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Stadionfunk Eintracht Braunschweig: Der Gang auf dem Zahnfleisch

  • Datum: 15. November 2022
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Blau-Gelbe Choreographie in der Braunschweiger Fankurve.  (Bildrechte: Kay Rohn)
Foto von Kay Rohn und Malte Schumacher
Kay Rohn und Malte Schumacher
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Die Hansa Kogge legte in Braunschweig an. Mit Patrick Glöckner als neuem Cheftrainer-Kapitän an Bord. Ein Spiel auf Messers Schneide und mit letztem Kräften. Malte Schumacher und Kay Rohn berichten.

Ich bin raus

Am 6. November, nach der 0:1-Heimniederlage gegen Fürth, frustete Jasmin Fejzic in die Fernseh-Mikrofone: „Wir gehen auf dem Zahnfleisch momentan“. Die „Neue Braunschweiger“ titelt heute: „Personell auf der letzten Rille in den Jahresabschluss“. Und mittlerweile weiß ich endgültig, dass auch ich damit gemeint bin – schwere Erkältung, totale Matschbirne, leichtes Fieber. Eigentlich wollte ich gestern mit einer Gruppe Mädels &undJungs aus Braunschweig an die Ostsee fahren, um dort wie schon so oft das Rolling Stone Beach-Festival zu erleben. Nun aber ist klar, dass ich nachher zum Anstoß daheim auf dem Sofa sitzen werde – weder Stadion noch Ostsee also.

Die Eintracht und die Serien

Gestartet ist die Eintracht in die Saison mit einer Grusel-Serie: ein Punkt nach sechs Spieltagen, Tabellenletzter. Dann gab’s bis zum 14. Spieltag keine Niederlage mehr und einen Sprung auf Platz 11. Im Moment aber sind wir, auch wegen der Verletzungern von Behrendt, Pherai und „Funky Cold“ Medina, wieder eher duchwachsen unterwegs – die Klatsche gegen Fürth war vermeidbar. Aber egal: Heute zum Abschluss der Hinrunde nochmal alles raus hauen – und dann in der Winterpause regenerieren und gesund werden. Wie sagte Robin Krauße es so schön in der „Braunschweiger Zeitung“ am Freitag: „Laufen und kämpfen kann man immer“.

Einige Jungs mit Rostocker Vergangenheit

Langsam wird’s dunkel draußen. Wäre ich fit, würde ich nun zum Fanmarsch gehen, der wieder, wie zu Saison-Beginn, um 17.00 Uhr am Schloss startet. Mir brummt aber der Schädel – ich döse lieber weiter vor mich hin. Und überlege zwischendurch, wer aus unserem Kader eine Nähe hat zum Gegner. Da sind schon einige Spieler, die auch mal in Rostock aktiv waren: Donkor, Krauße, Henning, Lauberbach sowie Ersatz-Keeper Hoffmann (der ist dort sogar geboren). Und unser Sportdirektor Peter Vollmann war zweimal als Trainer in Rostock, 2010/11 sowie 2014 – er hat also Robin Krauße dort trainiert in der Hinserie 2014. Na ja – mit dem heutigen Match hat das alles sicher nichts zu tun.

Drei Eintracht-Fans im Fernsehen.
Am Support hat es heute nicht gelegen... (Foto: Malte Schumacher)

Und was machen die Gesunden?

Bei meinen Fanclub-Mädels&Jungs im Block 6 ist noch nicht viel los – Inga und Volker müssen auch passen, Micha ist wohl spät dran heute. Sein WhatsApp-Kommentar gegen 19.30 Uhr spricht Bände: „Anreise ist heute ne Katastrophe“. Jens textet zurück: „Hophop. Kalt so alleine im Block“. Mal schauen, ob mir irgendjemand Fotos oder sogar ein Video aus dem Stadion zukommen lässt. Und was machen Matze und Jörg, die in Block 6 immer neben uns stehen, gerade aber bei „meinem“ Festival an der Ostsee sind? Bier trinken und Musik hören – in der Festival-WhatsApp-Gruppe ist es nun ruhig, das Eintracht-Spiel werden sie allenfalls über den Live-Ticker verfolgen.

Heiße Stadionstimmung vor dem Anpfiff gegen Rostock

Die erwartete Aufstellung

Trainer Michael Schiele wird bei Sky interviewt, und er wirkt mal wieder sehr gut vorbereitet auf den Gegner, sehr reflektiert in seiner Einschätzung der heutigen Aufgabe. Ich merke ich ihm an, dass er mit einem Erfolgserlebnis in die Winterpause gehen will. Unsere Aufstellung ist die erwartete, Lauberbach und Kaufmann vorne, Ujah auf der Bank. Bis auf den Wechsel im Tor (Fejzic ist wieder dabei) ist das die Mannschaft, die am Mittwoch in Regensburg gepunktet hat. Hoffentlich hat das Spiel dort nicht zuviel Kraft gekostet.

Die TV-Kommentatoren Torsten Mattuschka („Tusche“) und Stefan Hempel fachsimpeln über die Teams.
Die TV-Kommentatoren Torsten Mattuschka („Tusche“) und Stefan Hempel fachsimpeln über die Teams. (Foto: Malte Schumacher)

Wehmütige Erinnerungen an alte Zeiten

Die Sky-Kamera schwenkt gerade über die gut gefüllten Ränge und weckt wehmütige Erinnerungen bei mir an letzte Hinserien-Spieltage. Diese lagen bisher allerdings im tiefsten Dezember, oft sogar ganz kurz vor den Weihnachts-Tagen. Die „Schande von Katar“ grätscht auch hier brutal in unseren Fan-Alltag rein. In dem Moment schickt meine Schwägerin Carola mir ein Video von der Südkurven-Choreo kurz vor dem Anpfiff. TV-Ton aus, mitsingen: „Wir wollen blau-gelb siegen sehen“ – ich auch. Die Gäste-Kurve aus Rostock setzt Pyro-Technik dagegen – da bekommt doch unsere Stadion-Laufbahn wieder Brandlöcher, Ihr Spacken…

Pherai fehlt sehr

Anpfiff. Unser Spiel nach vorne geht heute ausschließlich über die Flügel – null Prozent durch die Mitte, so eine Sky-Statistik nach einer halben Stunde. Logisch, meinen Lieblings-Spieler Immanuel Pherai kann niemand ersetzen oder kopieren. Hinten stehen wir gut bislang, auch der von mir immer kritisch bewertete Michael Schultz („Schulle“) performt also, wenn er gebraucht wird. Rostock hat keine einzige Torchance. Großartige Szene dann in der 38. Minute: von der eigenen Eckfahne schickt Wiebe mit einem langen Ball Lion Lauberbach in den Hansa-Strafraum – der schafft aber den Querpass zu Endo nicht und vergibt dann. Mist, es bleibt beim 0:0.

Ablenkung mit Traumelf

In der Halbzeit-Pause versuche ich mich abzulenken. Ich schmökere auf der Website „Meine Traumelf“ von meinem Buddy Lukas große Klönne in den Geschichten alter Eintracht-Helden. Bernd Franke, Thorsten Stuckmann, Bernd Gersdorff und viele andere stellen dort ihre persönliche Traumelf auf – sorry, aber einzig bei unserem Ex-Trainer Michael Krüger ist auch ein Spieler von Hansa Rostock dabei.

Schulle pennt dann doch einmal

Ohne Wechsel bei uns geht es weiter – Hansa aber hat getauscht und „spiegelt“ unser Spielsystem jetzt, sagt Tusche. Sie attackieren uns auch eher und höher, sie wollen Fehler provozieren. Kluger Schachzug, denn unsere Passsicherheit ist heute mal wieder suboptimal. Tusche erklärt gerade, dass heute wohl eine Standard-Situation ein Tor bringen muss – so harmlos sind beide Teams nach vorne. Keine drei Minuten später ist Schulle dann doch zu lahm, sein Gegenspieler darf quer in unseren Sechzehner passen auf Ingelsson, der am Elfmeterpunkt ganz alleine steht und das Ding unhaltbar versenkt. Wiebe und Donkor haben da gepennt – und Fußball ist halt ein Fehler-Spiel. 0:1. Und nun?

Tony kann’s auch nicht ändern

„Macht Ujah sich schon warm? Wird Zeit!“ schreibt Volker im Fanclub-Kanal. Tony kommt in der 64. Minute. Hmm, ich werde immer dösiger. Das liegt an der einfallslosen, ungenauen Eintracht-Spielweise – aber auch am Fieber, 38 Grad messe ich gerade. Ich erlebe im Halb-Koma mit, dass nichts Zwingendes mehr passiert, Tony kommt auch nicht richtig zum Zug – ihm fehlt sein Buddy Pherai. Schlusspfiff und ich sehe nur bedröppelte Mienen auf meinem TV-Bildschirm. Fejzic und Nikolaou schauen sehr genervt – meine Schwägerin aber schickt noch ein Bild vom Auftritt der Mannschaft vor der Südkurve. Die Fans geben den Jung Support – das dringt gerade noch in mein vergripptes Hirn. Dann schlafe ich ein. Wir sehen uns im Februar wieder – gesund und munter.

Analyse Kay Rohn: Rückblende Abschlusstraining - Ujah trainiert

Kalli Feldkamp hat mir einmal gesagt: „Wenn ich ein Fußballspiel verstehen will, muss ich das letzte Training und möglichst das Abschlussgespräch miterleben.“

In die Kabine komme ich leider nicht, aber das Abschlusstraining am Freitagmittag ist öffentlich. Als ich ankomme, sehe ich die Mannschaft auf dem B-Platz. Etwa 50 Zuschauer verfolgen das Geschehen. Ich treffe Heike, die ich vom eigenen Fitnesstraining bei Eintracht kenne. Sie sagt, sie sei fast immer beim Training, wenn sie es einrichten kann. Und heute sei es eher ruhig auf dem Trainingsplatz, nur 15 oder 16 Spieler sind dabei.

Die Verletztenliste ist weiterhin sehr groß, Torwart-Trainer Manfred Petz beschäftigt die Torleute. Anthony Ujah ist im Training, vielleicht reicht es ja für einen Kurzeinsatz. Brian Behrendt schaut leicht humpelnd am Trainingsplatz vorbei. Das spricht für einen guten Teamgeist. Die Stimmung ist gelöst, die Spieler sind mit Spaß dabei.

Vater und Sohn beim Flutlichtspiel

Im traditionellen Vater/Sohn-Gespann erleben Ben und ich den Fußballabend. Tagsüber noch beim Martinsmarkt, jetzt unter 20.000 Zuschauern bei der Eintracht. Müdigkeit ist da. Aber die verfliegt, zumindest bei mir, sehr schnell.

Löwe gegen Kogge

Dieses Bild gehört zu den Gedankenspielen vor dem Anpfiff - ist der Löwe doch wesentlich beweglicher als die Kogge. Ich hoffe, wir können das umsetzen.

Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit spielen wir gegen eine Mannschaft, die erst kurz davor den Trainer gewechselt hat. Nachdem Alexander Zorniger mit seinem Team aus Fürth die Punkte aus dem Eintracht-Stadionentführt hat, versucht es heute Abend Patrick Glöckner. Die Diskussion um die Effekte eines Trainerwechsel wird sicherlich nie enden. Studien besagen, dass es einen Effekt am häufigsten kurz nach einem Wechsel ist, danach verflache aber der Erfolg wieder. Auf jeden Fall müssen die Löwen sehr wachsam sein.

„So ein Rückschritt ist zu erwarten gewesen nach einer Serie, in der wir ungeschlagen waren.“

Physisch stark, aber ohne Überzeugung

Um das Spiel erfolgreich abzuschließen, fehlte heute etwas. Der kämpferische Einsatz war da, in Zweikämpfen waren wir sehr präsent und haben dem Gegner wenig Raum gegeben. Mir fehlte aber die Überzeugung des Teams, gewinnen zu können. Wir haben in der Abwehr wenig zugelassen, konnten aber nur wenige eigene Chancen erspielen.

Ein Spieler wie Immanuel Pherai fehlte im Mittelfeld, der extrem schnell Situationen erfassen und blitzschnell umschalten kann. Herausheben möchte ich Anton Donkor. Der bringt alles mit: Physis, Willensstärke, Technik, Umsicht, Schnelligkeit und mehr. Er hat seit dem letzten Sommer für mich die größte Entwicklung gemacht und ist auf dem besten Wege, ein Führungsspieler bei der Eintracht zu werden.

Körperlich fit aus der Winterpause

Während viele Spieler jetzt in einen kurzen Urlaub gehen, beginnt die eigentliche Arbeit am Team für die Zeit nach der Winterpause. Wir haben zwei Monate Zeit, um den Kader optimal für das nächste Jahr aufzustellen. Die Mannschaft wird körperlich fit sein zum Start, davon gehe ich aus, und die Verletzten werden wohl wieder an Bord sein. Mental sollte die Mannschaft von der ersten Minute an die richtige Präsenz haben, dieses Team kann jedem Gegner der 2.Liga auf Augenhöhe begegnen.

Aus der mit dem Rostock-Spiel abgeschlossenen „Englischen Woche“ holen wir nur den einen Punkt aus Regensburg. Das bedeutet zur Winterpause Platz 14 und nur ein Punkt Abstand zu den Abstiegsplätzen. So ein Rückschritt ist zu erwarten gewesen nach einer Serie, in der wir ungeschlagen waren und uns vom letzten Platz auf den 11. Rang nach oben arbeiten konnten.