Die Interviewpartner von ReTraSON. ReTraSON

Fahrzeugzulieferindustrie: Strategien für die Neuausrichtung
6 Fragen an ReTraSON

Die Automobil- und Zulieferindustrie in der Region Braunschweig-Wolfsburg steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Elektrifizierung, Digitalisierung, autonomes Fahren und neue Mobilitätsdienste verändern nicht nur Fahrzeuge und Technologien, sondern auch Wertschöpfung, Arbeitswelten und Geschäftsmodelle. Mit ReTraSON ist in der Region ein Transformationsnetzwerk entstanden, das diesen Wandel nicht nur beobachtet, sondern aktiv mitgestaltet.
 

Transformation gemeinsam denken

ReTraSON steht für das Regionale Transformationsnetzwerk für die Region Braunschweig-Wolfsburg und wird von der Allianz für die Region GmbH getragen. Das Projekt wurde ins Leben gerufen, um gemeinsam mit Unternehmen, Wissenschaft, Verbänden und weiteren regionalen Akteuren eine Transformationsstrategie für die Fahrzeug- und Zulieferindustrie zu entwickeln.

Der Ansatz ist bewusst breit angelegt: Im Netzwerk werden technologische Entwicklungen ebenso betrachtet wie Fragen zur Zukunft der Arbeit, infrastrukturelle Rahmenbedingungen und neue Geschäftsmodelle. Diese fünf Themenfelder bilden die TransformationsLabs von ReTraSON, in denen konkrete Handlungsansätze für die Region erarbeitet werden.

Gerade dieser integrative Blick macht ReTraSON zu einem wichtigen Instrument regionaler Zukunftsgestaltung. Denn die Transformation der Mobilitätswirtschaft gelingt nicht auf einer Ebene allein, sondern nur dann, wenn technologische Innovation, Qualifizierung, Kooperation und Standortentwicklung zusammengedacht und möglichst viele Akteure beteiligt werden.

Im Interview: Kerstin Schläger, Julia Gasch, Simone Lange und Hinrich Weis von ReTraSON. ReTraSON
Im Interview: Kerstin Schläger, Julia Gasch, Simone Lange und Hinrich Weis von ReTraSON.

Strategie mit Praxisbezug

Im Juni 2025 präsentierte ReTraSON die regionale Transformationsstrategie für die Fahrzeug- und Zulieferindustrie. Grundlage dafür waren drei Jahre intensive Arbeiten der Forschungspartner, zahlreiche Unternehmensgespräche, Workshops und Großveranstaltungen (wie die Transfernale) mit großer regionaler Beteiligung. 

Die vorgestellte Strategie zeigt, dass Transformation in der Mobilitätswirtschaft nur dann erfolgreich sein kann, wenn technologische und arbeitsbezogene Perspektiven zusammengeführt werden. Neben Innovation und Produktion rücken damit auch Weiterbildung, Veränderungsfähigkeit und die Gestaltung künftiger Arbeitsprozesse in den Mittelpunkt. Aus der Arbeit des Netzwerks ließen sich konkrete Perspektiven für die Region ableiten. 

Prof. Dr.-Ing. Thomas Vietor von der TU Braunschweig, der im TransformationsLab Technologie mitarbeitet, beschreibt den Ansatz so: „Über 40 Schlüsseltechnologien wurden analysiert und aus den Ergebnissen eine regionale Transformationsstrategie entwickelt. Zentrale Erfolgsfaktoren sind Innovationsförderung, Kooperation von Industrie und Forschung sowie Weiterbildung. Die technologische Zukunft birgt große Chancen, erfordert aber aktives, strategisches Handeln aller regionalen Akteure.“

 Damit wird deutlich: Die Zukunft der Fahrzeugzulieferindustrie entsteht nicht allein im Werk oder im Labor, sondern im Zusammenspiel von Unternehmen, Forschung und allen Menschen, die bereit sind, für die Region Verantwortung zu übernehmen. ReTraSON schafft dafür eine Struktur, die Analyse, Dialog und Umsetzung miteinander verbindet.

Im Gespräch mit der Redaktion beantworten die Projektmanager*innen vom  Team ReTraSON sechs zentrale Fragen über Arbeitsschwerpunkte und die Transfernale.

An wen richtet sich das Transformationsnetzwerk ReTraSON?

Simone Lange: “ReTraSON richtet sich an Unternehmen der Fahrzeug- und Zuliefererindustrie in der Region Braunschweig-Wolfsburg – von großen Industrieunternehmen bis hin zu kleinen und mittleren Unternehmen. Darüber hinaus sind Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Kammern, Verbände, Gewerkschaften, Kommunen und Wirtschaftsförderungen eingebunden. Ziel ist es, alle relevanten Akteure der regionalen Mobilitätswirtschaft zusammenzubringen, um die Transformation der Automobilindustrie gemeinsam zu gestalten und die Zukunftsfähigkeit der Region zu stärken.”

Hinrich Weis und Simone Lange von ReTraSON. ReTraSON
Hinrich Weis und Simone Lange von ReTraSON.

Wie lässt sich das Arbeitsergebnis der ersten drei Jahre seit Gründung von ReTraSON auf den Punkt bringen?

Hinrich Weis: “Seit 2022 vernetzt ReTraSON erfolgreich die wesentlichen Akteure der Mobilitätsregion Braunschweig-Wolfsburg und hat damit eine gemeinsame Grundlage für die regionale Transformation geschaffen. Dazu gehörten umfangreiche Analysen zur wirtschaftlichen und technologischen Ausgangssituation der Region, die Identifikation zentraler Zukunftsthemen sowie die Entwicklung strategischer Handlungsfelder. Gleichzeitig konnten Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft gestärkt, neue Dialog- und Beteiligungsformate aufgebaut und Projekte entwickelt werden. Das Netzwerk hat damit wichtige Impulse gesetzt, um Innovationen, Beschäftigung und Wertschöpfung in einer sich stark wandelnden Automobilindustrie langfristig zu sichern.”

Aus welchem Fördertopf erhält ReTraSON Unterstützung und für welchen Zeitraum?

Simone Lange: “ReTraSON wird durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) im Rahmen der Förderinitiative ‘Transformationsstrategien für Regionen der Fahrzeug- und Zuliefererindustrie’ unterstützt. Die Förderung wurde 2021 ins Leben gerufen, um Regionen mit einer starken Automobil- und Zuliefererindustrie bei der Bewältigung des tiefgreifenden Strukturwandels zu begleiten. Ziel ist es insbesondere, regionale Innovationskraft, Wissenstransfer und neue Zukunftsperspektiven für Beschäftigung und Wertschöpfung zu fördern.”

Können Sie uns ein Beispiel geben, wofür Fördergelder eingesetzt werden?

Hinrich Weis: “Die Fördergelder werden unter anderem für die Analyse regionaler Stärken und Herausforderungen, für Netzwerkmanagement sowie für die Entwicklung konkreter Zukunftsstrategien eingesetzt. Ein Beispiel ist die Beauftragung der Prognos AG mit einer umfassenden Situations- und Chancen-Risiko-Analyse der Region Braunschweig-Wolfsburg sowie mit einer Studie zum Stand der Entwicklung im Bereich Robotik & Automatisierung. Darüber hinaus finanzieren die Mittel Workshops, Beteiligungsprozesse und Dialogformate zwischen Unternehmen, Wissenschaft und Politik wie die Transfernale. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Wissenstransfer: KMU erhalten Zugang zu aktuellen Forschungserkenntnissen und innovativen Technologien – etwa in den Bereichen Elektromobilität, Digitalisierung, automatisiertes Fahren oder Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig entstehen neue Kooperationen und Projektideen, die die Innovationsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Region stärken sollen.”

Eventvideo - Vorstellung der Transformationsstrategie

Die Transfernale macht Transformationsthemen in der ganzen Region sichtbar. Welches ist Ihr persönlicher Favorit unter den Workshops?

Kerstin Schläger: “Anstatt eine Stage exemplarisch hervorzuheben, würde ich eher das Format insgesamt in den Blick nehmen: Die Transfernale schafft an unterschiedlichen Orten Räume für echten Austausch, neue Kooperationen und gegenseitiges Verständnis. Jede der acht Stationen bringt ihren eigenen Charakter und besondere Impulse mit. Genau diese Vielfalt ist es, die den Mehrwert der Reihe ausmacht und unterschiedliche Zugänge zum Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft eröffnet. Mein persönlicher Favorit ist daher nicht eine einzelne Stage unseres Innovationsfestivals, sondern eher im Gegenteil das Zusammenspiel aller Stages. Jede bringt eigene Perspektiven und Akteure zusammen und zeigt auf ihre Weise, wie fruchtbar der Dialog zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sein kann. Darüber hinaus nährt sich jede weitere Stage von dem Austausch der bereits gelaufenen Stages. Das ist auch einer der Gründe, weshalb wir uns dieses Jahr dafür entschieden haben, das Format zu entzerren und auf acht Wochen auszuweiten.”

 

Kerstin Schläger und Julia Gasch von ReTraSON sprechen über die Transfernale. ReTraSON
Kerstin Schläger und Julia Gasch von ReTraSON sprechen über die Transfernale.

Wer darf sich auf den acht „Stages“ der Transfernale präsentieren und wie treffen Sie eine Auswahl?

Julia Gasch: “Die Auswahl der Stages erfolgte im Projektteam auf Basis unserer inhaltlichen Zielsetzung. Die Unternehmen wurden im Projektteam so ausgewählt, dass unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden und der Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft möglichst breit und praxisnah gelingt. Wichtig war uns, Unternehmen auszuwählen, die Transformation sichtbar und erlebbar machen – also Beispiele bieten, die sowohl inhaltlich relevant als auch für die Teilnehmenden besonders anschaulich und inspirierend sind. Zudem haben wir dann auf der wissenschaftlichen Ebene passende Profesor:innen mit ins Boot geholt, die die Transformationsprozesse aus der wissenschaftlichen Perspektive ergänzen können, um einen Mehrwert sowohl für das Unternehmen als auch für die Teilnehmenden zu schaffen.”

 

Transfernale als Schaufenster

Ein wichtiger Ort für diesen Austausch ist die Transfernale, das Innovationsfestival der Region Braunschweig-Wolfsburg. Unter dem Motto „Wirtschaft trifft Wissenschaft“ lädt sie in diesem Jahr vom 13.8. bis 1.10. zu acht Workshops an acht verschiedenen Orten in der Region ein. 
Die Transfernale macht sichtbar, wie regionale Innovationskraft entsteht: in Laboren, Werkhallen und Denkfabriken, in denen Wissenschaft und Wirtschaft miteinander ins Gespräch kommen. Auf transfernale.de finden sich weitere Informationen zum Programm und zu den einzelnen Veranstaltungen. 

Gerade für Unternehmen aus der Fahrzeug- und Zulieferindustrie bietet das Festival eine besondere Gelegenheit, neue Impulse aufzunehmen, Kontakte zu knüpfen und gemeinsam an Zukunftsthemen zu arbeiten. So wird aus dem Netzwerkgedanken ein praktischer Transfer in die regionale Wirtschaft.
 

Fazit

ReTraSON zeigt, wie regionale Transformationsstrategie in der Praxis aussehen kann: vernetzt, anwendungsnah und mit Blick auf einen kompletten Wirtschaftsbereich. Das Netzwerk bündelt technologische, organisatorische und infrastrukturelle Perspektiven und leistet damit einen wichtigen Beitrag dazu, die für die Region Braunschweig-Wolfsburg außerordentlich wichtige Fahrzeugzulieferindustrie zukunftsfähig aufzustellen.

Die Aufgabe bleibt anspruchsvoll. Doch mit dem gemeinsamen Wissen aus Wirtschaft und Wissenschaft, mit Formaten wie der Transfernale und mit einer klaren regionalen Strategie entsteht in der Region eine belastbare Grundlage für den Wandel.