Güllü Sahan Güllü Sahan

Güllü Sahan über ihr neues Leben:
"Ankommen, durchhalten, weitergehen"

In der Region Braunschweig-Wolfsburg finden Menschen aus aller Welt Perspektiven für ein neues Leben. Unser Autor Atilla Acar spricht mit Güllü Sahan, die vor zwei Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam. Unter anderem beantwortet die 25-jährige Auszubildende im Interview die Frage, warum sie in unsere Region gekommen ist. 

Immer mehr Menschen verlassen ihre Heimat, um sich in Deutschland und in unserer Region eine neue Zukunft aufzubauen. Doch warum wagen sie diesen Schritt – oft verbunden mit großen Risiken, Unsicherheiten und persönlichen Einschnitten? Weil unsere Region Perspektiven bietet: berufliche Chancen, Stabilität und die Möglichkeit, sich langfristig ein neues Leben aufzubauen.

Güllü Sahan kam im April 2024 nach Deutschland. In der Türkei arbeitete die 25-Jährige in der kommunalen Verwaltung und begann ein Studium, das sie schließlich abbrach, um alles auf eine Karte zu setzen. Wirtschaftliche Unsicherheiten, hohe Inflation sowie erlebte Korruption und Ungerechtigkeit bewegten sie zu diesem Schritt. Heute lebt sie zusammen mit ihrem Mann in Braunschweig und absolviert eine Ausbildung zur Pflegefachkraft. Im Gespräch berichtet sie offen von ihrem Weg, ihren Herausforderungen – und davon, was ihr Kraft gibt, weiterzumachen.

„Ich gehe diesen Weg – mit oder ohne dich!“

1. Was hat dich dazu bewegt, nach Deutschland und in unsere Region zu kommen?

Ich wollte meinen zukünftigen Kindern ein besseres Leben ermöglichen. In der Türkei habe ich gearbeitet und studiert, aber die wirtschaftliche Situation und auch Ungerechtigkeiten haben mich stark belastet. Deshalb habe ich mein Studium abgebrochen und alles auf eine Karte gesetzt. Mein Mann wollte anfangs nicht mitkommen – er hatte Angst, seine Familie, Freunde und sein gewohntes Leben zu verlassen. Auch die neue Kultur hat ihm Sorgen gemacht. Ich habe ihm damals klar gesagt: Ich gehe diesen Weg – mit oder ohne dich! Am Ende hat er sich für uns entschieden. Rückblickend war es für uns beide der richtige Schritt, weil wir beide es hier lieben. Braunschweig ist für uns genau richtig: nicht zu groß, nicht zu klein, lebendig, kulturell vielfältig und harmonisch. Ich habe viele Städte gesehen wie Hamburg, Hannover, Berlin oder Köln – aber keine hat diese besondere Energie wie Braunschweig.
 

Güllü Sahan in Braunschweig Güllü Sahan
Güllü Sahan – angekommen in Braunschweig

„Ich möchte nicht mehr zurück, auch wenn ich meine Heimat liebe.“

2. Was bedeutet „Ankommen“ für dich – und wie hast du deine erste Zeit erlebt?

Innerlich bin ich angekommen. Ich möchte nicht mehr zurück, auch wenn ich meine Heimat liebe. Für mich bedeutet Ankommen nicht nur ein Ort, sondern ein Gefühl von Ruhe, Sicherheit und Perspektive. Ich habe sehr viel investiert – und dadurch wird alles, was ich hier habe, noch wertvoller. Der Anfang war sehr herausfordernd, weil alles gleichzeitig kam: Sprache lernen, Führerschein machen, Aufenthalt organisieren und viele bürokratische Dinge klären. Besonders bei Behörden war es oft schwer, Termine zu bekommen. Ich war immer ein sehr selbstbewusster Mensch. Durch die Sprachprobleme ist dieses Selbstbewusstsein zeitweise zurückgegangen. Aber ich habe nie aufgegeben. Ich habe nach dem Motto gelebt: „Was dich nicht tötet, macht dich noch stärker.“ Heute bin ich stärker denn je. Ich habe gelernt, ruhiger zu werden, da ich eher hektisch war. Zudem fand ich es anfangs interessant, wie viel hier über das Wetter gemeckert wird (lacht).
 

„Es gab Momente, in denen ich gezweifelt und geweint habe.“

3. Was waren deine größten Herausforderungen, Zweifel und schwierigen Momente?

Die größte Herausforderung war die Sprache. Deutsch ist wirklich schwierig (lacht). Es gab Momente, vor Prüfungen, in denen ich gezweifelt und geweint habe. Mein Mann hat mich in diesen Momenten immer unterstützt und mir Kraft gegeben. Besonders schwer war der Anfang der Ausbildung. Ich bin ein sehr sozialer Mensch, aber ich konnte mich nicht so ausdrücken, wie ich wollte. Menschen wollten mit mir sprechen, aber ich konnte nicht richtig antworten. Das hat zu Schamgefühlen und Selbstzweifeln geführt. Hinzu kam das Heimweh – besonders an Feiertagen habe ich meine Familie sehr vermisst. Trotzdem war für mich immer klar: Aufgeben ist keine Option.
 

Güllü Sahan. Mit Freude im neuen Beruf – und offen für alles, was kommt. Güllü Sahan
Mit Freude im neuen Beruf – und offen für alles, was kommt.

„Ohne harte Arbeit geht es nicht!“

4. Was hat dich in Deutschland überrascht – im Alltag und im Job?

Viele Menschen denken, dass in Deutschland alles einfach ist – aber das stimmt nicht. Auch hier muss man hart arbeiten, und oft reicht ein einziges Einkommen in der Familie nicht aus. Das erinnert mich an eine Zeit in der Türkei: Früher sind viele Menschen aus Anatolien in großer Zahl nach Istanbul ausgewandert – in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Damals entstand der Spruch: „In Istanbul sind sogar Steine und Erde aus Gold.“ Viele glaubten, dass dort alles einfacher sei und man schnell erfolgreich werden könne. Die Realität sah jedoch ganz anders aus. Genauso ist es auch heute in Deutschland: Viele haben große Erwartungen – aber am Ende gilt überall das Gleiche: Ohne harte Arbeit geht es nicht!

Überrascht hat mich auch, wie langsam vieles läuft, vor allem bei Behörden. Auch die Digitalisierung ist aus meiner Sicht noch ausbaufähig. Besonders überraschend war für mich der kulturelle Unterschied beim Essen – er war viel größer, als ich erwartet hatte. Ich komme aus Gaziantep, einer Region mit einer sehr reichen Küche. Bei uns wird jeden Tag frisch und warm gekocht. Wenn man dort sagt: „Iss einfach ein Brot zum Abendessen“, wäre das fast eine Beleidigung (lacht). Sehr positiv überrascht haben mich hingegen die Menschen: Viele sind freundlich, hilfsbereit und offen. Im Job ist die Arbeit zwar körperlich anstrengend, aber sehr erfüllend. Wenn ich sehe, wie dankbar die älteren Menschen sind, vergesse ich die Anstrengung sofort.

„Dieses Gefühl ist unbeschreiblich!“

5. Was gibt dir Kraft – und welche Tipps hast du für andere internationale Fachkräfte?

Mir geben meine Ziele Kraft: eine sichere Zukunft für mich, meinen Mann und unsere (zukünftigen) Kinder. Ich möchte mich weiterentwickeln, reisen und meine Ziele erreichen. Grundsätzlich bin ich ein positiv denkender Mensch. Ich gehe nach dem Motto: „Auch wenn etwas schlecht erscheint, hat es etwas Gutes.“ Man sollte dankbar sein – vor allem, wenn man sieht, dass es in anderen Teilen der Welt Krieg gibt. Hier habe ich Sicherheit. Im Alltag helfen mir auch kleine Dinge: Sport, Fahrradfahren, ein Eis essen oder ein Pilateskurs. Mein Rat an ausländische Fachkräfte, die bereits in Deutschland sind: Habt Mut! Sprecht Menschen an, auch wenn ihr Fehler macht. Man lernt nur durch Praxis. Versucht nicht, alles perfekt zu machen – Fehler gehören dazu. Gebt nicht sofort auf: Auf jede Nacht folgt ein Morgen. Am Anfang ist vieles schwer, aber mit der Zeit wird es besser – und dieses Gefühl ist unbeschreiblich! 

Wer noch im Herkunftsland ist, sollte sich über die Region oder Stadt informieren, in der er leben möchte, Kontakte über soziale Medien knüpfen und – wenn möglich – zunächst für einen Besuch nach Deutschland kommen. Und ganz wichtig: Lernt Deutsch, mindestens auf A2-Niveau, besser noch B1. Außerdem sollten sie sich bei Fragen auf jeden Fall an das Welcome Center der Region wenden, da es bei vielen Anliegen unterstützen und weiterhelfen kann. Ich versuche selbst, anderen zu helfen, die nach Deutschland kommen möchten, weil ich diesen Weg selbst gegangen bin und weiß, wie herausfordernd er sein kann.

Sorgen über die politische Entwicklung in Deutschland

6. Würdest du einem Freund oder einer Freundin empfehlen, nach Deutschland zu kommen?

Ja, ich würde es empfehlen – und ich tue es auch. In meinem Freundeskreis in der Türkei sprechen wir darüber. Allerdings haben viele Angst vor einem komplett neuen Leben in einer fremden Kultur. Auch die politische Entwicklung in Deutschland macht einigen Sorgen.

Güllü Sahan. Ein letzter Moment in der Heimat – bevor ein neues Kapitel beginnt. Güllü Sahan
Ein letzter Moment in der Heimat – bevor ein neues Kapitel beginnt.

Die Geschichte von Güllü Sahan zeigt: Ankommen ist kein Moment, sondern ein Prozess. Er erfordert Mut, Geduld und Durchhaltevermögen. Optimismus bedeutet dabei nicht, dass alles einfach ist – sondern dass man trotz Herausforderungen weitermacht und an seine Zukunft glaubt.