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Dachdeckermeister Maik Höse, Firmenchef Jörg Paul mit Tochter Antonia und Thomas Paul (von links) auf dem Beriebsgelände in Vechelde. Susanne Jasper

Väter in Elternzeit
Wie ein Vechelder Dachdecker-Betrieb die Elternzeit regelt

Bei der Vechelder Firma DBS Vechelde Dach & Bau Service ging ein Mitarbeiter im vergangenen Jahr in Elternzeit. Wie kam das an? Wie kam man im Betrieb damit klar? Riesenbaustelle oder null problemo – wir haben mal nachgefragt.

Die Baubranche ist eine klassische Männerdomäne. Harte Maloche bei Wind und Wetter, kernige Sprüche und Mettbrötchen in der Mittagspause. Wenn da ein Kollege Papa wird, gibt er nach Feierabend `ne Kiste Bier aus. Und gut ist. Oder ist es vielleicht ganz anders? Nehmen auch in dieser Branche die Väter nach der Geburt eines Kindes ganz selbstverständlich Elternzeit? Oder gibt es doch noch einen flapsigen Spruch, wenn der Kollege den Latthammer für eine gewisse Zeit gegen eine Babyrassel eintauscht? Vom Polier zum Bambinoschieber – geht das?

Wir haben uns in der Region nach einem Vater in Elternzeit auf die Suche gemacht. Und haben ihn bei der Firma DBS Vechelde gefunden. Als Thomas Paul Ende März 2023 zum zweiten Mal Vater geworden ist, hatte er zuvor zwei Monate Elternzeit beantragt. Nach der Geburt blieb er einen Monat bei seinem Sohn Lenn, den zweiten Monat der Elternzeit legte er in den Jahreswechsel 2023/24. 

Drei Mitarbeiter beschäftigte der Betrieb Anfang 2023. „Und klar“, sagt Firmenchef Jörg Paul, „der erste Monat der Elternzeit fiel in die Zeit, als das Wetter endlich besser wurde, wir gut zu tun hatten.“ Denn die Baubranche ist nun mal existenziell vom Wetter abhängig. Wenn dann einer von drei Mitarbeitern ausfällt, heißt es klotzen und gut mit dem Kalender jonglieren. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern hatte er die Elternzeit von Thomas gut vorbereitet. Blöde Sprüche? „Ehrlich: gab`s nicht“, sagt Thomas Paul. 

Jörg Paul (42) ist selbst Vater dreier Kinder, kann also verstehen, dass man von den Kleinen nicht nur nach Feierabend oder am Wochenende etwas mitbekommen will. Dass man sich einbringen, Sorge und Fürsorge ums Kind mit der Mutter teilen will. Dass Thomas sein Bruder ist und es den familiären Haussegen womöglich in Schieflage gebracht hätte, wenn er dem Bruder die Elternzeit nicht ermöglicht hätte, spielte bei seiner Entscheidung keine Rolle. „Als Arbeitgeber musst du heute eine Unternehmenskultur pflegen, die mit der Zeit geht, die gesellschaftliche Veränderungen abbildet.“

Flexibilität war gefragt

Neben der Elternzeit gehören dazu aus seiner Sicht auch flexible Arbeitszeitmodelle. So hat sein Bruder Thomas den zweiten Monat der Elternzeit gesplittet: Da die Wintermonate Dezember und Januar, traditionell ohnehin nicht die auftragsstärksten Monate im Baugewerbe sind, arbeitete er montags bis mittwochs. „Das haben wir vorab alles genau abgekaspert, auch dieses Modell lief gut. Wenn es mal Nachfragen gegeben hätte, wäre Thomas auch telefonisch erreichbar gewesen. War aber nicht nötig.“

Dachdeckermeister Maik Höse, Firmenchef Jörg Paul mit Tochter Antonia und Thomas Paul (von links) auf dem Beriebsgelände in Vechelde. Susanne Jasper
Dachdeckermeister Maik Höse, Firmenchef Jörg Paul mit Tochter Antonia und Thomas Paul (von links) auf dem Beriebsgelände in Vechelde.

Wir treffen uns auf dem Betriebsgelände in Vechelde, im Aufenthaltsraum der Mitarbeiter. Paul reicht eine Platte belegte Brötchen, ja, auch lecker Mett mit Zwiebeln dabei. Töchterchen Antonia (2) greift beherzt zu, sie ist auf Stippvisite mit Mama. Es wäre naheliegend gewesen, sage ich, vielleicht jemanden einzustellen, um den Verlust an Arbeitskraft zu kompensieren, gerade im Frühjahr, wenn gut zu tun ist. Paul lächelt. „Finden Sie mal wen!“ Gutes, qualifiziertes Personal zu bekommen sei extrem schwierig. Nadel im Heuhaufen ein Klacks dagegen. Was er schon an Anzeigen geschaltet habe, beim Arbeitsamt vorstellig geworden ist – „Null!“ Man könne sich gar nicht vorstellen, was da zum Teil abgehe in der Branche: „Der Kampf um Mitarbeiter ist verrückt, da werden teils Abwerbeprämien gezahlt.“

Ein Grund für den eklatanten Mangel an Fachpersonal sieht er auch im fehlenden Nachwuchs. „Die wollen alle Influencer werden, im Homeoffice sitzen, nicht vor 9 Uhr anfangen.“ Doch Paul geht auch mit seiner Branche nicht zimperlich um: „Du kannst so einen Auszubildenden natürlich auch nicht ein Jahr lang den Hof fegen lassen. Die müssen so schnell wie möglich auf die Baustellen, Schulungen bekommen, qualifiziert werden, damit sie zügig ans selbständige Arbeiten herangeführt werden können.“ 

Eingespieltes Team mit Familienanschluss

Mittlerweile besteht das Team aus neun Leuten. Ohne Abwerbeprämie. Die Leute hat er sich über lokale Netzwerke, regionale Connections zusammengesucht. Die Mitarbeiter verteilen sich auf die Dachabteilung, die im Verantwortungsbereich vom Dachdeckermeister Maik Höse (46) liegt, und den Tiefbaubereich, der aktuell eine rasant steigende Nachfrage zu verzeichnen hat. 

Thomas Paul (38) arbeitet seit vier Jahren im brüderlichen Betrieb. Der gelernte Drucker sattelte um, als in seiner Branche die Auftragsbücher immer leerer wurden. Der Quereinstieg zum Dachdecker ist mit Fleiß und Disziplin geglückt. „Das war der richtige Weg, das ist ein Handwerk mit Zukunft.“

Um die Arbeit im Handwerk auch abseits der eigentlichen Aufgaben attraktiv zu gestalten, hat auch Jörg Paul die Abläufe umstrukturiert. Alle zwei Wochen ist freitags frei. Das hält seine Truppe bei Laune. Ebenso wie die vom Chef gesponserten sporadischen Grillabende nach Feierabend oder Ausflüge in die Salztherme nach Altenau. Und wenn Papa alle zwei Wochen freitags nicht auf der Baustelle, sondern am Herd steht, ist auch noch die Familie happy.