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Heimat trifft urbane Kultur – junge Kulturschaffende im Landkreis Helmstedt

  • Datum: 22. Juli 2019
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 (Bildrechte: ekis/privat)
Foto von Laura van Joolen
Laura van Joolen
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Wenn Töchter und Söhne auf dem Land mit ihrer Schule fertig sind, dann ziehen sie in die Städte, machen eine Ausbildung oder studieren. So auch die Jugendlichen in Schöningen und Helmstedt. Aber irgendwie auch anders: Viele bleiben der Heimat und ihren Wurzeln verbunden und spannen einen Bogen zwischen urbanem und ländlichem Raum. Als Kulturwissenschaftlerin auf dem Lande ist es mir wichtig, mich zu vernetzen, Impulse zu bekommen, Gleichgesinnte kennenzulernen und das Gefühl von Lebendigkeit und Weite zu erfahren. Das Schöne ist, dass es mittlerweile sehr viele Wege gibt, sich so ein Netz auch auf dem Land aufzubauen.

Der Pferdestall in Helmstedt

Als ich vor ungefähr drei Jahren in Hannover als Jugendbildungskoordinatorin eine Fachtagung zum Thema „Jugendgerechte Kommune“ besuchte, kam aus Helmstedt eines der Best-Practice-Beispiele von aktiver, engagierter und selbstbestimmter Jugendbeteiligung. Vorgestellt wurde der Pferdestall in Helmstedt: Fünf Jugendliche erschienen mit ihrem Lehrer in Hannover, hatten schön gestaltete Bleistifte, Blöcke und Sticker dabei und erzählten, wie sie in ihrem Wohnort auf eigene Faust eine Kultureinrichtung initiierten. Der Impuls kam von diesem Lehrer, der seinen Schüler*innen in einem Studiensemester ein Jahr lang die Möglichkeit gab, zu erkunden, wie sie sich ihren Heimatort wünschten.

Diese Frage wird sehr oft an Jugendliche gestellt. Die Antworten sind sehr häufig: einen McDonalds in der Innenstadt, ein Schwimmbad mit Rutsche oder einen H&M zum Einkaufen. In Helmstedt jedoch ging die Auseinandersetzung tiefer und die Jugendlichen stellten fest, dass ein Ort für Begegnung, Kultur und Engagement fehlte. Sie erstellten ein Konzept und fanden einen großen Unterstützer in der Caritas, die ihnen wunderschöne Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Hier finden nun Ausstellungen, Konzerte und viele andere Veranstaltungen statt. Die Idee des Pferdestalls geht noch weiter: Immer noch werden Menschen aufgerufen mitzumachen, mitzugestalten und sich einzubringen. Der Pferdestall – ein Ort für dich und deine Ideen – so steht es auf der Webseite. Er ist ein Ort geworden, an dem sich auf Initiative von jungen Menschen quer durch die Generationen hinweg Kulturschaffende und -interessierte treffen und austauschen.

https://www.pferdestall-helmstedt.de

ekis e.V.

Auf ekis e.V., den „Coolen Verein zur Erhaltung alternativer Kultur in und um Schöningen“, bin ich durch Zufall gestoßen, als ich mal wieder im Internet recherchierte, was so im Landkreis Helmstedt los ist. Mein Partner machte mir nicht besonders viel Hoffnung: Im ehemaligen Kohleabbaugebiet so nah an der innerdeutschen Grenze wäre einfach nicht viel los. Er bestätigte damit das Klischee vom idyllischen, aber einsamen Landleben. Aber von wegen: Da ist ein Verein, der Konzerte, Festivals und Events organisiert, wie ich sie auch aus Hannover und meiner Studienzeit in Hildesheim kenne. Und plötzlich stellt sich heraus, dass auch einer der Mitstreiter des Vereins in Hildesheim studiert hat. Er arbeitet mittlerweile professionell im Kulturbereich in Hamburg. Und trotzdem zieht es ihn und seine Freunde, die mittlerweile in Deutschland zerstreut leben, immer wieder in die Heimat, um dort den ländlichen Raum mit Ideen und Impulsen zu befruchten. Vor etwa acht Jahren hatten einige Jugendliche im Tagebau Schöningen eine Party gefeiert und diese „Es kracht im Schacht“ genannt. Der Name des Vereins ekis erinnert immer noch an die Anfänge, die wohl sehr bahnbrechend gewesen sein müssen. Daraufhin initiierte der ekis e.V. zwei Open-Air-Festivals in Heeseberg mit dem schönen Titel „Turm und Drang“, ein Treckerkino und in diesem Jahr das „Hinterwaldfestival“ im Elmhaus in Schöningen. Ekis e.V. experimentiert, entwickelt, probiert Neues aus und verbindet die vielen unterschiedlichen Kompetenzen und Interessen der Mitglieder miteinander. Über anstehende Projekte kommunizieren sie regelmäßig über Skype und andere Onlinetools. Einige der jungen Leute leben aber auch wieder in der ländlichen Heimat, halten hier die Stellung und bilden den harten Kern des Vereins.

Botschafter aus Helmstedt

Und ekis ist nicht nur als Veranstalter unterwegs. Es geht den Mitgliedern auch darum, Botschafter für eine alternative, engagierte Kultur zu sein. Sie wollen inspirieren, Menschen dazu ermutigen, die Initiative zu ergreifen und andere Menschen aktivieren, um die Region und den ländlichen Raum weiterzuentwickeln. Immer wenn auf diesem Gebiet Diskurse stattfinden, fehlt auch ekis nicht. Ob es um die Entwicklung des Kulturbahnhofs in Helmstedt oder Konferenzen – iniitiert von der Hochschule Anhalt zur Stadt- und Freiraumentwicklung geht – hier ist der Verein gedanklich und inhaltlich mit im Boot. Und dann soll auch noch der „ekis space“ in Söllingen entstehen. In seinem Bauernhof ist Timothy Reeve dabei, im ehemaligen Treckerschuppen, einen „Ort zum Verweilen, Basteln, Löten, Programmieren, Gestalten, Arbeiten und Entwickeln“ zu ermöglichen. „Von Start-up bis Coworking, von Kino bis Repaircafé.“

http://coolerverein.de

Das Elmhaus in Schöningen

Und auch das Elmhaus ist eine spannende Adresse - insbesondere für junge Kultur im Landkreis. Am meisten fasziniert mich persönlich die tolle Lage des Anwesens und dass hier Flamenco-Konzerte veranstaltet werden. Eine „Stiftung FUX für bildende Kunst und Baukultur“ hat das Haus 2014/2015 erworben und durch eine umfassende Renovierung vor dem drohenden Verfall bewahrt. Mit der Bewirtschaftung der Gastro- und Gewerbeimmobilie soll der Stiftungszweck, Nachwuchsförderung von bildenden Künstlern und Künstlerinnen durch Stipendien und Preise, auch in Zukunft gewährleistet sein.

So ist die Fachwerkvilla von 1896 am Waldrand ein schöner Ausflugsort mit einem Café und einer ausgewählten Speisekarte geworden. Im großen Saal des Elmhauses finden Feiern, Hochzeiten und auch viele regionale sowie internationale Konzerte statt. Die Zusammenarbeit mit der jungen Musikschule Stern aus Schöningen mit dem Schwerpunkt Pop und Jazz und dem ekis e.V. führte zur einer Reihe von Highlights unterschiedlicher Formate: Shereen Adam, die Berliner Band Freddy Fischer, Avenue 15 - eine Jazzformation des aus Helmstedt stammenden Pianisten Hendrik Theis oder die junge virtuose Weltmusik-Gruppe North Sea String Quartett aus Rotterdam. Aber auch ein Drum Circle von Ben Flohr und Steffen Wilhelmi in Haus und Wald oder das Festival „Hinterwald“ von ekis e.V. mit Wokshops, einem Pop-up Markt und Musik von Neo-RNB, Fusion bis Indie fanden am Elmhaus statt.

Im persönlichen Gespräch wiederholt Renate Buchholtz, die Geschäftsführerin, deshalb ihre Einladung, das Elmhaus als Plattform zu nutzen: Es gehe darum, einen Ort zu schaffen, an dem sich Leute jeglichen Alters treffen können und als Publikum sowohl konsumieren, als sich auch im Bereich bildender Kunst und Musik zu orientieren, teilzuhaben oder selbst aktiv zu werden.

http://elmhaus.de

https://stern-musikschule.de

Ehrenamt verbindet

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