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Von Teilzeit bis Teamleitung – Gleichstellung in der Region

Das Bild zeigt je zur Hälfte den Oberkörper einer Frau und eines Mannes. (Bildrechte: Gerd Altmann/Pixabay)

Privates und Beruf, Arbeit und Familie – diese Felder sind nicht immer einfach unter einen Hut zu bringen. Gleichstellung zwischen den Geschlechtern, aber auch von anderen Menschen, beispielsweise solchen mit Behinderungen, ist ein Thema in der Arbeitswelt. Ihm wird immer mehr Aufmerksamkeit zugemessen. Die Arbeit der Zukunft ist egalitär aufgestellt. Entscheiderinnen und Entscheider in der Region, beispielsweise beim IT-Dienstleister eck*cellent, befassen sich mit dem Thema, ebenso die Gleichstellungsbeauftragten der Städte und Kommunen.

Frauen in der Arbeitswelt – eine Frage des Zutrauens

Marion Lenz ist die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Braunschweig, Geschlechtergerechtigkeit ist ihr Beruf. Auf die Frage, was der Stand ist, antwortet sie: „Die Zahlen haben sich zwar verändert, aber die Strukturen sind immer noch dieselben.“

In sogenannten technischen Berufen arbeiten nach wie vor überwiegend Männer, in sogenannten sozialen Berufen überwiegend Frauen. In Pflegeberufen, so die 57-Jährige, arbeiten bis zu 80 Prozent Frauen. „Auf der Leitungsebene sinkt dieser Anteil dann auf rund 50 Prozent.“

Vielfalt in der Region

Es gibt viele Gründe dafür, warum sich Frauen mit weniger zufriedengeben als Männer. „Wenn eine Frau in eine Führungsposition kommen will, muss sie häufig beweisen, dass sie es kann. Männern werden diese Stellen viel häufiger zugetraut“, so die Braunschweigerin.

Warum ist das so? Das hat mit Rollenbildern zu tun. „Im sogenannten Westdeutschland herrscht weiterhin die Auffassung vor, dass Kinder und Mütter zusammengehören“, weiß Lenz. „In Ostdeutschland dagegen ist die Anschauung mehr etabliert, dass Frauen ihren Platz in der Arbeitswelt haben.“

Eine Frau lehnt an einem Geländer.
Marion Lenz ist die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Braunschweig. Sie wirbt für Sensibilität. (Foto: Jörg Scheibe)

Lenz: Es braucht mehr Sensibilität von beiden Seiten

Ohne Quote tue sich nichts, ist Lenz überzeugt. Nachfolger würden häufig danach ausgewählt, ob sie einem ähnlich seien – ist der Chef ein Mann, ist der Nachfolger das dann auch. Das sei kein bewusster Vorgang. Und ebenso unbewusst sind Verhaltensweisen, die Frauen wie Männer an den Tag legen.

Frauen würden häufig zu Zurückhaltung sozialisiert. Männer dagegen würden bereits als Kinder in Konkurrenzsituationen aufwachsen, das prägt dann auch den raueren Umgangston. Und, wer in eine Führungsposition kommt, ist nicht mehr Teil des Teams. Das schrecke viele Frauen ab.

„Der Anspruch kann nicht sein, dass Frauen wie Männer werden müssen, um in Führungspositionen zu gelangen.”

Marion Lenz, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Braunschweig

Alle sollten umdenken: Frauen, Familien, Unternehmen

Teilzeit könne ein Modell sein, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu stärken. Davon profitiert nicht zuletzt das Unternehmen. „Wer Teilzeit arbeitet, verwendet effektiv mehr Zeit auf seine konkrete Tätigkeit als jemand, der Vollzeit arbeitet“, weiß Lenz. Es würde sich also sogar lohnen.

Aber ein Umdenken müsse nicht nur bei den Unternehmen einsetzen, sondern auch bei den Frauen und ihren Familien. „Hier geht die Frau in Elternzeit und der Mann arbeitet weiter. In anderen Ländern, Frankreich zum Beispiel, arbeiten beide Elternteile und investieren mehr Geld in die Betreuung ihrer Kinder."

Faire Arbeitsbedingungen für alle Menschen

Deutschland liegt im europäischen Vergleich hinten

Die oberste Führungsebene in der Region ist männerdominiert. Laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr waren beispielsweise 19,4 Prozent der Führungspositionen in regionalen Verbänden und Kammern mit Frauen besetzt. Das entspricht 12 von insgesamt 62 Führungsstellen. Im Gesundheitswesen waren es 23,7 Prozent.

In den großen Wirtschaftsförderungsgesellschaften waren es 5,6 Prozent. Der Dienstleistungssektor hatte die niedrigste Frauenquote: Nur 5 Prozent der höchsten Leitungspositionen in diesem Bereich waren mit Frauen besetzt.

Zum Vergleich: In Gesamtdeutschland lag der Anteil von Frauen in Führungspositionen im Jahr 2020 bei 28 Prozent. Das zeigen Daten des Statistischen Bundesamtes. Der Europäische Durchschnitt liegt dem Amt zufolge bei 34 Prozent.

Spitzenreiter mit einem Anteil von 47 Prozent war Lettland, Schlusslicht Zypern mit 25 Prozent. In unserem Nachbarland Polen lag der Anteil bei 44 Prozent, in Frankreich knapp unter 36 Prozent.

eck*cellent IT: preisgekrönt mit individuellen Lösungen

Der IT-Dienstleister eck*cellent aus Braunschweig ist auf der Führungsebene paritätisch aufgestellt. Rebecca Labes und Imo Hermes teilen sich die Geschäftsführung des Unternehmens, das seit 2005 unter den Top 10 des Bundeswettbewerbs „Erfolgsfaktor Familie 2005“ changiert.

2010 erreichten die IT’ler den ersten Platz beim niedersächsischen Preis für familienfreundliche Unternehmen. Was ist das Geheimnis? „Gleichstellung ist bei uns kein Thema, das besonders behandelt wird. Es wird einfach täglich gelebt!“, sagt Geschäftsführerin Labes.

Das Unternehmen bietet seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle werden unterstützt. „Wir versuchen für alle Kolleginnen und Kollegen eine individuelle Lösung zu finden“, sagt Hermes.

Dazu gehöre auch, dass die Detailplanung in den einzelnen Teams des 110-Mitarbeiter-Unternehmens geschehe. „Wir sehen den Menschen als Ganzes und fördern die Modelle der modernen, neuen Arbeitswelt, um die Zufriedenheit zu unterstützen."

Ein Mann und eine Frau stehen hinter einer Sitzgruppe, auf der zwei Frauen sitzen.
Imo Hermes (von links), Helene Nicolai, Valeria Virzi und Rebecca Labes von eck*cellent IT leben Gleichstellung. (Foto: Frank Spyra)

„Das Technikum hilft uns auch dabei uns zwischen Ausbildung und Studium zu entscheiden.”

Valeria Virzi, Technikantin bei eck*cellent IT

Nachwuchsförderung für Frauen in MINT-Berufen: das Niedersachsen Technikum

Ein Projekt, das Frauen im MINT Bereich aufbauen soll, und an dem eck*cellent teilnimmt, ist das Niedersachsen-Technikum. Dabei handelt es sich um ein Praktika-Programm, das praktische Erfahrungen in unterschiedlichen MINT-Berufen ermöglichen soll.

Valeria Virzi und Helene Nicolai sind seit September damit beschäftigt, bei eck*cellent ein Spiel zu entwickeln. Einmal in der Woche besuchen sie zusätzlich Informatik-Veranstaltungen an der TU Braunschweig.

„Das Technikum ist nicht nur gut, wenn es um die reine Informatik geht“, sagt Virzi. „Es hilft uns auch dabei uns zwischen Ausbildung und Studium zu entscheiden.“

Nicolai ergänzt: „So oder so ist es gut, Vorerfahrungen zu sammeln.“ Die beiden haben sich allerdings schon entschieden: es wird ein Studium und es wird eines der Informatik.

Eine Frau und ein Mann im Business-Kleidung stehen nebeneinander und schauen in die Kamera.
Sich auf Augenhöhe begegnen, nicht mehr und nicht weniger: Das sollte das Ziel gesellschaftlicher Bestrebungen sein. (Foto: Tomisu /Pixabay)

Frauen in Führungspositionen: mehr als nur „in”

„Frauen in Führungspositionen einzusetzen galt lange als „in“, sagt Daniela Hohl, Human-Resources-Teamleiterin bei FUNKE Medien Niedersachsen. Aber sie sei da eher skeptisch. „Die eigentliche Frage ist doch: Wie ergänzt man sich?“

Männer und Frauen hätten unterschiedliche Charaktermerkmale, das hätten Studien gezeigt. „Frauen hören besser zu und können besser mit Geld umgehen“, nennt sie Beispiele. Also heiße es, auf Basis dieser Erkenntnisse bessere Entscheidungen zu treffen.

Sie selbst hatte sich nach dem Abitur zunächst gegen ein Studium entschlossen. 2004 begann sie eine Ausbildung zur Hotelfachfrau in Wolfsburg. „Dort habe ich gelernt mit Menschen umzugehen“, erinnert sich die 39-Jährige, die nun in der Nähe von Potsdam wohnt.

2008 wechselte sie dann zu einem großen amerikanischen Konzern und in den Personalbereich. Nebenher absolvierte sie ein Studium der Wirtschaftspsychologie. 2020 kam dann der Wechsel in die FUNKE Mediengruppe.

Eine Frau sitzt in einem Büro an einem Schreibtisch.
Daniela Hohl stieß noch nie gegen eine gläserne Decke. „Die läge wohl auch höher”, sagt die 39-Jährige. (Foto: Joshua Connor Müller)

Hohl: „Bezieht euch positiv auf euer Frau-Sein”

Und ist sie schon einmal an eine gläserne Decke gestoßen? „Nein, nie“, sagt Hohl und schmunzelt. „Die läge wohl auch höher.“

Trotzdem gibt es Fallstricke für Frauen. Ein und dasselbe Verhalten wird bei ihnen häufig anders ausgelegt als bei ihren männlichen Kollegen. Was unter Männern als „tough“ gelte, werde bei Frauen oft als „zickig“ gelesen.

In der FUNKE Mediengruppe werden Frauen gefördert. Einerseits ist der größte Teil der Auszubildenden weiblich. Andererseits gibt es die sogenannten Potenzialträgerinnen. Das sind 81 angehende Führungskräfte, durchwegs Frauen, die darauf vorbereitet werden, in Zukunft Führungsverantwortung zu übernehmen oder den Führungspositionen, die sie bereits innehaben, noch besser gerecht zu werden.

Hohl richtet einen Appell an alle Frauen, die sich für einen solchen Weg entscheiden: „Bezieht euch positiv auf euer Frau-Sein. Entwickelt eure Stärken und bringt sie in eure Arbeit ein!“

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