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Nicole Kumpis – ein Gespräch mit der ersten Frau an der Spitze des BTSV Eintracht von 1895 e.V.

  • Datum: 20. April 2022
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Eine Frau hockt auf einer Aschebahn. (Bildrechte: Nina Stiller)
Foto von Malte Schumacher
Malte Schumacher
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Nicole Kumpis ist die erste Frau an der Spitze der Braunschweiger Eintracht. Auf der außerordentlichen Versammlung im März wählte eine Mehrheit der Mitglieder sie zur neuen Präsidentin. Malte Schumacher spricht mit ihr über ihre Pläne, über Quoten und darüber, wie es ist, mehrere Jobs zu jonglieren.

Mittwoch, 16. März 2022, außerordentliche Mitgliederversammlung beim „Braunschweiger Turn- und Sport-Verein Eintracht von 1895 e.V.“. Gegen 22.15 Uhr verkündet Vereins-Manager Sven Rosenbaum das Ergebnis der Wahl zum obersten Vereins-Posten: Nicole Kumpis bekommt 472 Stimmen, Gegenkandidat Axel Ditzinger 411. Sie nimmt die Wahl an und genießt den langen und lauten Applaus. Die erste Frau im Präsidenten-Amt der Eintracht in der 127-jährigen Vereins-Geschichte – Stadionfunk-Blogger Malte Schumacher im Gespräch mit Nicole Kumpis.

Eine Frau hockt auf einer Aschebahn. (Bildrechte: Nina Stiller)

„Wir müssen unsere Gemeinsamkeiten im Verein wieder finden und leben, und wir wollen uns gemeinsam als Team auf den Weg machen.“

Nicole Kumpis, Präsidentin der Eintracht Braunschweig

Was schätzt Nicole Kumpis an der Region, in der wir leben?

Nicole Kumpis: Ich bin 1974 in Braunschweig geboren und habe immer in der Region gelebt: in Stöckheim, im Braunschweiger Eichtal, in Watenbüttel, im Östlichen Ringgebiet, in Veltheim/Ohe – mittlerweile wohne ich wieder mitten in Braunschweig. Braunschweig als Stadt ist klein genug, um familiär zu sein, und groß und interessant genug, um trotzdem sein eigenes Ding zu machen.

Unsere Region zeichnet sich aus durch viele verschiedene Städte, die alle ihren eigenen Charme haben: die Industrie-Stadt Salzgitter, die Renaissance-Stadt Wolfenbüttel – die große Bandbreite macht unsere Region so lebens- und liebenswert.

Welche Hoffnungen und Wünsche verbindest Du mit unserer Region?

Kumpis: Ich finde, wir sollten mutiger sein und überregional viel stärker zeigen, was uns ausmacht. Da vermisse ich oftmals das Selbstvertrauen, mit unseren regionalen Pfunden auch zu wuchern. Hier sehe ich eine kleine Parallele zur Eintracht: Wir üben zu oft Zurückhaltung, sehr gerne werden eher kleine Brötchen gebacken – da ist mehr Selbstbewusstsein gefragt!

Unsere Region ist bei bestimmten Themen, wie in der Forschung, europäische Spitze – unsere Besonderheiten aber müssen uns noch bewusster werden, und wir müssen auch kontinuierlich von ihnen erzählen.

Eine Frau steht vor der Treppe einer Fußballtribüne.
„Man muss vielmehr lernen, andere Meinungen zu akzeptieren und mit diesen zu arbeiten auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel“, so Kumpis. (Foto: Nina Stiller)

Nun aber zur Eintracht: Was schätzt Du am BTSV, und was verbindet Dich mit der Eintracht?

Kumpis: Ich schätze am Verein Eintracht genau das, was auch unsere Region ausmacht: Bodenständigkeit, Regionalität, Geschichte – gerade Tradition und Geschichte verbinden Verein, Stadt und Region sehr stark. Trotzdem leben wir im Hier und Jetzt und blicken positiv in die Zukunft. Wir sind im Verein aktuell dabei, uns damit auseinanderzusetzen, wie wir das, was uns im Kern ausmacht, wieder stärker nach außen tragen können.

Die Eintracht ist erdverwachsen, bodenständig – und das fühlt man ja auch: Wir sind kein Nobel-Glanz-Verein, wir sind greifbar, nahbar, und nicht perfekt – hier kann sich jeder zu Hause fühlen. Und da schließt sich für mich ein Kreis: Auch ich bin nahbar und stark hier in der Region verwachsen.

Meine stärkste Verbindung zur Eintracht ist schon der Fußball, meine ganze Familie ist fußballverrückt, mein Vater hat mich schon sehr früh mitgenommen ins Stadion. Und übrigens: Viele Frauen in meiner Familie haben aktiv Fußball gespielt…

Wie siehst Du die Zukunft des BTSV?

Kumpis: Wir müssen unsere Gemeinsamkeiten im Verein wieder finden und leben, und wir wollen uns gemeinsam als Team auf den Weg machen. Gerade im Präsidium war die Arbeit in den ersten Wochen genau von diesem Spirit getragen. Wir haben ja beides nun im Präsidium: Kontinuität plus neue Impulse von Bettina Heinicke, Benjamin Kessel und mir.

Wir reden dort gerade sehr intensiv über die Ideen von Bettina Heinicke, und wir versuchen diese mit unseren Gedanken zusammenzubringen, denn als Präsidium wollen wir Teilhabe und Mitbestimmung vorleben. Gerade in Richtung der Mitglieder, die mich nicht gewählt haben, bin ich offen für Austausch und Gespräche. Wichtig sind gute Ideen, die die Eintracht nach vorne bringen.

Wir wollen auch den Vorstand des Gesamtvereins, mit den Abteilungs-Vorständen und der Funktions-Ebene, einem phantastischen Gremium mit vielen tollen Menschen, die seit Jahrzehnten enthusiastische Einträchtler sind, wieder stärker beteiligen. Die Arbeit gerade mit diesen Menschen macht mir sehr großen Spaß.

Im FAZ-Interview hast Du gesagt, dass Fans und Mitglieder mehr Mitbestimmung wünschen – wie geht Ihr damit um?

Kumpis: Wir haben ja schon Formate in diesem Sinne für Fans, Mitglieder und andere Anspruchsgruppen auf den Weg gebracht. Und da werden auch alsbald weitere Projekte folgen, die aber derzeit noch erarbeitet werden. Ich nehme übrigens bereits wahr, dass wieder aufeinander zugegangen wird.

Ich denke, dass man nicht immer gleicher Meinung sein muss, um einen gemeinsamen Weg gehen zu können. Man muss vielmehr lernen, andere Meinungen zu akzeptieren und mit diesen zu arbeiten auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel.

Ein Haus mit einer modernen Glasfassade.
Das ist Nicole Kumpis' neuer Arbeitsplatz – der Kubus. (Foto: Malte Schumacher)

Was meinst Du, warum hast Du die Wahl gewonnen – weil Du eine Frau bist?

Kumpis: Mich haben sehr viele Glückwünsche erreicht, und ich habe gerade von den vielen Mädchen und Frauen im Verein ein enormes Feedback bekommen. Alle weiblichen Teams im Verein haben mich eingeladen zu ihren Spielen. Aber: Die „Frauen-Karte“ habe ich im Wahlkampf nie gespielt.

Wir hatten in den knapp 127 Jahren des Vereins Eintracht zwar nie eine Frau im Präsidium – der Leistungssport im Verein aber ist hochanteilig weiblich konnotiert, siehe beispielhaft Hockey und Basketball. Und das ist auch eine meiner Herzensangelegenheiten: Ich möchte die Eintracht noch stärker zum Anlaufpunkt entwickeln für Mädchen und Frauen, die Leistungssport treiben wollen.

Wie ist eigentlich das Verhältnis Mann-Frau bei den Mitgliedern des Gesamtvereins? Und was hältst Du von einer „Frauen-Quote“?

Kumpis: Im Braunschweiger Turn- und Sport-Verein Eintracht von 1895 e.V. haben wir Stand heute 1.529 weibliche und 4.103 männliche Mitglieder. Eine „Frauen-Quote“ macht in bestimmten Bereichen Sinn, zum Beispiel bei den DAX-Unternehmen – da haben es Frauen absurd schwer. Ich aber möchte bei der Eintracht an meiner Leistung und meinen Kompetenzen gemessen werden, und nicht die „Quoten-Frau“ sein.

Auch Bettina Heinicke ist ja gewählt, und nicht über eine Quote Teil des Präsidiums. Wir sind nun gleich zwei Frauen in einem Gremium, in dem zuvor niemals auch nur eine war. Im Aufsichtsrat sitzen mit Katja Wittfoth, Hildegard Eckhardt und mir sogar drei Frauen – alle ohne Quote. Ich freue mich sehr darauf, mit all‘ diesen Frauen und ihren spezifischen Expertisen für die Eintracht zu arbeiten!

Eine Frau hockt auf einer Aschebahn. (Bildrechte: Nina Stiller)

„Ich habe schon immer sehr viel angepackt und mich sehr gerne auch zeitintensiv eingebracht.“

Nicole Kumpis, Präsidentin der Eintracht Braunschweig

Hauptberuflich bist Du Geschäftsführende Vorständin beim DRK-Kreisverband Braunschweig-Salzgitter e.V. – was hilft Dir aus dieser Arbeit bei der Eintracht?

Kumpis: Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Menschen in großer Diversität. Zudem lebe ich auch dort Beteiligungs-Prozesse, obwohl ich faktisch das Sagen habe. Aber so funktioniert moderne Unternehmens-Führung zum Glück nicht mehr. Austausch auf Augenhöhe und gemeinschaftlich getroffene Entscheidungen – darum geht es dort wie hier.

Flexibilität, Leidenschaft und Enthusiasmus haben mich in meinem Arbeitsleben immer begleitet, auch schon damals beim Verein Refugium. Beim DRK verantworte ich zudem auch noch zwei gemeinnützige GmbHs – ich liebe solche vielfältigen und sinnstiftenden Aufgaben.

Auch der Umstand, dass unseren DRK-Kreisverband zwei sehr unterschiedliche Kommunen ausmachen, ist reizvoll und herausfordernd zugleich. Dort wie hier verantworte ich Budgets in zweistelliger Millionen-Höhe, führe und koordiniere ich viele haupt- und ehrenamtliche MitstreiterInnen.

Eine Frau steht in einem Fußballstadion.
Kumpis schaut nach vorne: Im Mai möchte sie die ersten Projekte für ihre Amtszeit vorstellen. (Foto: Nina Stiller)

Hat sich denn der DFB nun endlich gemeldet und Dir zur Wahl gratuliert? Das ist ja auch ein sehr männerdominierter Verband…

Kumpis: Ja! Mittlerweile kam ein nettes Schreiben. In Sachen „Frauen-Beteiligung“ habe ich den Eindruck, dass auch der DFB langsam einen gewissen Handlungsdruck verspürt. Bis da aber mal was in der ersten Reihe passiert, ist es wohl noch ein weiter Weg. Aber ich bin auch in der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrts-Verbände die einzige und zugleich die erste Frau, die jemals zu deren Sprecherin gewählt wurde.

Ich habe gelernt, mich in männerdominierten Bereichen durchzusetzen, und ich baue dabei auf frauenspezifische Settings: Team-Arbeit, gemeinsam getroffene Entscheidungen. Frauen sind oft noch viel zu zurückhaltend in der Arbeitswelt – ich bin das nicht. Ich bin immer gerne nach vorne gegangen und habe Verantwortung übernommen.

Nun sind das zwei sehr zeitaufwändige Aufgaben, die beim DRK und die bei der Eintracht – wie kriegst Du das hin?

Kumpis: Ich habe schon immer sehr viel angepackt und mich sehr gerne auch zeitintensiv eingebracht. Mein familiäres Umfeld zum Beispiel würde sich eher wundern, wenn ich auf einmal zu Hause sitzen würde. Und mein Sohn, der inzwischen in Bremen lebt, kennt mich gar nicht anders…

Im November 2023 sind schon wieder Präsidiums-Wahlen beim BTSV, Du hast also gar nicht viel Zeit dafür, profilbildende Projekte zu realisieren – was können wir erwarten?

Kumpis: Noch im April/Mai werden erste Projekte kommuniziert und umgesetzt, die man ganz klar mit mir verbinden kann. Das werden Themen sein, die bei mir sozusagen „auf der Stirn stehen“. Aber auch das ist Team-Playing: Es wäre unfair im Sinne unseres Miteinanders, darüber jetzt und hier schon zu reden, sorry.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass so viele Menschen mir ihr Vertrauen geschenkt haben. Gerade wenn ich in unseren Abteilungen unterwegs bin, spüre ich großen Rückenwind. Diesen Spirit möchte ich nutzen, um die Hoffnungen und Erwartungen dieser Menschen zu erfüllen auf dem Weg in eine gute Zukunft des Gesamtvereins Eintracht Braunschweig.

Liebe Nicole, vielen Dank – und viel Erfolg auf Deinem Weg!