Zum Inhalt springen

Stadionfunk – die Eintracht Braunschweig-Kolumne: Viele Köche, viele Fragen…

  • Datum: 5. Februar 2020
  • Kommentare: 0
Ausgleichstor gegen Jena. (Bildrechte: Malte Schumacher)
Foto von Kay Rohn und Malte Schumacher
Kay Rohn und Malte Schumacher
Alle Beiträge (35)

Am Samstag war der FC Carl Zeiss Jena zu Gast im Eintracht-Stadion. Ein Spiel, zwei Perspektiven. Unsere Regionäre Malte Schumacher und Kay Rohn berichten.

Malte Schumacher

Am Anfang ist Tristesse

Nee, die Vorfeude auf das Spiel heute ist mau bei mir. Die Niederlage in München war so niederschmetternd und enttäuschend – ich bin ratlos. Der Punkteschnitt von Marco Antwerpen in seinen bisherigen sechs Spielen liegt bei 1,33. Die Mannschaft hat mit ihm 8 von 18 möglichen Punkten geholt – zwei Siege, zwei Unentschieden, zwei Niederlagen. Das nennt man ausgeglichen, oder auch mittelmäßig. Gerade in München hatte ich mehr erwartet: Ich wollte eine Spielweise sehen, die erkennen lässt, dass der Trainer nun angekommen ist und seiner neuen Mannschaft bereits seine Spielidee vermittelt hat. Pustekuchen, 1:4-Klatsche.

Viele Köche verderben den Brei…

Bis zum 15./16. Juni 2019 waren noch André Schubert und Christian Flüthmann verantwortlich für die Kader-Zusammenstellung. In diesen Zeitraum fallen auch die Verpflichtungen von Ademi, Putaro und Kobylanski. Am 17. Juni wurde Peter Vollmann als neuer Sportdirektor installiert, von da an hat er sich in diese für ihn neue Rolle eingearbeitet. Im November dann seine erste große Tat: Flüthman raus, Antwerpen rein. Nach der München-Klatsche ist meine Diagnose klar: Der Trainer wirkt komplett überfordert mit seiner Aufgabe, aus diesem von zuvielen Köchen zusammengerührten Brei ein schlagkräftiges Team zu formen…

Sitzen – einfach mal sitzen

Angesichts dieser Ausgangslage bin ich ganz froh, dass Poppy vom Markenstudio mir gestern seine beiden Business-Karten angeboten hat. Ich will heute aus Block 3 von kurz oberhalb unserer Trainerbank ganz genau studieren, ob ich eine Antwerpensche Spielidee erkennen kann… An meiner Seite dabei ist heute mein alter Freund Locke aus Wolfenbüttel.

Zunächst aber schaue ich mir am FanRat-Wagen gegenüber vom FanHaus eine mal wieder besondere Fan-Aktion an. Ingo Hagedorn aus der aktiven Fan-Szene hat in Zusammenarbeit mit dem „Good Fellaz Tattoo Shop“ in Vechelde Shirts und Aufnäher produziert, die heute zu Gunsten des ASB-Wünschwagens verkauft werden. Seit 2014 erfüllt das rein ehrenamtlich getragene und ausschließlich aus Spenden finanzierte Projekt des Arbeiter-Samariter-Bundes schwerstkranken Menschen einen besonderen Herzenswunsch und fährt sie noch einmal an ihren Lieblingsort (www.wuenschewagen.de). Bei dem Zweck kann ich natürlich nicht Nein sagen – eines der „In Eintracht für Braunschweig“-Shirts ist nun meins.

Hoffnungsvolle Tipps

Auf dem Weg zu Locke, den ich an der „Wahren Liebe“ treffe, sammele ich Tipps ein. Am Stammtisch-Wagen der „Conti-Boys“ aus Block 8 heißt es „2:1“. Manu („2:0“) und Markus („1:0“), die ich in der Rheingoldstraße treffe, hoffen – wie auch ich – mal auf einen Gegentrefferfreien Samstag. Wobei Markus betont: „Das wird ein dreckiges 1:0, mit nem Elfer für uns erst in der 94. Minute….“ Im Business-Bereich werden die Vorhersagen dann deutlicher: Matthias Fricke von ALBA wünscht sich ein „5:0“ und lacht, Carsten Ueberschär von der Volksbank BraWo wäre mit einem „3:1“ zufrieden, auch er aber lacht dabei laut, und ich spüre seine Skepsis.

Noch guter Dinge sind vor dem Spiel Carsten und Locke.
Carsten und Locke sind vor dem Spiel in der "Wahren Liebe" noch guter Dinge... (Foto: Malte Schumacher)

Die Aufstellung

Locke und ich plaudern beim Bier über die momentane Eintracht-Tristesse, er beobachtet das alles immer eher aus der Ferne. Mitten in unseren Plausch platzt die Aufstellung: Becker spielt anstelle von Ziegele hinten neben Nkansah, Kammerbauer und Otto sind im Mittelfeld neu. Der Trainer hält also an Unsicherheitsfaktor Nkansah fest – für mich unverständlich. Der muss ein Trainings-Weltmeister sein, anders ist das nicht zu erklären. Zudem fällt auf, dass sowohl Flüthmann als auch Antwerpen dazu neigen, jede Woche eine andere Formation zu bringen. Ist das gut? Schafft das defensive Sicherheit? Nein. Kay sitzt mit seiner Tochter nur wenige Meter entfernt von uns – auch der schüttelt den Kopf ob der Aufstellung

Sitzen…

Ja okay, als wir dann unsere Sitzplätze einnehmen, wird mir klar, dass ich hier nur bedingt hingehöre. Fußball im Stehen, in gewohnter Block 6-Umgebung, mit all‘ meinen Mädels und Jungs – das ist mir schon sehr wichtig. Heute aber habe ich ja einen Auftrag: Wo ist die Spielidee? Außerdem ist man hier schon ziemlich nah dran – die Einlauf-Zeremonie sehe ich nie so deutlich aus Block 6…

Nun, in der Anfangsphase ist tatsächlich ganz kurz etwas zu erkennen von einer Spielidee bei der Eintracht. Dann aber merkt Jena, dass man uns nur früh und hoch attackieren muss. Den Blau-Gelben fallen dann nur noch lange und weite Bälle ein, oder „Sicherheits-Rückpässe“. Diese Art von „Matchplan“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison – und ich kann sie nicht mehr sehen, die Spielidee. Jena ist mit 10 Punkten Abstand auf das rettende Ufer Tabellenletzter – können wir die nicht mal beherrschen?

Es geht los: Die EinlaufKinder verlassen den Rasen.
Die EinlaufKinder begleiten die Teams auf den Rasen. Dann geht es los. (Foto: Malte Schuhmacher)

Das Gegentor

Nein, können wir nicht. Wir sind wackelig in der Abwehr, Nkansah wirkt verunsichert und neigt sowieso dazu, brenzlige Situationen zu verursachen – eine führt rasch auch fast zu einem Gegentor, und die Zuschauer schimpfen und pfeifen bereits. Jasmin Fejzic gestikuliert böse in Richtung der Südkurve – er will seine Mitspieler schützen, das verstehe ich. Aber auf einmal ist die 27 von Jena durch und allein vor Fejzic, ein kluger Vertikal-Pass durch unsere Innenverteidigung hat genügt. Nkansah sieht unglücklich aus bei seinem Rettungs-Versuch, Fejzic muss den Ball schließlich passieren lassen – 0:1 nach 20 Minuten. Gegen den Tabellenletzten…

 

 

Fragen...

Danach geht dann gar nichts mehr. Ich starre auf’s Spielfeld und bin jetzt schon bedient. Keine Torchance, keine gefährliche Aktion – die Eintracht ist harmlos. „Was könnte man denn ändern?“, fragt Locke – und wir checken die Reservebank. Proschwitz, Kobylanski, Feigenspan – alles offensive Alternativen, klar – aber wer übernimmt denn endlich mal sowas wie den Spielaufbau? Und wer könnte die Defensive stabilisieren – wo ist eigentlich Pfitze? Fragen über Fragen…

„All In“ – Antwerpen pokert…

Zur zweiten Halbzeit geht unser Trainer „All In“ – er nimmt den Unsicherheitsfaktor Nkansah tatsächlich raus, auch den eher blassen Yari Otto. Dafür kommen Proschi und Koby. Hinten also nun eine Dreierkette aus Kessel, Becker und Kiwi, davor Wiebe und Kammerbauer, davor Bär, Koby und Biankadi – und Pourié und Proschwitz ganz vorne. 3-5-2 könnte man das nennen. Die Abwehr ist nun stabilisiert – aber dezimiert. Die Offensive ist nun gestärkt – aber woher bekommt sie die verwertbaren Zuspiele? Wenn das schiefgeht und wir heute verlieren, kann Peter Vollmann den nächsten Trainer anrufen. Friedhelm Funkel, wenn‘s nach mir geht.

 

 

Ausgleichstor gegen Jena.
Ein Tor! Der 1:1-Ausgleich gegen den Tabellenletzten. (Foto: Malte Schumacher)

Das Tor

Nun aber drückt die Eintracht zunächst mal, wir sammeln Ecken. Ich nehme mir vor – wenn ich schonmal hier sitze – ein Tor zu fotografieren. Bei jeder Chance also: Hoch die Kamera… Bei der insgesamt vierten Ecke klappt das dann: Bär stochert einen Ball ins Tor. Hurra, wenigstens der Ausgleich! Los jetzt, eine Bude noch, dann wird das doch noch ein Sieg…

Denkste – eine Spielidee ist immer noch nicht zu sehen. Sie hauen sich kämpferisch mehr rein als in der ersten Halbzeit, das stimmt wohl. Aber gelungene Spielzüge, oder gar im Rahmen eines sogenannten „Spielvortrages“ den Ball kontrolliert von hinten über das Mittelfeld nach vorne zu einem der beiden Stürmer zu bringen – das können wir nicht. Selbst die rote Karte gegen Jena kurz vor Ende nützt nichts – die verteidigen ihr Pünktchen mit allen Mitteln.

Abmarsch nach dem Schlusspfiff.
Ein Tor und ein Punkt gegen Schlusslicht Jena. Trauriger Abmarsch nach dem Schlusspfiff in die Kabine. (Foto: Malte Schumacher)

… und noch mehr Fragen

Ende, Schlusspfiff, Gemecker von den Rängen, Pfiffe. Die Spieler schleichen zum Teil mit hängenden Köpfen an uns vorbei in die Kabine. Was bleibt, sind noch mehr Fragen… Haben Schubert und Flüthmann irgendwas im Sinn gehabt bei ihrer Kaderplanung? Ist diese Mannschaft komplett falsch zusammengestellt? Kann aus diesem „Brei von vielen Köchen“ im Laufe der Saison irgendwann doch noch ein Team werden? Können die beiden Neuen, Pourié und Biankadi, damit umgehen – oder versinken sie mit ihren guten Ansätzen in diesem Brei? Am Freitag geht’s nach Duisburg, zu „unserem Torsten“. Die haben parallel in Münster 4:1 gewonnen. Ich habe Angst: Die schießen uns ab…..

Kay Rohn

Trainingslager im Tennisheim

Mit „Thilos Talk – die Dreizehnte“ am Freitagabend fängt das Fußballwochenende an. Geschichten, Wahrheiten und Anekdoten bei Pils und Fruchtsaft. Thorsten Stuckmann und Daniel Graf sind Gäste bei Thilo Götz und Dirk Schaper.

Etwa 60 Zuhörer lassen sich auf eine Reise in die Vergangenheit mitnehmen. Die beiden Moderatoren müssen nur kleine Impulse geben und die Zeit an der Hamburger Straße von 2003 – 2007 wird lebendig. Früher waren die beiden immer zusammen auf einem Hotelzimmer, heute sind sie zum ersten Mal getrennt untergebracht.

Die Sinnfälligkeit von Trainerentlassungen wird noch einmal kritisch aufgearbeitet am Beispiel der so genannten „Fünf-Trainer-Saison“ bei Eintracht, die beide miterlebt haben. Im Kommentar von Daniel Graf geht das so: „Da wird aktuell ein Trainer in Köln entlassen, am anderen Tag ist der schon bei Mainz – von einem Karnevalsverein zum anderen!“

Überhaupt fordern sie mehr Kontinuität, auch in der aktuellen Situation in Braunschweig. Anekdoten werden herausgekramt.

Trainer Vasic zu Stucki: „Was könntest Du besser machen?“ Stucki: „Unhaltbare Dinger halten?“

„Nein“, sagt Vasic, „haltbare halten!“

Stucki verrät, dass er Alex Kunze viel zu verdanken hat. Auch, dass sich Kunze seine Prämie beim Würfeln geholt hat. „Das waren meine geilsten vier Jahre hier in Braunschweig!“, sagt er.

Man nimmt es ihm nach der Schilderung seines weiteren sportlichen Weges über England, Aachen und Düsseldorf ab. Beide freuen sich, hier zu sein und den Kontakt mit der Eintracht zu halten, beide sind am Samstag auch zu Gast beim Spiel. Sie sind sich einig: Braunschweig braucht wieder Kontinuität, der Verein gehört in die 2. Liga. Geht das Spiel gegen Jena verloren, werde es wieder ungemütlich für alle Verantwortlichen.

Am Freitagabend: Thilo´s Talk mit Daniel Graf und Stucki.
Thilo´s Talk am Freitagabend. Zu Gast sind Daniel Graf und Stucki. Letzterer sagt: Das waren meine geilsten vier Jahre hier in Braunschweig. (Foto: Kay Rohn)

Malte hat rübergemacht

Vor dem Spiel treffe ich kurz Malte, der offensichtlich rübergemacht hat, auf die Haupttribüne. Ich schätze, er sucht den Perspektivwechsel. Ist auch er sich nicht sicher mit seiner Aufstellung in der Südkurve? Neue Mitspieler stehen an seiner Seite und gemeinsam diskutieren sie in Richtung der sich aufwärmenden Mannschaft. Sein Fanclub in der Südkurve muss heute ohne den Routinier auskommen. Ich hoffe, das Fanclubteam kann diese Unzulänglichkeiten durch Winterzugänge kompensieren.

Rübergemacht hat Malte.
Malte hat rübergemacht nach Block 3. (Foto: Kay Rohn)

Das Fußballspiel

Der Begriff „Aufstellung“ ist wohl in den Fachgesprächen vor Beginn am meisten verwendet worden. Nach der Leistung im Spiel gegen 1860 München eine Woche vorher waren Umstellungen angekündigt worden. Laufbereitschaft und Einsatzwille sollten besser werden. Marco Antwerpen setzt beim Spiel gegen den Tabellenletzten auf zwei junge, schnelle Kräfte mit Yari Otto und Patrick Kammerbauer. Beide sollen zusammen mit Danilo Wiebe das Mittelfeld schnell machen.

Nach dem Schlusspfiff denke ich: Gefehlt hat so etwas wie Routine. Nehrig und Fürstner saßen auf der Bank, die Rückwärtsbewegung im Spiel war oftmals nicht geordnet und Jena nahm die Einladung natürlich an.

Das Mittelfeld gehörte in der ersten Hälfte den Gästen und folgerichtig fiel in der 21. Minute das 0:1. Steffen Nkansah, sichtlich verunsichert, ging zur Pause runter. Antwerpen spielte anschließend mit der Dreierkette in der Abwehr, nahm Yari Otto raus und brachte dafür Nick Proschwitz. Ich hatte den Eindruck, die sportliche Leitung ist selber nicht sicher, was jetzt richtig ist und was nicht. Es wird dazu sicher nach dem Spiel eine sachliche Analyse mit den sportlichen Verantwortlichen geben. Marco Antwerpen hat sinngemäß in einem Interview gesagt, dass er gerne mehrmals nacheinander mit der gleichen Startelf beginnen würde. Die gilt es zu finden. 1:1 zum Schlusspfiff.

Nach Schlusspfiff ist keiner zufrieden.
Nach den 90 Minuten werden die Interview-Wände aufgebaut. (Foto: Kay Rohn)

Feedback mit Pfiffen

Die Wahrnehmung der Fans ist, dass die Leistung der Mannschaft nicht in Ordnung ist. Das äußert sich in Pfiffen während und nach dem Spiel. Das ist legitim und damit müssen Spieler und Umfeld umgehen. Der einzige Balsam für die Eintracht-Seele sind - das ist mir aufgefallen - Legenden. Nicht nur die von ´67.