etwas über 6.000 Besucher dabei, leider keine Gästefans. Und unsere Jungs machen ein richtig gutes Spiel, ich bin von den Socken. Klar, der gefühlte Bundesligisten HSV hat deutlich mehr Ballbesitz — aber wir halten dagegen und wir spielen vor allem Fußball. Müller macht Spaß, Henning sowieso, und Krauße scheint ein Mentalitäts-Monster zu sein. Geiler Typ.

Ein Regenbogen ist über dem Eintracht-Stadion zu sehen.
Beim Stand von 0:0 signalisiert ein Regenbogen Hoffnung. (Foto: Malte Schumacher)

VAR gibt‘s hier nicht

Beim 0:1 sieht Nikolaou etwas blöd aus — fällt, bekommt aber kein Foul, und verhilft so dem HSVler Gyamerah zu einem schönen Solo-Lauf in unserer Box um Jassi herum. Mist. Einen Video-Assistent-Referee sieht die erste Pokal-Runde nicht vor, da haben wir Lehrgeld zahlen müssen. Hoffentlich schießen die uns jetzt nicht ab, wie zweimal in der letzten Saison …


Ihorst trifft

Nein, danach sieht es nicht aus, ich habe weiterhin großen Spaß beim Zuschauen, gerade zum Ende der ersten Halbzeit sind wir stark. Trotzdem muss ich nun mal das „Haller Löwenbräu“ entsorgen, und verschwinde auf der Box. „Tor!“ Andrea geht steil, Ihorst hat getroffen nach super schnell ausgeführtem Einwurf. Wie im Stadion — wenn ich mal woanders bin, fallen gerne Tore. Ihorst der Ex-Bremer trifft gegen den HSV — feine Sache.


Halbzeit-Pause

Runter zum Bier-Automaten, noch ein neues „Haller Löwenbräu“ holen, das bringt in der Tat Glück. Da geht noch was — der HSV ist nicht so übermächtig und zwingend wie in der letzten Saison. Schade, der schnelle Müller muss raus, der ganz frisch verpflichtete Pena Zauner kommt für ihn. Ob der schon angekommen ist in seiner neuen Umgebung? Ich wünsche es ihm.

Hammer Stimmung

Die Standards macht oft Krauße — und sie sehen besser aus als Kobys oft eigensinnige und zugleich schwache Versuche in den letzten Spielen. Die Stimmung im Stadion ist der Hammer heute — ich freue mich darauf, demnächst auch mal wieder dabei zu sein. Dann aber doch das 1:2. Nach einer Ecke sieht unsere gesamte Abwehr nicht wirklich sortiert aus, und Glatzel drückt den Ball rein nach 68 Minuten. Es scheint fast so, als wären wir zu sehr im Vorwärts-Modus gewesen.


Koby bleibt blass

Das Gegentor war vermeidbar, schade. Jetzt hat der HSV natürlich den Vorteil, das Ding nach Hause spielen zu können. Für unsere „Umbruch-Truppe“ ist das heute eine Nummer zu groß, jetzt noch ein oder zwei Buden sind einfach zu viel verlangt von den jungen Burschen. Koby kommt noch rein — allein, er ist schon lange nicht mehr so wirkungsvoll wie in unserer Aufstiegs-Saison neulich. Ob er denn schon einen Ballkontakt hatte, fragt Volker via WhatsApp… Nicht wirklich.


Die Perspektive stimmt

Es gibt ein paar Minuten obendrauf — aber es sieht nicht so aus, als würden wir den ehemaligen Bundesliga-Dino noch in die Verlängerung zwingen können. Schlusspfiff, ausgeschieden. Der Pokal ist nicht so die Parade-Disziplin der Eintracht. Mir hat das Spiel heute, gerade im direkten Vergleich zur Berlin-Pleite, sehr gefallen. Michael Schiele nimmt die Aufgabe an, bei uns etwas Neues aufzubauen, ohne dabei aber Harakiri zu begehen, wie Henrik Pedersen dereinst. Die Neuverpflichtungen sind sehr gut ausgebildete, entwicklungsfähige Spieler — das sieht gut aus und könnte klappen. Und beim nächsten Mal bin ich auch wieder im Stadion dabei. Darauf noch ein letztes Haller Löwenbräu!
 

Ein Glas gefüllt mit Haller Löwenbräu.
Das Haller Löwenbräu könnte ein Glücksbringer sein. (Foto: Malte Schumacher)

Die Analyse (Kay Rohn):

12. Mann/Frau

Die Feinfühligkeit von den Rängen hat mich, in Erinnerung an eher holzschnittartiges Fanverhalten beim letzten Spiel, überrascht.  Minutenlanger Beifall, begeistertes Feiern in der Kurve – man spürte, dass die Mannschaft nicht locker in die Südkurve ging, zu stark war noch die Erinnerung an die negativen Äußerungen beim Spiel gegen Viktoria Berlin. Kampf und Einsatzwille werden honoriert, Ergebnis ist zweitrangig. Die Mannschaft und das Umfeld nehmen den Stimmungswandel gerne auf. Jetzt geht es darum, das Positive in den grauen Fußballalltag mitzunehmen und auch gegen weniger namhafte Clubs ohne legendäre Bundesligavergangenheit zu kämpfen und dann auch Punkte einzufahren.

 

Berlin oder Hamburg, Hauptsache dritte Liga

Das 5:4 gegen Hertha im vergangenen Jahr ist nicht so lange her. Das Ergebnis hielt in der Liga nicht, was es versprach. Hält der Vergleich, auch wenn der Ausgang des Spiels diesmal nicht so positiv für die Eintracht war? Meine persönliche Meinung: Die Situation ist jetzt anders. Der Verein, die Funktionsträger und die Mannschaft sind wesentlich besser aufgestellt. Und vor allem: Wir haben einen Trainer, der nicht sich in den Fokus stellt, sondern den Verein.

 

Wer sind Müller, Consbruch und Zauner?

Nick Proschwitz ist Geschichte bei der Eintracht. Die zwei Einsätze in den ersten Spielen waren wohl eher dem noch kleineren Kader geschuldet. Der 20-jährige Sebastian Müller schnupperte bereits Bundesligaluft und lief in der vergangenen Rückrunde für Osnabrück in der 2. Liga auf. Frech und selbstbewusst war er ein ständiger Unruheherd für die Hamburger. Mal auf der linken und mal auf der rechten Seite war er sowohl vorne als auch hinten zu finden. Er ging in die Spitze, war torgefährlich und gab die entscheidende Vorlage zum Ausgleich. Nach einem Zweikampf forderte er die Zuschauer in der Nordkurve und auf der Gegengerade auf „Alarm“ zu machen, als wenn er schon immer hier spielen würde. Und da der Name Müller in der Fußballnation Deutschland einen sehr hohen Stellenwert einnimmt, gehe ich davon aus, dass wir noch viel Freude an ihm haben werden. Und dann sind da noch Jomaine Consbruch und Peña Zauner, wie Müller auch erst letzte Woche zum Kader dazu gekommen. Zauner spielte in der zweiten Hälfte für Müller, der sich hoffentlich nicht allzu sehr verletzt hat.

 

Mentalität

Die Mentalität stimmt zurzeit in der Mannschaft. Kämpfertypen wie Bryan Henning, Robin Krauße, Sebastian Müller und Luc Ihorst geben keinen Zweikampf verloren und fighten um jeden Meter. Genau das braucht die Eintracht jetzt, Spieler, die voran gehen und der Mannschaft eine „breite Brust“ geben.

Taktik

Mit Brian Behrendt in der Abwehr und Jannis Nikolaou auf der Sechs hatte die Abwehr einen viel besseren Halt als gegen Viktoria Berlin. Beide Spieler schalteten sich zudem immer wieder in den Spielaufbau ein. Aus dem 4-2-3-1 System wurde meist ein massives 4-4-2 System und der HSV hatte es mit der doppelten Viererkette sehr schwer. Ich hätte mir gewünscht, dass wir nach der ersten Viertelstunde das Spielgeschehen etwas weiter ins Mittelfeld verlagert hätten. So gab es zwar immer wieder die Möglichkeit zum Pressing, aber ich hatte das Gefühl, dass wir dem 0:1 näher sind als dem 1:0. Berücksichtigt man das letzte Spiel und insbesondere die vier Gegentore, so ist es nachvollziehbar, defensiv anzufangen. Auch wenn ich mir da mehr gewünscht hätte, so ist das vielleicht eine der nächsten Entwicklungsstufen dieser Mannschaft.

 

Seemannsgarn

Der HSV kam, coronabedingt, mit zwei Bussen nach Braunschweig. Auf meine Frage, wie er denn den Ausgang des Spiels sehe, sagte mir ein Hamburger Busfahrer vor dem Spiel auf dem Parkplatz: „Ich muss ja wohl für die Hamburger sein, also werden die wohl gewinnen.“ Keine klaren Ansagen also aus der Hamburger Richtung. Viele, die dort mit reinreden wollen. Viele Personen, die sich voranstellen und nicht den Verein. Auf der Tribüne einige Hamburger, die sich nicht als Vorbilder eignen, sondern sich lieber mit dem Ordnungspersonal anlegen mussten. Die Hamburger Mannschaft wirkte auf mich, als könne sie ein wenig mehr zeigen. Kühl, norddeutsch mit einem Schuss Dynamik.

 

Blau-gelbe Familie

Ähnlich wie Pfitze vor dem letzten Spiel wird dieses Mal Benny Kessel gewürdigt, verabschiedet und gleich wiedereingestellt. Benny wird sich im Nachwuchsleistungszentrum darum kümmern, dass das Löwen-Gen an die jungen Spieler weitergegeben wird. Ich sehe ihm an, dass er gerne noch gespielt hätte. Ich hoffe, dass er mit dem neuen Arbeitsplatz im Kennel gut zurechtkommt und ab und zu noch gegen den Ball treten darf.

Und Kurvenmutti Christel hatte Geburtstag. Berühmt wurde sie durch ihre „Frikadellensammlung“ (NDR, Rudi Carell), aber vor allem durch die jahrelange unermüdliche Unterstützung der Fans im Stadion und beim Auswärtsspiel. Vielen Dank, Christel! Christoph Bratmann hat die richtigen Worte – er singt über das Stadionmikrofon ein Geburtstagsständchen für sie und das Stadion setzt mit ein. Christoph, Hut ab!

Eintracht-Fan Christel werden Geburtstagswünsche überreicht.
Eintrachts "Kurvenmutti" Christel hat Geburtstag und erhält Glückwünsche. (Foto: Kay Rohn)

Verschenkt oder gewonnen?

Das ist die Frage, mit der ich nicht richtig klarkomme. Im letzten Spiel wurde die Mannschaft in den Boden gerammt, dieses Mal stimmte die Einstellung und die Spieler wurden in die Kurve geholt und gefeiert, als gäbe es einen Europapokalsieg zu feiern. Ich vertraue Michael Schiele, dass er das Spiel jetzt richtig einordnet und schnell den Fokus auf die nächsten Spiele legt.

 

Halle - Zwickau – Verl und München

Acht Punkte und jeweils gute kämpferische Leistungen. Das wäre mein Ziel für den August und damit ein langsames Absetzen ins Mittelfeld. Im Kader sind dann die letzten Personalentscheidungen gut abgearbeitet und vielleicht ist ja noch ein interessanter Transfer abgeschlossen. Dann kann die Mannschaft in Ruhe im Herbst am Feinschliff arbeiten. Für die Saison ist es vielleicht ganz hilfreich, dass wir uns auf die Liga konzentrieren und den kontinuierlichen Aufbau von Mannschaft und Umfeld, wie geplant, vorantreiben können.