Zum Inhalt springen

Autonomes Parken im Forschungsparkhaus Braunschweig

Thomas Ahlswede-Brech und Marcel Kascha. (Bildrechte: Jörg Scheibe)

Am Forschungsflughafen in Braunschweig steht ein ganz besonderes Parkhaus. Hier stellen nicht nur Besucher und Arbeitnehmer am Flughafen ihre Autos ab, sondern hier erforschen Wissenschaftler der TU Braunschweig automatisierte Parksysteme der Zukunft. Künftig wird der Fahrer sein Auto ins Parkhaus fahren, in einer Eingangszone abstellen, aussteigen und dann mit einer Smartphone-App das Auto wieder starten. Es fährt dann automatisch durchs Parkhaus, sucht sich seinen Parkplatz und parkt ein. Umgekehrt funktioniert es dann genauso.

Das Projekt „SynCoPark“ am Flughafen

„Die Technik dafür gibt es bereits, doch wird es wohl noch mindestens fünf Jahre dauern, bevor solche automatisierten Parksysteme kommerziell genutzt werden“, erwartet Marcel Kascha, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Fahrzeugtechnik. Wie schnell das geschehen wird, hängt vor allem von der Entwicklung einheitlicher Standards ab, damit die automatischen Fahrfunktionen unabhängig vom Autohersteller und Parkhausbetreiber übergreifend genutzt werden können. Zudem stehen einer kommerziellen Entwicklung noch rechtliche Probleme entgegen. Grundsätzlich können automatisierte Fahrzeuge in einem Parkhaus leichter bewegt werden. Kascha: „Im Parkhaus ist der zu überwachende Raum und der Verkehr begrenzt, die Fahrzeuge fahren deutlich langsamer. Daher werden hier höchstwahrscheinlich die ersten autonomen Funktionen ohne Fahrerüberwachung und -eingriff in Serie gehen.“

Standardisierung von Komponenten und Schnittstellen

Kascha arbeitet am Projekt „SynCoPark“ mit, an dem drei Institute des Niedersächsischen Forschungszentrums Fahrzeugtechnik (NFF) der TU Braunschweig beteiligt sind, das am Forschungsflughafen sitzt. Mit dabei sind außerdem einige Unternehmen der Mobilitätswirtschaft sowie in beratender Funktion VW und BMW. Im Forschungsparkhaus Braunschweig sollen alle bekannten teil- oder vollautomatisierten Parksysteme getestet und analysiert werden. Dabei geht es unter anderem um die Lokalisierung der Fahrzeuge im Parkhaus sowie um die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Infrastruktur des Parkhauses.

Ziel ist es, alle Komponenten und Schnittstellen zu standardisieren und zu vereinheitlichen – damit alle Systeme künftig kompatibel sind und ausgeschlossen wird, dass das autonome Auto eines Herstellers von einem anderen System eines Parkhausbetreibers ausgesperrt wird. „Es werden Standards für die Hardware-Ausstattung solcher Systeme geschaffen, die unabhängig von Autoherstellern und Parkhausbetreibern sind“, erklärt Thomas Ahlswede-Brech, der im Bereich Mobilitätswirtschaft und -forschung bei der Allianz für die Region arbeitet. Vergleichbares gebe es bereits für das autonome Fahren auf der Straße.

Es gibt schon automatisierte Parksysteme

Die Allianz für die Region hat das Projekt SynCoPark gemeinsam mit ITS Deutschland initiiert und angeschoben. ITS ist ein Netzwerk von Unternehmen und Forschungseinrichtungen zur Entwicklung neuer intelligenter Verkehrssysteme. Ahlswede-Brech: „Im Rahmen des Projektes sollen auch rechtliche Aspekte, etwa Haftungsfragen bei Parkhausschäden, untersucht und neue Geschäftsmodelle im Zusammenhang mit dem automatisierten Parken entwickelt werden.“

Es gebe bereits verschiedene technische Systeme für das so genannte „Automatisierte Valet Parken“ (AVP), erläutert Kascha. Beim Valet Parken handelt es sich um Parkdienste gegen Bezahlung, wie man sie aus dem Auslandsurlaub von Hotels oder Restaurants kennt. Bei Daimler-Benz wurde, so Kascha, bereits ein System demonstriert, bei dem Laserscanner flächendeckend im Parkhaus installiert sind. Ein zentraler Rechner lotst mit Hilfe einer digitalen Parkhauskarte und mobiler Signalübertragung die Autos zu freien Parkplätzen. Bei einem BMW-System ist es genau umgekehrt. „Hier steckt die Intelligenz im Auto“, erläutert Kascha. Das Fahrzeug ist mit Laserscannern bestückt, die eine 360-Grad-Rundumsicht ermöglichen. Es plant die Bewegung eigenständig. Dazwischen gibt es Systeme, die mehr oder weniger Teile beider Technologien einsetzen. Automatisierte Fahrzeuge im Straßenverkehr sind meist mit verschiedenen Sensoren bestückt: neben Radaren meist noch mit Ultraschallsensoren, Kameras und neuerdings auch mit Laserscannern. Außerdem wird zur Ortung des Fahrzeugs mit GPS-Satellitensignalen gearbeitet. Letzteres funktioniert in Parkhäusern wegen des schlechten Empfangs der GPS-Signale allerdings nicht.

Demonstrationsprojekt in der Elbphilharmonie

Im Forschungsparkhaus Braunschweig wird in den nächsten Monaten die digitale Infrastruktur, vor allem Laserscanner und Kommunikationsmodule, installiert. Auch zwei Testfahrzeuge werden mit Laserscannern bestückt. Dann sollen die Tests beginnen. Dafür stehen 15 Parkplätze im Parkhaus zur Verfügung, das insgesamt 650 Plätze hat. „Wir wollen die im Laufe des Projektes definierte Standards im Forschungsparkhaus mit Hilfe unserer Testfahrzeuge analysieren, demonstrieren und stetig überarbeiten“, kündigt Kascha an. In der zweiten Jahreshälfte 2020 sollen die Ergebnisse als Machbarkeitsbeweis auf das Parkhaus der Hamburger Elbphilharmonie übertragen werden und einige Monate später im Rahmen eines ITS-Weltkongresses für intelligente Transportsysteme der Zukunft präsentiert werden. Kascha: „Damit wollen wir auch demonstrieren, dass Systeme für das automatisierte Parken nicht nur in neuen Parkhäusern funktionieren, sondern auch in bestehenden.“

Starke Projektpartner

Die Allianz für die Region und ITS Deutschland haben das Projekt initiiert. Ahlswede-Brech: „Wir wollten das neue Parkhaus auch für die Forschung nutzen, weil am Forschungsflughafen schließlich eine geballte Kompetenz in Sachen Mobilitätsforschung ansässig ist.“ So wurde gemeinsam mit ITS Deutschland ein Arbeitskreis gegründet, Partner angesprochen, ein Konsortium gebildet und ein Förderantrag gestellt. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur fördert das Projekt inzwischen mit 2,6 Millionen Euro. Konsortialführer ist das NFF mit drei Instituten: dem Institut für Fahrzeugtechnik (IfF), dem Institut für Automobilwirtschaft und Industrielle Produktion (AIP) sowie die Forschungsstelle Mobilitätsrecht. Weitere Projektpartner sind der APCOA-Konzern, der größte Parkhausbetreiber Europas, das Bauunternehmen Goldbeck, das auf den Bau von Parkhäusern spezialisiert ist sowie die Unternehmen trive.me, Navcert und Pretherm.

Das Forschungsparkhaus soll offen für andere Projekte sein, betont Ahlswede-Brech. Hier könnten künftig andere Unternehmen eigene Entwicklungen testen und die vorhandene digitale Infrastruktur nutzen und erweitern. Erste Anfragen gebe es bereits.

Vorheriger Artikel
Mansfeld-Löbbecke-Stiftung – Zehn Fragen an Christiane Redecke
Nächster Artikel
Talentiert und beliebt – die Wolfenbütteler Sportler der Herzen 2019