Professor Martin Korte erklärt die Zusammenhänge von Optimismus und neurologischen Prozessen. Martina Zingler

"Optimismus kann man lernen"
5 Fragen an Professor Martin Korte

Was ist Optimismus und warum sind manche Menschen eher mit einem positiven Mindset ausgestattet? Professor Martin Korte erklärt im Gespräch mit Autorin Martina Zingler, was bei optimistischen Personen neurologisch im Gehirn abläuft.

Martin Korte ist promovierter Biologe und Leiter des Instituts für Zell-und Neurobiologie in Braunschweig. Seine Forschungsinteressen liegen in den zellulären Grundlagen von Lernen, Erinnern und Vergessen. Nach seiner Promotion am Max Planck Institut (MPI) für Neurobiologie in Martinsried folgte er 2004 dem Ruf an die Technische Universität Braunschweig, wo er seit 2007 die Professur für Zelluläre Neurobiologie sowie die Geschäftsführung des Instituts für Zell-und Neurobiologie innehat.

2012 gründete er außerdem eine Arbeitsgruppe im Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig und vernetzt hier die Bereiche Infektion und neurodegenerative Erkrankungen. Unsere Autorin Martina Zingler sprach mit ihm über den Zusammenhang von optimistischen Haltungen und neurologischen Prozessen.
 

Fünf Fragen an Professor Martin Korte

Herr Professor Korte, beschreiben Sie  bitte kurz mit Ihren Worten Ihren Forschungsschwerpunkt und womit Sie sich aktuell beschäftigen.

Korte: Mein Forschungsschwerpunkt dreht sich ums Lernen und Vergessen. Auf der einen Seite beschäftigen wir uns mit den Mechanismen, wie unser Gehirn Informationen speichert. Auf der zellulären Ebene beobachten wir, wie man erinnert. Und vor allem, und das ist der aktuelle Schwerpunkt unserer Arbeitsgruppe, beschäftigen wir uns mit Erkrankungen des Gehirns, wie etwa mit der Alzheimer Erkrankung. Damit sind wir beim Thema Vergessen. Hier untersuchen wir zum Beispiel, auf welche Weise entzündliche Prozesse im Gehirn die Krankheit beschleunigen, möglicherweise sogar verursachen. Da können auch Infektionen eine Rolle spielen.

Auf der anderen Seite erforschen wir, inwieweit entzündliche Prozesse bei Depressionen eine Rolle spielen, oder auch wie die Zusammensetzung der Darmflora und genetische Veranlagungen das Risiko zu erkranken beeinflussen. Und natürlich auch, welche Faktoren im Gehirn uns widerstandsfähiger machen.
 

Professor Martin Korte erklärt die Zusammenhänge von Optimismus und neurologischen Prozessen. Martina Zingler
Professor Martin Korte erklärt die Zusammenhänge von Optimismus und neurologischen Prozessen.

Lassen Sie uns zum Thema „Optimismus“ kommen. Kann man dieses Phänomen neurowissenschaftlich erklären? 

Korte: Zunächst einmal muss man sagen, dass es im Hinblick auf das breite  Spektrum zwischen Pessimismus und Optimismus eine genetische Veranlagung gibt. Wie optimistisch - oder auch pessimistisch - eine Person ist, hängt auch damit zusammen, wie risikobereit ein Mensch ist. Und das hat wiederum damit zu tun, wie effektiv das Neurotransmittersystem funktioniert. Dieses System arbeitet mit Dopamin. Es gibt zum Beispiel Menschen, die offener, bis zu einem gewissen Grad auch risikobereiter sind. Das sind dann auch eher die optimistischeren, die glauben, es wird schon gut gehen.

Dazu kommt dann noch die Lebenserfahrung. Man kann etwa lernen, wie man sich in einer kritischen Situation verhält und wie man einen Ausweg daraus findet. Immer wenn ich an einen Ausweg glaube, ist das eine optimistische Einstellung. Man würde also versuchen - auch unter Stress - , noch frei denken zu können. Man muss sich selbst dann immer wieder klar machen: Ich bin der Handelnde. Hier spielt Autonomie eine ganz wichtige Rolle.

Deshalb fällt es auch vielen Angestellten, die weniger mitentscheiden dürfen, schwerer optimistisch zu sein. Wenn ich als Arbeitgeber möchte, dass meine Mitarbeiter optimistischer in die Zukunft schauen, hilft es, sie auch an Entscheidungsprozessen zu beteiligen, Meinungen einzuholen, und da, wo es geht, auch Freiräume zu schaffen, wann sie was am Tag erledigen und wo und wie sie arbeiten möchten - natürlich im Rahmen der betrieblichen Möglichkeiten.

Denn wir sind um so pessimistischer, je stressbehafteter eine Situation ist. Wenn Stress in Angst umschlägt, wird die assoziative Kraft des Gehirns eingeschränkt. Firmen sollten also darauf achten, dass der Stress bei den Mitarbeitenden nicht in Angst umschlägt, etwa um den eigenen Arbeitsplatz. Sie sollten stattdessen Wege finden, den Stress zu nutzen, um das, was zusätzlich an Energie frei wird, für erhöhte denkerische Leistung zu nutzen.
 

 

„Je optimistischer, desto assoziativer arbeitet das Gehirn. Je besser die Stimmung, desto eher kann das Gehirn komplexe Probleme lösen.“

Prof. Dr. Martin Korte, Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig

Was genau, würden Sie sagen, passiert dabei im Gehirn?

Korte: Optimismus vermittelt eine Erwartungshaltung im Gehirn, die eine Lösung benötigt. Dafür braucht es den Botenstoff Dopamin. Dopamin wird ausgeschüttet, wenn man glaubt, eine anspruchsvolle Aufgabe auch lösen zu können. Es wird nicht ausgeschüttet, wenn die Aufgabe trivial und langweilig ist. Dann brauche ich auch keinen Optimismus. Das Dopamin bewirkt eine Konzentrierung auf das Thema. Es stärkt den Gedächtnisabruf. Ich habe mehr Informationen zur Verfügung, um das Problem lösen zu können. Und wenn ich Lösungsideen habe, erleichtert es auch das Abspeichern dieser Lösungsmöglichkeiten.

Stress wirkt diesem System entgegen. Bei hohem Stress werden Glukokortikoide wie z.B. das Cortisol ausgeschüttet, das wiederum die Freisetzung von Dopamin verhindert. Dann ist man eher dazu verleitet, bestimmte Handlungsabläufe stereotyp zu wiederholen, die nicht wirklich das Problem lösen, sondern das Gehirn eher in den ‚Pessimusmus-Modus‘ versetzen.

Wir haben also auf der einen Seite das Dopamin, auf der anderen Seite die Stresshormone, vor allem wenn sie mit Angst und der Aktivierung der Gehirnregion der Amygdala zusammenhängen. Wenn die Amydala stärker aktiviert wird als der Stirnlappen, dann neigen wir eher dazu, stereotyp das Gleiche zu machen und nicht optimistisch nach neuen Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Dann schlägt eben das Denken in Angst und in Pessimismus um.
 

Kann man das irgendwie trainieren?

Korte: Ja, das geht. Zum Beispiel, indem man lernt, mit Stresssituationen umzugehen. Die Lösung ist nicht, Stress zu meiden. Man sollte vorher schon antizipieren, was man machen kann, wenn man in eine solche Stresssituation kommt, damit man sich weiter als Handelnder fühlen kann. Dann sollte man darüber reflektieren, dass und wie man das Problem lösen kann. Um das Problem lösen zu können, sollte ich es einordnen. Wie wichtig ist es für mein zukünftiges Leben, wenn es denn schief geht? Und auch in Kauf zu nehmen, dass es schief geht. Ich darf auch Fehler machen, ich kann daraus etwas lernen! Es nimmt häufig auch ganz viel Druck aus den Situationen, wenn man sich zugesteht, auch Fehler machen zu dürfen. Oft führt es auch dazu, dass man am Ende viel weniger Fehler macht, weil der Stress nicht in Angst umschlägt.

Das sind wichtige Mechanismen, die helfen, den Stress zu bewältigen und optimistisch zu bleiben. Dazu gehört auch, Lösungsvorschläge zu notieren und diese dann weiterzudenken bzw. aus der Vielfalt der Möglichkeiten das Optimale auszuwählen. Es hilft auch, mit anderen zu sprechen und anderen Mut zuzusprechen, nicht nur als Rezipient, sondern auch als Sender, sie also positiv zu bestärken, dass sie an sich glauben und auch daran glauben, dass das Problem lösbar ist. 
 

„Das nennt sich Selbstwirksamkeit - und wenn wir die erhöhen bei uns selbst oder anderen, fördert das die Fähigkeit des Gehirns, optimistisch zu arbeiten.“

Prof. Dr. Martin Korte, Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig

Derzeit erleben wir viele Krisen. Hat das Gehirn Schutzmechanismen, um solchen Krisen zu begegnen? Und wie würden Sie erklären, dass oft gerade kranke oder anderweitig beeinträchtigte Menschen besonders optimistisch sind?

Korte: Auch da hilft es, das Problem erstmal einzuordnen. Krisen hat es schon immer gegeben. vielleicht früher sogar mehr als heute. Wir dürfen uns sozusagen nicht denkerisch verführen lassen, weil in den Nachrichten eher negative Ereignisse einen höheren Stellenwert haben und unser Gehirn dem mehr Aufmerksamkeit widmet.

Statt immer nur auf die negativen Signale achten, könnten wir z.B. jeden Abend fünf schöne Dinge, die am Tag passiert sind, notieren. Es geht einfach darum, darüber nachzudenken und die Krisen dieser Welt leichter einzuordnen. Auf der anderen Seite sollte man sich immer wieder klarmachen, was man verändern kann und was nicht. Wie kann ich mit der Situation konkret in meinem Alltag umgehen, etwa wenn die Benzinpreise sich erhöht haben. Fahre ich vielleicht doch mit dem Fahrrad? Dann stressen mich die Preise nicht so. Und ich tue gleichzeitig was für die Gesundheit und für das Klima.
 

„Was kann ich tun, dass ich mich selbst weiter als Handelnder fühle? Die globalen Themen nicht ignorieren - das ist nicht meine Botschaft - , aber Freiräume schaffen für Dinge, die ich beeinflussen kann.“

Prof. Dr. Martin Korte, Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig

Menschen, die offenbar besser mit Krisen umgehen können, wenden diese Mechanismen an oder haben generell eine genetische Veranlagung oder ein Umfeld, das sie immer wieder bestärkt und aufbaut. Sollte man kein „genetischer Sonnenschein“ sein, kann man aber immer wieder versuchen, eine Situation so einzuschätzen, als könne sie einen positiven Ausgang haben - den man letztendlich auch selbst beeinflussen kann.
 

 

Herr Professor Korte, vielen Dank für dieses interessante Gespräch!