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Ornithologie – ein Hobby voller Überraschungen

  • Datum: 14. September 2022
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Ein Storch auf seinem Nest. (Bildrechte: Ulrich Reimers)
Foto von Miriam Grupe
Miriam Grupe
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Sommer, blauer Himmel und Sonnenschein – was könnte da schöner sein, als einem Hobby nachzugehen, das nur draußen stattfindet!? Auf der Suche nach spannenden Outdoor-Aktivitäten fällt mir da die Vogelbeobachtung ein - und so treffe ich mich mit Ulrich Reimers, emeritierter Professor für Nachrichtentechnik an der TU Braunschweig. Was der mit Ornithologie zu tun hat?

Reimers betreibt die Ornithologie (also die Vogelkunde) nicht nur als einfaches Hobby, sondern darüber hinaus mit seinen Mitstreitern in der von ihm gegründeten Landesfachgruppe des NABU Niedersachsen AviSON (Avifauna SüdOstNiedersachsen). Auch an dem Standardwerk für Vogelkundler hat Reimers mitgewirkt: dem ADEBAR, Atlas Deutscher Brutvogelarten.

Sichtbare Folgen des Klimawandels an den Lengeder Teichen

Aber wie nun ist der international preisgekrönte Experte für Elektro- und Nachrichtentechnik darauf gekommen, sich ein Hobby wie Ornithologie zu suchen? „Ganz einfach – ich habe während des Studiums gemerkt, dass ich auch etwas anderes brauche, als nur zu rechnen. Und so habe ich angefangen, Vögel zu beobachten. Da gibt es immer wieder schöne Überraschungen“, erläutert mir der Wissenschaftler.

Ein schöner weißer Vogel.
Der Neuntöter ist ein Zugvogel unter den Singvögeln. (Foto: Urlich Reimers)

Und was Ulrich Reimers anpackt, das macht er auch gleich richtig. Es dauerte nicht lange, da bat ihn der damalige Leiter der Braunschweiger Außenstelle der Vogelschutzwarte in Helgoland, ein bis dato wenig erforschtes Gebiet zu betreuen – die Lengeder Teiche, ehemalige Klärteiche einer Erzgrube. Also sichtete und zählte Reimers auf der großen Fläche nicht nur die heimischen Vögel und Zugvögel, sondern unterstützte auch die Ausweisung als Naturschutzgebiet.

Zusätzlich begleitete Ulrich Reimers eine Diplomarbeit zweier Studentinnen, welche die Bedeutung des Gebietes detailliert dokumentiert. Ich darf mir das beeindruckende, Jahrzehnte alte Werk ansehen: Da wurde noch mit Schreibmaschine getippt und es wurden echte Fotos eingeklebt. Damals waren in den Lengeder Teichen noch zahlreiche – heute leider schon sehr seltene – Arten wie die Rohrdommel zu beobachten.

Eine Landkarte für Ornithologie.
Diplomarbeit mit Karte der Lengeder Teiche. (Foto: Maik Reepschläger)

In seinem Tatendrang sorgte Reimers 1999 dafür, dass hier eine Beobachtungsplattform gebaut wurde. Heute sind die früher deutlich größeren Teiche sehr geschrumpft und durch die letzten heißen und trockenen Jahre zum Teil ganz ausgetrocknet. Dadurch kommen natürlich auch viel weniger Vögel in das Gebiet. Was nicht nur schade ist, sondern ganz deutlich die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels zeigt.

Ein Paradies für Vogelkundler

Nach einer Zeit in Hamburg und der Rückkehr in unsere Region übernahm Ulrich Reimers die Betreuung eines ornithologisch sehr bedeutungsvollen Gebiets: die Teiche der Wierther Zuckerfabrik im Landkreis Peine. Für durchziehende Watvögel waren sie ein reines Paradies, denn im Schlamm finden sie viel Nahrung.
Als die Zuckerfabrik geschlossen wurde, sorgte Reimers dafür, dass eine Nachnutzung erfolgt. Dafür arbeitete er mit einer Stiftung zusammen und sorgte für einen Bewässerungsbrunnen mit einer leistungsfähigen Pumpe. Aber auch hier zeigen sich die Folgen des Klimawandels, denn heute sind die bedeutendsten Teiche der Zuckerfabrik ausgetrocknet.

Der Zwergtaucher - ein Objekt der Ornithologie.
An den Teichen in Wierthe brütet der Zwergtaucher. (Foto: Ulrich Reimers)

Eine positive Überraschung hat dieser Wandel allerdings gebracht: „Als die Teiche austrockneten, kamen Seeadler, um die Fische abzugreifen, die in den Teichen nun gut zu sehen waren.“ Seeadler also … „Heute gibt es selbst in der Umgebung von Braunschweig Bruten von Seeadlern“, erläutert Reimers mir. Erstaunlich! Und es gibt in Braunschweig mittlerweile auch Uhus, Kraniche und Wanderfalken.

Ein weiteres sehr interessantes Vogelbeobachtungsgebiet liegt in der Nähe des Peiner Stahlwerks. Die Üfinger Teiche führen nachgelagert das Klärwasser des Stahlwerks. Hier lassen sich als besonderes Highlight gerade auch im Winter Vögel beobachten, denn das Wasser der Teiche ist immer relativ warm, sodass sie nicht zufrieren – und damit ein reichhaltiges Nahrungsangebot speziell für Wasservögel bereithalten. Man sieht gelegentlich mehr als 1000 Tiere unterschiedlicher Arten. Ein Paradies für Vogelkundler!

Ornithologie im Winter.
Auch im Winter macht Vogelbeobachtung Freude: Blässrallen, Reiherenten und Stockenten. (Foto: Ulrich Reimers)

„ADEBAR“ und andere Vogel-Verzeichnisse

Die rund 130 Hobby-Ornithologen bei AviSON melden jährlich rund 41.000 Beobachtungen, teilweise auch auf dem Portal https://www.ornitho.de. Die Beobachtungen werden in der Zeitschrift „AVES Braunschweig“ dokumentiert, die einen umfassenden Überblick über die Aktivitäten im Vogelschutz und die Vogelpopulationen in unserer Region bietet (https://niedersachsen.nabu.de/wir-ueber-uns/organisation/landesfachgruppen/avison/index.html). Jedes Titelblatt schmückt ein Vogel-Foto, das der Sieger des jährlichen Wettbewerbs unter den Mitgliedern von AviSON ist.

Den Vorgänger dieser Publikation hatte Ulrich Reimers 1980 zusammen mit Rudolf Berndt, einem bekannten Ornithologen, gegründet: den „Milvus Braunschweig“ (Milvus ist übrigens der lateinische Gattungsname des Rotmilans (Milvus milvus) von dem etwa die Hälfte der Welt-Population in Deutschland brütet). Im 4./5. Jahrgang des Milvus haben Reimers, Berndt und Gunnar Rehfeldt eine erweiterte Artenliste der „Vögel des Braunschweiger Hügellandes“ erstellt. Allerdings kein Vergleich zu dem großartigen Werk ADEBAR. In diesem „Atlas Deutscher Brutvogelarten“ sind sämtliche auch quantitative Aussagen zu allen in Deutschland brütenden Vögeln dokumentiert.

Aber Ornithologie ist eben keine Literaturwissenschaft sondern ein Fach voller Erlebnisse und – klimabedingter – Überraschungen: Der Bienenfresser, ein schöner bunter Vogel, der früher nur im Mittelmeerraum heimisch war, ist mittlerweile auch in unserer Region ansässig. Und Zugvögel, die sonst nach Süden flogen, überwintern heutzutage auf der Britischen Insel, anstatt den langen Weg nach Afrika auf sich zu nehmen.

Ornithologie als Hobby braucht nicht viel Ausrüstung

Zu welchen Zeiten lassen sich die gefiederten Freunde denn am besten beobachten, frage ich Reimers. „Momentan ist es eher ruhig“, gibt er zu. Im Frühling, also von Ende Februar bis Mitte Juni, hört man die Vögel am intensivsten singen. Sie sind speziell kurz nach Sonnenaufgang und vor Sonnenuntergang aktiv. Gut für Frühaufsteher, denn bis zu zwei Stunden nach Sonnenaufgang ist das Konzert besonders genussvoll. Interessante Beobachtungen gibt es zu den Zug-Zeiten im Frühjahr und Herbst, wenn die im Norden brütenden Vogelarten bei uns Halt machen.

Und welche Ausrüstung wird benötigt, um Vögel beobachten zu können? „Da braucht es eigentlich nur ein gutes Fernglas. Wenn man mehr möchte, dann kommt ein Spektiv dazu und vielleicht eine Kamera mit langer Brennweite, zum Beispiel eine Superzoom-Kamera.“ Reimers selbst nutzt ein Fernglas mit 10facher Vergrößerung, diverse Kameras und ein Spektiv, durch das ich gleich mal einen Blick werfe. Wow, wie nah plötzlich die Vogeltränke in seinem Garten wirkt!

In unserer Region gibt es viele gute Gebiete, an denen Reimers so ausgerüstet seinem Hobby nachgehen kann, wie beispielsweise die Rieselfelder bei Watenbüttel, die Okeraue und die Riddagshäuser Teiche, den Ilkerbruch bei Wolfsburg, die Weddeler Teiche, die Üfinger Teiche und natürlich auch die Lengeder Teiche.

„Hier gibt es so viele Ecken, wo Vogelbeobachtung Spaß macht“, freut sich der Vogelkundler. Gerne fährt Reimers auch mit dem Rad zu einem der mittlerweile zahlreichen dorfeigenen Storchenhorste um Vechelde. Aber eigentlich lassen sich Vögel überall beobachten – auch im heimischen Garten des Professors, wo Nistkästen in diesem Jahr die Meisen zum Brüten einluden und die tönerne Vogeltränke gerade im heißen Sommer für die kleinen Gesellen ein schöner Treffpunkt war. Hier kann Ulrich Reimers direkt von seiner Terrasse aus die Tiere in Ruhe beobachten – und sich dabei auch immer wieder überraschen lassen!

Ein Storch auf seinem Nest.
Die Zahl der Weißstorchbruten hat deutlich zugenommen. (Foto: Ulrich Reimers)